Banker beklagen Regulierungs-Tsunami

19. November 2012, 13:58

Geldinstitute fühlen sich von der Flut von Vorschlägen zur Regulierung der Branche zunehmend überfordert

Frankfurt am Main - Deutsche Geldinstitute fühlen sich von der Flut von Vorschlägen zur Regulierung der Branche zunehmend überfordert. "Der Bankensektor steht an der Klippe eines regulatorischen Kollapses", sagte der Vorstandschef der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), Hans-Dieter Brenner, auf einem Bankenkongress in Frankfurt. Das drohe die Kreditvergabe zu bremsen. DZ-Bank -Chef Wolfgang Kirsch forderte, vor weiteren Initiativen zunächst die Folgen für die Branche zu untersuchen.

Ein US-Bankenaufseher drohte sogar mit einem Alleingang des wichtigsten Finanzplatzes der Welt, wenn die Kapital- und Liquiditätsregeln nicht entschlackt würden. "Wir sollten Basel III in seiner aktuellen Form aufgeben", sagte der Vize-Chef der US-Einlagensicherung FDIC, Thomas Hoenig, dem "Handelsblatt". Deutsche-Bank-Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen warnte dagegen davor, das Paket noch einmal aufzuschnüren. "Es kann nicht sein, dass man um fünf vor zwölf eine solche Diskussion vom Zaun bricht", sagte er auf der "Euro Finance Week". Auch er beklagte die Vielstimmigkeit der Forderungen: "Ich glaube nicht, dass wir heute ein Umfeld haben, in dem wir sagen können, dass die Weichen richtig gestellt sind."

Zeitplan wackelt

Der Zeitplan für Basel III wackelt ohnehin. Die USA haben die für Anfang 2013 geplante weltweite Einführung der Regeln für ihre Banken erstmal verschoben. Auch in der EU wird noch über Einzelheiten gestritten. Deutsche Spitzenbanker forderten auf dem Kongress, das Regelwerk rasch und einheitlich umzusetzen, um Wettbewerbsnachteile zu vermeiden. DZ-Bank-Chef Kirsch will aber kleine Institute wie die Volks- und Raiffeisenbanken von dem umfassenden Regelwerk ausnehmen: "Kleine Banken brauchen diesen Regulierungs-Tsunami definitiv nicht." Basel III wurde für international tätige Institute entwickelt.

Kirsch sprach sich für eine groß angelegte Feldstudie über die Wechselwirkungen der Bankenregulierung aus, wie sie beim Vorgänger-Regelwerk Basel II und zuletzt bei den Versicherern stattgefunden hatten. "Die strategischen Konsequenzen für Banken sind im Einzelnen bislang kaum vorhersehbar", sagte er. Wenn es nicht gelinge, mit Ertragssteigerungen gegenzusteuern, führe die Regulierungs-Flut dazu, dass Kosten gesenkt, Filialen geschlossen und Personal abgebaut werden müssten. Helaba-Chef Brenner sagte, die Richtlinien führten dazu, dass Banken weniger langfristige Kredite an Mittelständler vergeben können.

Kern von Basel III sind höhere Eigenkapital- und Finanzpolster für Banken, um sie von risikoreichen Geschäften abzuhalten und die Steuerzahler vor erneuten Rettungsaktionen in der nächsten Krise zu schützen - eine Lehre aus der Finanzkrise, in der Institute weltweit in Schieflage gerieten und vom Staat aufgefangen wurden.

Einführung modifizieren

FDIC-Vize Hoenig sagte, die Regeln seien zu komplex und würden die Banken einladen, die Vorgaben auszuhebeln. "Der ganze Ansatz von Basel hat sich als von Anfang an falsch erwiesen. Ich möchte Europa ermutigen, die Einführung von Basel III zu modifizieren." Die Kapitalanforderungen sollten vereinfacht werden. Hoenig schloss einen Alleingang nicht aus. "Man muss das Richtige tun. Das ist letztlich wichtiger als mit einem Rahmenwerk zu leben, das nicht funktioniert." Die Vermutung, die USA wollten ihren Banken einen Vorteil verschaffen, wies Hoenig zurück. Er sagte, die USA wollten nicht aus den Vereinbarungen aussteigen. Sie würden eher noch höhere Anforderungen stellen.

Die US-Regierung hat sich verpflichtet, die Regeln für ihre rund 20 international tätigen Großbanken umzusetzen. Im Baseler Ausschuss haben die USA auch selbst an den Regeln mitgearbeitet. Hoenig gilt seit langem als Basel-III-Skeptiker. Die FDIC, der er vorsteht, teilt sich die Aufsicht über die Banken mit der Notenbank Fed und der Regulierungsbehörde OCC. Die drei Institutionen hatten vergangene Woche den Einführungstermin von Basel III in den USA auf unbestimmte Zeit verschoben, weil es noch Diskussionsbedarf gebe. Schon das Vorgänger-Regelwerk Basel II haben die USA bisher nicht umgesetzt.

Auch in Europa stockt die Umsetzung. Europäisches Parlament, EU-Kommission und EU-Mitgliedstaaten haben sich noch nicht auf Details geeinigt. Der Verhandlungsführer des Parlaments, Othmar Karas, hatte Reuters am Wochenende mit Blick aus die USA gesagt: "Europa wird nicht warten, wir werden fertig verhandeln." Der österreichische Abgeordnete betonte: "Wir wollen Vorreiter sein." (APA, 19.11.2012)

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23 Postings
"Der Bankensektor steht an der Klippe eines regulatorischen Kollapses".

Aha, so ist das also. Da scheint ja prinzipiell was nicht zu stimmen, denn, as we all remember well: Gerade eben erst stand der Bankensektor vor einem ganz anderen Kollaps.

Bitte ja keine Regelungen für Banken

Laßt uns weiter mit eurem Geld zocken und die Gewinne absaugen und die Verluste durch eure Steuergelder abdecken.
Laßt uns mit unseren Gewinnen, die ohne irgendeiner reellen Leistung eingefahren werden, eure ganze Wirtschaft und eure Arbeitsplätze vollends ruinieren.
Laßt uns einfach ohne Leistung, durch die Zinsen, die ihr erarbeiten müßt, immer reicher werden und euch immer ärmer machen - sonst geht die Welt unter!
Volle Freiheit für die Reichen und Versklavung für die Armen - laßt uns einfach Gott sein und euch nur Dreck, den man belügen, betrügen und aussaugen kann AMEN.

Und man ahnt schon, was wohl der Grund sein könnte für jene "Charmeoffensive", die die Herren von der Deutschen Bank soeben inszenierten.

http://derstandard.at/135320653... eoffensive

Und so fügt sich eben stets ein Rädchen nahtlos in dasselbe.

Die Realität ist tatsächlich so blöd, wie sie sich Herr Meier immer vorstellt.

"Banker beklagen..."

Das Jammern ist des Kaufmanns Gruss.

mein Beileid jedenfalls.

die armen herren " bankbeamten"

Medienkampagne

Wie zu erwarten
die Banken jammern groß,
dass es allen schaden würde
wenn man sie reguliert.

Die Wahrheit ist:
Egal was es kosten mag,
die Banken zu regulieren -
die Banken NICHT zu regulieren
wird uns mehr kosten.

Regulierungs-Tsunami: Eine verunglücktere Metapher ist mir selten untergekommen.

Stimmt, ein wahres Meisterwerk surrealer deutscher Dichtkunst. Vermutlich ausgeheckt von der PR-Abteilung der Deutschen Bundesbank.

Für gewisse Blödmänner und -frauen im Deutschen Bundestag wird's aber, fürchte ich, hinreichen.

Und man achte auf die ebenso blöde wie leider wirksame Propagandatechnik:

"Tsunami" und "Kollaps", vor kurzem noch assoziiert mit dem Beinahe-Bankenchrash, werden einfach umgedreht und ins genaue Gegenteil verkehrt.

4 jahre u noch keine einzige regulierung wurde umgesetzt, eine frechheit

"die Richtlinien führten dazu, dass Banken weniger langfristige Kredite an Mittelständler vergeben können"

und damit die ja brav das nachbeten, was die banken wollen: totales verbot von crowd-funding!!! sofort und absolut!!!

damit nur ja keiner an den banken vorbei investieren und wachsen kann...

bitte , bitte liebe Journalisten:

das Wort "Tsunami" nicht für alles und jedes verwenden, das ist so albern....

eigenartig

als es darum ging, die leute abzuzocken und die verluste den steuerzahlerInnen irgendwie anzuhängen und boni abzukassieren, da fühlten sie sich nicht überfordert ....

regulierung - deregulierung - re-regulierung

die banken jammern? zuerst auf die deregulierung des kapitalmarktes dranken, dann sich wundern, wenn es zu re-regulierungen kommt. das hätte man vorher wissen können und müssen. es reicht ohnehin, dass die allgemeinheit für die risiken der banken haften - nachdem diese gebetsmühlenartig nach meiner wettbewerb und eigenverantwortlichem marktagieren gerufen haben. "bad bank" und billiges geld von der EZB (das an den normalen bankkunden dann zu 4-10% weitergegeben wird) - so sieht die unternehmenssanierungsstrategie unserer banker aus. paradox: sogar ihre ausbildung haben wir mit unseren steuergeldern finanziert. es wird zeit, an diesen absurden verhältnissen etwas zu ändern und eine neue kultur der verantwortung zu etablieren.

Was leisten die eigentlich?

Na, was schon. Die leisten: Sich selbst ein paar schöne Boni. Da stören Regulierungen natürlich bloß.

Na servas...

...da fühlt man sich schon alleine von den Vorschlägen überfordert. Nicht auszumalen, was passiert, wenn der eine oder andere Vorschlag sogar umgesetzt würde...

überforderte Banker

Diese Abkassierer haben seit 2008 viele Milliarden an Steuergeldern verschlungen. Anstatt dem Steuerzahler etwas davon zurückzugeben und ein funktionierendes Bankensystem zu entwickeln, haben sie sich auf die Verteidigung ihre Bonuszahlungen konzentriert.
Jetzt reicht es den Steuerzahlern. Die gewählten Politiker müssen JETZT Regulierungen schaffen.
Die Banken hatten 4 Jahre nichts gemacht, also bitte nicht jetzt mit Jammern anfangen.

die politiker haben wir nicht gewählt, die haben ihre parteien (auf vorschlag des grosskapitals und der konzerne) ernannt.

deshalb können und werden gerade diese politiker in dieser angelegenheit genau gar nix machen, außer bestenfalls vollmundigen grinsenden ankündigungen...

ha.tsche und stronach hingegen werden sich freuen (die machen zwar auch nix, aber so billig wie jetzt kommen die nie wieder an die grossen futtertröge...)

genau das ist das problem: ES GIBT KEINE WÄHLBAREN POLITIKER, DIES IST ALLES NUR AUGENAUSWISCHEREI

"Die gewählten Politiker müssen JETZT Regulierungen schaffen. "

Aber nicht für'n Heini Staudinger! Oder?

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