"Nach der Hamas könnten noch radikalere Gruppen kommen"

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Die leitende STANDARD-Redakteurin beantwortete Userfragen über die Eskalation im Gazastreifen

ModeratorIn: Guten Tag, wir begrüßen Gudrun Harrer im derStandard.at-Chat und freuen uns auf zahlreiche Fragen.

Gudrun Harrer: Liebe Userinnen und User, manchmal würde ich mir wünschen in weniger interessanten Zeiten zu leben.

UserInnenfrage per Mail: Frau Harrer, Wie schätzen Sie die Rolle des Iran im Gaza-Konflikt ein – Stichwort Raketen. Danke!

Gudrun Harrer: Es ist "common wisdom", dass der Iran in den vergangenen Jahren der Hamas und den anderen radikalen Gruppen - die ja nicht völlig von der Hamas kontrolliert werden - bei der Wiederaufrüstung quantitativ und qualitativ geholfen hat. Vor allem der neue Typus im Arsenal, die Fajr-5, ist eine iranische Rakete, wobei ein iranischer Offizieller vor ein paar Tagen "Lieferungen" dementiert hat, das heißt, sie werden wohl im Gazastreifen zusammengebaut. Die Fajr-5 hat etwa 75 km Reichweite, aber sie ist ziemlich groß und kann deshalb auch ganz gut von Abwehrsystemen erfasst werden, wie man sieht.

UserInnenfrage per Mail: Existiert Druck aus anderen arabischen oder islamischen Ländern auf die Hamas oder die palästinensische Bevölkerung? Um es konkreter zu formulieren werden die Palästinenser in Geiselhaft für fremde politische Interessen genommen die sie mehr oder we

Gudrun Harrer: Das spielt in diesem Fall keine Hauptrolle, denke ich. Die Hamas vertritt da niemandes - staatliches! - Interesse, niemand will diese Eskalation. Man könnte über den Iran streiten, aber hier wird ja gerade die Kapazität eines Verbündeten reduziert, und damit seine Fähigkeit, in einem möglichen iranisch-israelischen Konflikt einen ernsthaften Störfaktor zu spielen.

UserInnenfrage per Mail: glauben sie das hamas die wirklich wirksamen raketen noch zurückhält? Oder schiesst sie einfach wahllos alles was sie hat richtung israel?

Gudrun Harrer: Nein, die Militärexperten sagen, dass die Fajr-5 das größte ist, was sie zu bieten hat. Geschätzt werden ungefähr 100 Stück, wieviel verschossen wurden, und wieviele in Gaza zerstört - beziehungsweise die Kapazität, sie abzuschießen - weiß ich nicht. Israel gibt aus gutem Grund ja auch nicht genauere Informationen heraus z.B. über Einschlagsorte, denn das würde denen, die sie abschießen, bei der Präzisierung helfen.

Steve Anorizz: Tag Frau Harrer! Bald sind Wahlen in Israel - stärkt die ganze Angelegenheit Netanjahu? Und wie sieht die Opposition im Groben aus? Ernsthafte Konkurrenz? Wie stehen die zu Palästina?

Gudrun Harrer: In Konfliktzeiten rücken immer alle näher aneinander, das ist in Israel nicht anders als bei der Hamas und ihren arabischen "Brüdern". Ich glaube, diese israelische Regierung, die mit einer starken Sicherheitsagenda argumentiert, wird davon profitieren. Denn auch wenn die Situation im Moment durch Israels "Liquidation" von Hamas-Militärchef Jabari vorigen Mittwoch und die darauffolgende Eskalation für die israelische Bevölkerung unsicherer geworden ist und nicht sicherer, kann die Regierung ja doch langfristig auf eine Entwaffnung der Hamas als Ziel verweisen - wobei wir wissen, dass das nicht lange anhält.

UserInnenfrage per Mail: Grüß Gott Frau Dr. Harrer! Für wie realistisch halten Sie einen Machtwechsel in Gaza? Könnte die Hamas durch inneren oder äußeren Druck gestürzt werden?

Gudrun Harrer: Das ist eine sehr interessante Frage: Ich bin mir ja nicht einmal sicher, ob sich Israel einen Machtwechsel wünscht, denn die noch radikaleren Gruppen stehen bereit. Man wird ja nicht die Herrschaft der Palästinenserbehörde bzw. der Fatah dort mit Gewalt wieder herstellen - damit dann Palästinenserpräsident Mahmud Abbas leichter einen Palästinenserstaat deklarieren kann?

Zitronengras: Ist es tatsächlich so dass der Iron Dome die Menge der Raketen nicht mehr abwehren kann?

Gudrun Harrer: Oje, das kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich weiß nur, dass in der Tat eine große Menge an kleineren Raketen schwieriger ist als etwa einzelne Fajrs mit ihrer längeren Reichweite. Man muss auch wissen, dass ja nur kleine Teile Israels jeweils unter dem Iron Dome sind, das ist von einer Abdeckung weit entfernt. Und es wird auch gar nicht versucht, alle Raketen abzuschießen - wenn die Flugbahnberechnung ergibt, dass sie irgendwo außerhalb des bewohnten Gebiets niedergehen, kann man sich die Kosten für den Schuss sparen. Ich muss hier - bei all diesen militärischen Fragen - auch ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich meine Weisheiten nur von militärischen Experten zusammengetragen habe. Mit einer Eigenerfahrung kann ich jedoch aufwarten: Während meiner Zeit als österreichische Sondergesandte in Bagdad 2006 habe ich es selbst monatelang mit ähnlichen Raketen zu tun gehabt wie jetzt die Leute in Südisrael (ich meine also die kleineren mit kürzerer Reichweite). Eine ist 50 m von mir entfernt eingeschlagen. Das ist sehr sehr schlimm und mir tun die Menschen dort sehr leid. Allerdings muss man auch sagen: Das sind keine Kriegswaffen, sondern Terrorwaffen.

hp17: Wie schätzen Sie die veränderte Rolle Ägyptens ein? Wird es da mehr geben als harsche Worte gegen Israel?

Gudrun Harrer: Ich denke, das können wir beantworten, wenn Israel eine Bodenoffensive startet. Momentan laufen bei Präsident Mursi alle Vermittlerfäden zusammen, auch Israel hat ja französische und katarische Vermittlerpläne abgelehnt - so viel wir wissen, und wir wissen nicht viel. Mursi hat rhetorisch schon ordentlich auf den Putz gehauen, aber das hat Mubarak in diesen Fällen auch. Mursi wird sich sehr um eine Waffenruhe bemühen: Er hat selbst nicht das geringste Interesse daran, dass für ihn die Stunde der Wahrheit kommt, wo zwischen Pragmatismus und Populismus anzusiedeln ist. Das könnte ja auch einer der Gründe dafür sein, dass die Hamas in letzter Zeit - im Unterschied zu den letzten Jahren - wieder so "aktiv" geworden ist gegen Israel. Sie hatte sich mehr davon versprochen, als die Muslimbrüder in Ägypten politische Kraft Nummer eins wurden.

I got the blues: Guten Tag Frau Harrer! Was denken Sie, wie ernst nimmt Israel die Scharmützel an der Grenze zu Syrien, bzw. wozu könnte dieser Konflikt führen?

Gudrun Harrer: So viel ich weiß, betont Israel immer, dass es klar ist, dass die Grenzverletzungen von syrischer Seite aus unkontrollierte Folgen von Kampfhandlungen sind, nicht bewusste Schläge aus israelisches Territorium. Ich glaube eher nicht, dass das nur eine diplomatische Sprachregelung ist. Wenn Israel zurückschlägt - was es vor kurzem getan hat -, dann ist das eine Aufforderung, besser aufzupassen, die aber nicht viel bewirken wird, wenn es wirklich Zufallstreffer sind. Aber die syrisch-israelische Grenze ist bestimmt noch immer sicherer als die syrisch-türkisch oder die syrisch-jordanische. Und auch wenn Assad weg sein wird: Diese Grenze wird nicht so schnell wieder so ruhig werden wie die vergangenen 40+ Jahre.

Benedikt Springer: Inwieweit spielt Ihrer Meinung nach der Gang vor die UN-GV zur Aufwertung des pal. Status eine Rolle bei der derzeitigen Eskalation?

Gudrun Harrer: Ich denke, dass spielt sehr wohl eine Rolle - aber nicht nur für Israel, sondern auch für die Hamas, die ja auch kein Interesse daran hat, dass Mahmud Abbas, der seinen Leuten im Westjordanland nichts geben kann, zumindest einen symbolischen Erfolg hat. Israel kann jetzt darauf verweisen, dass es in diesem Chaos wohl der falscheste Moment für die Palästinenser wäre, auch noch eine politische Eskalation zwischen Jerusalem und Ramallah herbeizuführen, indem er seinen Antrag in der Generalversammlung stellt. Die ganze Welt wird versuchen, Abbas von diesem Schritt abzuhalten. Abbas ist der große Verlierer, wie auch immer, denn die Sympathien der Palästinenser im Westjordanland sind jetzt natürlich auch bei den Menschen in Gaza.

temohpab: Wie könnte die Situation für den Gaza-Streifen aussehen nach der Hamas?

Gudrun Harrer: Im schlimmsten Fall - aber leider um wahrscheinlichsten - eine Herrschaft von noch radikaleren Gruppen. Darum wird man das aber eher nicht betreiben.

farsad kambiz: gaza-isreal bzw. syrien-bürgerkrieg. werden diese konflikte die mullahs in iran stärken ?

Gudrun Harrer: 1. Gaza-Israel: Der Iran profitiert insofern, als dass die Hamas-Spaltung im Moment eher transzendiert wird. Wie man weiß, ist ja das Hamas-Politbüro aus Damaskus abgezogen, weil während des Aufstands natürlich die Nähe zum Assad-Regime unmöglich wurde, die Hamas ist ja ideologisch und historisch nichts anderes als der ägyptische Muslimbruderzweig, und die syrischen Muslimbrüder kämpfen gegen Assad - der mit Iran verbündet ist. Und das Hamas-Politbüro zog nach Katar, auf die arabische Seite des Persischen Golfes - wo man in einer Dauerspannung mit dem Iran ist. Aber im Gazastreifen wollte sich die Hamas natürlich nicht mit Teheran überwerfen. Das hat die Hamas gespalten - jetzt rücken die beiden Teile wieder zusammen, wobei interessant ist, dass der Politbürochef Meshaal in Kairo der Hamas-Hauptverhandler ist. 2. Syrien-Bürgerkrieg: Kommt darauf an, wie's ausgeht. Wenn Assad fällt, ist das eine schlechte Nachricht für den iranischen Einfluss in der Levante, Stichwort Hizbollah im Libanon. Aber ich denke, der Iran bereitet sich darauf auch vor, momentan wird jedoch noch ganz stark auf Assad gesetzt.

Zitronengras: Denken Sie dass Clintons Eingreifen, bzw ihr Vor-Ort-Sein, eher zu einer Eskalation oder Deeskalation führen wird?

Gudrun Harrer: Also Eskalation denke ich nicht. Die USA werden die Israelis nicht in einen Waffenstillstand hineinreden wollen. Vielleicht wollen sie ihnen eine Bodenoffensive ausreden, aber mehr nicht.

shaquira sunshine: Liebe Frau Dr. Harrer! Der derzeitige US-Präsident wird als der "anti-israelischste" gehandelt. Wie intensiv bewerten Sie die US-israelische Freundschaft bzw. wieweit wird Ihrer Ansicht nach die USA Israel in dieser Sache aktiv unterstützen?

Gudrun Harrer: Obama ist nicht antiisraelisch und die US-israelische Freundschaft ist intakt, auch wenn das Verhältnis Obama-Netanyahu nicht gut ist. Es gibt alle möglichen unfreundlichen Sager über Netanyahu aus der US-Administration Bush II - und niemand wäre auf die Idee gekommen zu sagen, die sind antiisraelisch. Auch Bill Clinton war kein großer Netanyahu-Fan. Ich denke, die USA sind völlig ehrlich in ihrer Ansicht, dass es zum Verteidigungsrecht Israels gehört, die Hamas wieder einmal rüstungsmäßig zu degradieren. Aber wie schon gesagt: die Lösung, auch sicherheitspolitisch gesehen, kann nur diplomatisch sein.

ModeratorIn: Leider ist die Stunde schon vorbei, wir konnten nicht alle Userragen stellen. Wir bedanken uns bei Gudrun Harrer, die sich an einem stressigen Tag Zeit für uns Genommen hat, für die interessanten Antworten und wünschen noch einen schönen Tag.

Gudrun Harrer: Schönen Tag noch und danke für die interessanten Fragen - niemand weiß, wie es weiter geht, hoffentlich müssen nicht noch viele Menschen sterben bis zum Waffenstillstand.

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