Christliche Missionen unter Aufblaspalmen

Vierteiler mit Sogkraft: Paul Claudels "Der seidene Schuh" als Marathontheater am Schauspielhaus Wien

Wien - Die Versprechungen des Jenseits machen Furore. Nicht zuletzt in einer Vampirsaga, die derzeit Erfahrungen der Transzendenz melancholisch-düster auf die Leinwand breitet. Doch vergesst einmal Twilight, geht ins Schauspielhaus! Denn dort kann - im Unterschied zur Untotenmisere - über ein auf klassisch irdischem Weg nicht zueinander dürfendes Liebespaar auch gelacht werden. Titel: Der seidene Schuh. Genre: Religionsschinken.

Die Tetralogie nach Paul Claudels Mammutstück aus 1925 war am Samstag erstmals in einem Marathon aller Teile zu sehen. Und diese fabelhafte Überdosis Theater hat die interkontinentale Liebesgeschichte von Doña Poëza und Don Rodrigo und das mehr oder weniger aristokrate Leben 70 weiterer Zeitgenossen aus der Ära der spanischen Conquistadores auf wuchtige Weise ans Heute gekoppelt. Diesem Seidenen Schuh ist auch die schönste Theater-Signation weit und breit eigen, gut geklaut bei Fluch der Karibik.

Vier junge Dramatiker/innen und Regisseur/innen richten ein Festival für Halskrause und Militaryhose aus: Während die imperialen Schachzüge des spanischen Königs in Afrika und Amerika glänzend laufen, das Christentum auf den Islam losgeht, darbt die unglücklich verheiratete Doña Poëza nach ihrer großen Liebe Don Rodrigo, beide überzeugte Christen, allerdings auf unterschiedlichem Niveau. Sie muss sich ihm getreu dem Sakrament körperlich verwehren, er unterwirft stattdessen Länder und Völker im Namen seines Gottes.

Nach Teil I und II, der Standard berichtete, kommt es in Teil III zum großen Liebesdialog in der afrikanischen Festung Mogador und in Teil IV, nach Poëzas Tod, zum bitteren Finale, das in Schlachtgetümmel endet.

Der seidene Schuh ist "ein wahnsinniges Stück", so bekennt es gar eine darin vorkommende Figur (!), widersprüchlich, länglich und in seiner dramaturgischen Hybris eigentlich unspielbar. Ein Fall für die zeitgenössische Dramatik. Anja Hilling und Tine Rahel Völcker haben die Teile III und IV bearbeitet; sie haben mit Gewinn gestrichen und Szenen weitergedacht, eine direkte Linie gelegt von den Kreuzzügen des 16./17. Jahrhunderts zum Wirtschaftsimperialismus der Gegenwart, zur Abschottungspolitik der westlichen Welt.

Dem geografischen Größenwahnsinn des Stücks entsprechend verkündet die Erzählstimme aus dem Off (Nicola Kirsch) die rasch wechselnden Schauplätze: "Panama, 15 Uhr 15". Regisseurin Christine Eder sorgte in Die Eroberung der Einsamkeit für einen trashigen Teil III mit Aufblaspalmeninsel und Mexico-Folklore.

Mit einer düster-dämonischen Ästhetik, die den Meeresdunst als den Rauch der Vorhölle deutete, kam Pedro Martins Beja dem dritten Teil bei, Das Boot der Millionen: eine meisterliche Regie, die sämtliche Rollen vom spanischen König abwärts noch einmal ganz neu freisetzte. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 19.11.2012)  

Einzeln ab 28.11., als Marathon wieder ab 30.11.

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