Bücher, Prosumenten und die Zukunft

19. November 2012, 12:00

Potemkin'sches Dorf oder letzte Bastion des gedruckten Buches? Diese Woche starten die Lesefestwoche und die Buch Wien

Letztere hat sich in den fünf Jahren ihres Bestehens zu einem festen Bestandteil im Jahreskalender der Verlage entwickelt.

Wien - Der Schriftsteller Hans Habe sagte einmal, die Einzigen, die an die Wichtigkeit der Frankfurter Buchmesse glauben würden, seien die zu Hause gebliebenen Gattinnen. Und Schopenhauer meinte einst mit Blick auf die Leipziger Buchmesse, er habe mit jenen, die Bücher um des Geldes willen schrieben, nichts gemein "als den zufälligen Gebrauch von Tinte und Feder."

Auch als vor fünf Jahren die etwas in die Jahre gekommene Wiener Buchmesse aus den Hallen des Rathauses Richtung Messezentrum zog, um dort zur Internationalen Buchmesse Buch Wien zu werden, fanden viele, Wien würde eine Veranstaltung dieses Formats und Ausmaßes gar nicht brauchen, zumal gerade auch die Schweizer mit der BuchBasel eine neue internationale Buchmesse vom Stapel gelassen hatten. Dass die Wiener und Basler Buchmessen neben den großen deutschen Schwestern in Frankfurt am Main und Leipzig einen schweren Stand haben würden, war abzusehen - auch weil sie nur einige Wochen nach der Frankfurter Buchmesse, die als Topevent der Branche gilt, stattfinden und derlei Veranstaltungen für Verlage kein billiges Vergnügen sind.

3806 Euro kostet etwa bei der vom 22. bis 25. November stattfindenden Buch Wien ein zwölf Quadratmeter großer "Komplettstand" (24 Quadratmeter kosten 7681 Euro). Dazu kommen Unterkunft etc. für die Verlagsmitarbeiter. In Basel sind die Preise ähnlich, oder sie waren es vielmehr. Denn erstmals ließen heuer die Basler, die ähnlich wie Wien auf eine Mischung aus großangelegtem Lesefestival und Messe setzten, den Messeteil weg und hielten nur mehr Autorenlesungen ab.

Die eng mit der Lesefestwoche (19. bis 25. November) verknüpfte Buch Wien scheint den Spagat besser geschafft zu haben. So konnte der Hauptverband des österreichischen Buchhandels, der mit seinem Tochterunternehmen Literatur Content Marketing GesmbH die Buch Wien ausrichtet, heuer abermals mehr Aussteller (280) und eine Ausweitung der Ausstellungsfläche auf 8000 Quadratmeter melden.

Der Erfolg hat einige Gründe. Von Anfang an fanden in Wien - im Gegensatz zu Basel - die Autorenlesungen, heuer sind es 285, nicht nur in der Messehalle statt, sondern wurden mit zahlreichen Veranstaltungsorten auch in der Stadt selbst verankert. Dazu sind die anfangs skeptischen deutschen Großverlage nun auch auf der Buch Wien präsent, und der stetig ausgebaute Kinder- und Jugendliteraturschwerpunkt erwies sich als großer Erfolg - und das ganz ohne Hüpfburgen und dergleichen.

Ausbaufähig scheint hingegen der immer noch wenig konturierte Fokus auf die Literaturen Ost- und Südosteuropas. Dieses Jahr nimmt man mit der "Donau Lounge" einen neuen Anlauf: Auf einer eigenen Bühne werden Mitwirkende aus acht Donauländern und 17 Institutionen und Verlagen einschlägige Neuerscheinungen präsentieren und diskutieren.

Bahnhofsviertel des Geistes 

Ob es sich bei Buchmessen, wie einige behaupten, um Potemkin'sche Dörfer handelt, die in einer von der digitalen Revolution längst verheerten Literaturlandschaft eine heile Welt vorgaukeln, oder ob sie die letzten Bastionen des gedruckten Buches sind, ist schwer zu sagen. Sicher ist, dass die Autorenlesungen bei den Messen oft vom Publikum, das "seine" Autoren offenbar mehr denn je hören und sehen will, förmlich gestürmt werden - das aber auch nur, wenn es sich um bekannte Autoren handelt. So waren dieses Jahr an der Frankfurter Buchmesse die Lesungen von E. L. James, sie las ihre Shades of Grey-Geschichte von Peitschenchristian und Unschuldsanastasia, sowie Arnold Schwarzenegger, der erzählte, wie man Governator wird, wohl die am besten besuchten.

Sicher ist aber auch, dass die Branche nicht nur wirtschaftlich unsicheren Zeiten entgegengeht. Das Internet, das die FAZ einmal als "Bahnhofsviertel des Geistes" bezeichnete, wird mit seinen Möglichkeiten das Publizieren von Texten verändern - vor allem was deren Vertrieb angeht. Ob es nun um E-Publishing im Selbstverlag, Crowdfunding (Autoren stellen Buchideen mithilfe eines Videos vor und werben um Spenden) oder um die Verschmelzung von Konsument und Produzent zum "Prosument" geht (Autor reagiert während des Schreibens auf Feedback der Leser), keiner weiß genau, was passieren wird - und wann.

In Frankfurt, dessen Buchmesse als weltweit größter Umschlagplatz für Buchrechte und Lizenzen gilt, ist schon sichtbar, dass immer größere Teile der Ausstellerfläche Anbietern technischer Innovationen für das (Selbst-)Verlegen gewidmet sind. Bei den Messen in Wien und Leipzig, die Geschichte Letzterer geht bis ins 17. Jahrhundert zurück, liegt der Schwerpunkt weiterhin auf Gedrucktem - und auf dem Leser. Das Ende des Buches wurde schon oft beschworen, zuletzt von Jürgen Boos, dem Direktor der Frankfurter Buchmesse, der von einem Urknall sprach, der die Gutenberggalaxis ausdehnen wird. Bevor die Bücherwürmer, wie Boos mutmaßt, "in die Cloud" wandern, kommen sie hoffentlich zunächst nach Wien. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 17./18.11.2012)

Eine Tageskarte zur Buch Wien kostet sieben Euro (ermäßigt 4,50 Euro), die Familienkarte (zwei Erwachsene, zwei Kinder) 15 Euro. Für Studenten ist der Eintritt am 22.11. frei.

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