Nicht mit Sinnen geizen

  • Das Balancieren auf dem Schwebebalken schärft den Gleichgewichtssinn.
    foto: apa/stephanie pilick

    Das Balancieren auf dem Schwebebalken schärft den Gleichgewichtssinn.

Kinder haben verlernt rückwärts zu gehen und Bälle zu fangen - Die Stimulierung der Sinne kommt psychischer und physischer Gesundheit zugute

"Wir haben uns unsere Umgebung so glatt und bequem gemacht, dass uns die kleinste Unebenheit zu Fall bringt", fasst der Allgemeinmediziner Markus Macho den sinnlichen Zustand des modernen Menschen zusammen. Unsere Füße stecken in besohlten Schuhen, die es unmöglich machen, die Beschaffenheit des Bodens zu ertasten. Bei asphaltierten und von allen Unebenheiten befreiten Untergründen funktioniert das recht störungsfrei. Aber schon kleine Hindernisse wie Schwellen oder Kabel verunsichern die Bewegung.

"Der Körper braucht für seine Stabilität sensomotorische Inputs. Informationen über den Untergrund, auf dem wir gehen, nehmen wir über die Füße wahr und passen unsere Bewegungen daran an", sagt Macho, der sich auf manuelle Medizin spezialisiert hat.

Bloßfüßige Sturzprävention

Werden die neuronalen Bahnen bis ins hohe Alter mit sinnlichen Reizen gefüttert, bleiben die motorischen Abläufe trainiert. "Fühlen und Tasten mit den Füßen ist die beste Art der Sturzprävention, mit der man sich vor allem im Alter vor Verletzungen schützen kann", so der Allgemeinmediziner. Statt Medikamente gegen Schwindel einzunehmen, empfiehlt er gelegentlich eine Runde barfuß auf natürlichem Untergrund wie Wald oder Wiese zu gehen. Für Großstädter in Zeitdruck gibt es mittlerweile extra Schuheinlagen, die dem Fuß das Gefühl vermitteln, barfuß ohne Sohle unterwegs zu sein.

Den Zusammenhang zwischen Sinnesreizen und Motorik macht sich auch die Pädagogik für die geistige Entwicklung von Kindern zunutze. Die Italienerin Maria Montessori bezeichnete die Sinne schon im vergangenen Jahrhundert als "Tore zur Welt". Ihr pädagogischer Ansatz baut darauf auf, dass Kinder bis zum sechsten Lebensjahr die Welt mit allen Sinnen absorbieren. Diese Aufnahmefähigkeit wird für das Lernen und die geistige Entwicklung genutzt.

Das didaktische Material setzt auf das Erfassen der Welt über Tasten, Hören und Sehen. Sensomotorische Erfahrungen wie zum Beispiel das Fühlen von Buchstaben aus Sandpapier, deren raue Oberfläche mit dem Finger nachgezogen werden, bilden die Vorstufe zum Schreiben. Montessori hat erkannt, dass Kinder mit den Händen lernen, die Welt im wahrsten Sinn des Wortes begreifen.

Spielerische Rückbesinnung

Die "Rückbesinnung" liegt auch im Bereich Freizeit im Trend. Das zeigen Angebote wie Motorikparks, die der Sportwissenschaftler Roland Werthner bereits in einigen österreichischen Gemeinden realisiert hat. Im südsteirischen Gamlitz führt der Weg zurück zur Wahrnehmung über einen Parcours voller taktiler Reize. Über 30 Stationen hinweg trainieren wackelige Baumstämme, Hängebrücken, Drahtnetze, schwankende Balken oder Fußstapfen über wechselnde Oberflächen das motorische Feingefühl und damit das Gleichgewicht. "Die Motorikparks laden vom Kleinkind bis zum Senioren jeden zur naturnahen Bewegung ein und schulen spielerisch die motorischen Grundtätigkeiten", schildert Werthner das Konzept und ergänzt: "Grundlage dabei ist die Verbesserung der koordinativen Fähigkeiten sowie das Training von Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Schnelligkeit."

Untersuchungen zeigen, dass die koordinativen Fähigkeiten vieler Kindern heute zu wünschen übrig lassen. Sie können nicht auf einem Bein stehen, rückwärts gehen oder haben Probleme beim Balancieren oder Fangen von Bällen. Begünstigt wird dieses motorische Defizit noch durch die Tatsache, dass der Alltagsstress auch die Freizeit von Kindern immer knapper werden lässt.

"Wir beobachten eine stetige Abnahme der täglichen Bewegungszeit von Kindern und Jugendlichen", bestätigt die Sportmedizinerin Ulrike Korsten-Reck und ergänzt: "Heutige Gesellschaftsstrukturen fördern zudem sitzende Tätigkeiten in Schule, Beruf, am Computer und vor dem Fernseher und unterstützen nicht den natürlichen kindlichen Bewegungsdrang."

Stimulierung der Sinneswahrnehmung

Die Stimulierung der menschlichen Sinne kommt nicht nur in modernen Parcoursparks, sondern auch bei verschiedenen komplementärmedizinischen Behandlungsformen, wie manueller Medizin, Osteopathie oder Akupunktur auf ihre Kosten. Und auch bei der Arbeit mit dementen oder psychiatrisch erkrankten Menschen wird immer mehr auf die Sinneswahrnehmung gesetzt.

Die Gartentherapie beispielsweise nützt die Entfaltung der sensorischen Wahrnehmung therapeutisch. Die positive psychophysische Wirkung ist dabei empirisch belegt. "Wir wissen, dass Emotionen und Assoziationen über die Sinne aktiviert und beeinflusst werden können", beschreibt die Demenz-Expertin Claudia Büeler ihre Herangehensweise. Das Erfühlen der Bodenbeschaffenheit und das Erschmecken von Früchten stimuliert die Erinnerung dementer Menschen und besitzt eine beruhigende Wirkung.

Seismographen und Genussbotschafter

Nebenbei fördern und erhalten die Sinne nicht nur über Bewegung und kognitive Entwicklung die körperliche Gesundheit. Sie fungieren auch als Seismographen, indem sie den menschlichen Organismus vor drohenden Gefahren warnen, und sind außerdem Genussbotschafter, die bei gutem Essen oder angenehmem Hautkontakt positive Signale aussenden.

"Es ist nichts im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen war," wusste schon der griechische Philosoph Aristoteles von der existenziellen Notwendigkeit menschlicher Sinne. Gut 2300 Jahre später kann die Wissenschaft beweisen, dass der Mensch ohne Stimulation seiner Sinne auch körperlich verkümmert. "Die Tiefgründigkeit des Lebens basiert auf den Sinnen, unsere ganze Gefühls- und Geisteswelt entwickelt sich ohne Sinne mangelhaft", meint der Wiener Mediziner Markus Macho. "Die Zeit, die wir unseren Sinnen widmen, ist eine Investition in unsere Gesundheit." (Gabriela Poller-Hartig, derStandard.at, .11.2012)

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SINN den SINNEN

Die Ganztagsschule eignet sich hierfür nicht besonders und bewirkt das Gegenteil. Lehrpläne entrümpeln, sich ruhig auch wieder an die 60er Jahre anlehnen dahingehend, Computern kann man in der letzten Woche der Pflichtschule auch noch lernen. Kinder sollten bis 14 Jahren mit diesen neuen Errungenschaften - welche nicht ganz ohne Folgen sind - gar nix zu tun haben, denn neuesten Erkenntnissen folgend, verblödet man durch "internetten". Zurück zur Normalität und zurück zur Natur in allen Bereichen, denn Wertvolleres als die Gesundheit, gibt es nicht. Wir tragen die Verantwortung für unsere Kinder und für uns selbst.

Ein literarischer Schatz

noch zusätzlich, der Artikel.

Ich lese vom Erfühlen und Erschmecken ..... Das Erschreiben von seltsamen Neologismen ist schon seit langem überfällig.

Übrigens: Wer Schwindelanfälle hat, sollte zuerst und profund die Ursache abklären lassen, aber vielleicht nicht vom erwähnten Allgemeinmediziner.

bingo!

Kinder haben verlernt rückwärts zu gehen und Bälle zu fangen

Und was sagt das?? MEHR Turnstunden!

mit verlaub: ein kind sollte schon vor der schulpflicht fähig sein, rückwärts zu gehen oder einen ball zu fangen.

Natürlich. Und wenn sie es noch nicht können?

Dann sollte man das wenigstens im turnunterricht erlernen können.
Zur schadensbegrenzung.

Was glauben Sie in welchem Alter die das lernen sollten?

Für Großstädter in Zeitdruck gibt es mittlerweile extra Schuheinlagen, die dem Fuß das Gefühl vermitteln, barfuß ohne Sohle unterwegs zu sein.

geh bitte so ein absoluter bullshit!
wenn sich die zehen nicht frei bewegen können gibts auch kein barfussgefühl.
fivefingers anziehn oder es ganz sein lassen, aber diese schuheinlagen sind rausgeschmissenes geld und nichts als abzocke.

Zehen frei bewegen geht schon mit den richtigen Schuhen. Ich hab ein paar, weil ich die Abstände zwischen den Zehen gerne behalten will, auch wenn das heute schon selten ist.

Sind sie nicht. Dazu gibt es auch die passenden Schuhe.
Nennt sich Podologie. http://de.wikipedia.org/wiki/Podologie

Was gibt es schöneres, als in der freien Natur barfuß auf eine Biene zu steigen :D

Bälle fangen, Rückwärts gehen ... ja, das sind Dinge, die die Evolution für uns erdacht hat. Schade, dass wir nicht mehr, wie die Steinzeitmenschen anno dazumal, keine Bälle mehr fangen können!

Das sind tatsächlich Dinge, die zu unserem evolutionären Erbe gehören. Was glauben SIe denn, Aliens sind auf die Erde gekommen, haben alle bestrahlt und DANN erst hatten wir die Fähigkeit, ohne Stolpern rückwärts aus dem Galeriewald zu gehen weil da vorne ein Leopard steht?

Oder glauben Sie wirklich, dass die Fähigkeit zum Fangen von Dingen von der Existenz künstlicher Spielzeuge abhängig ist? Haben Sie mal versucht, Fische zu fangen, die springen? Haben Sie mal versucht auch nur irgendwas zu fangen, was grad zugeworfen wird? Es gibt andere Dinge als Bälle.

Sie sind ein guter Beweis für den Zusammenhang motorischer und anderer neurologischer Verknüpfungen. Wer sich als Kind nicht vielfältig bewegt, kann auch nicht auf viele Arten denken.

Wohin rückwärts im Galeriewald? In den Fluss? Zum Krokodil oder zum Kasperl? Geh bitte.....

Hätte es ein simpler Wald nicht auch getan?

Und wenn das Kind z.B. optische Probleme hat?

Nicht jeder, der einen Ball fangen kann ist auch klug. Da wird kein Schuh draus. Bei den Profisportlern gibt es genug naturtrübe im Kopf.

Und wenn ich mir Stephen Hawking ansehe, der hat vermutlich in seinem ganzen Leben noch keinen Ball gefangen.

Die Nummer mit: "In einem Gesunden Körper lebt ein gesunder Geist" stimmt einfach nicht.

Kann ich nicht so unterschreiben.
kinder mit guten noten sind meist auch geschickter und nehmen leichter bewegungsherausforderungen an.
Sie sind offener, lassen sich auf viel mehr ein. Im sportunterricht erkenne ich fast immer richtig, wer einser bzw wer nachprüfungen hat.

Setzt natürlich voraus, dass sie bewegungsangebot haben.

Ps: wenn ein handycap besteht, dann sollte man was dagegen tun, brille kaufen, physiotherap. Übungen.
Bestehen schwerwiegende körperliche beeinträchtigungen ist es gut dem kind zu erklären, dass es trotzdem viel erreichen kann siehe paralympics. Nur dann umso mehr EIGENE ziele definieren, die es zu erreichen gilt.

Es geht hier im gesunde Kinder und nicht um Kinder, die eventuell irgendwelche Krankheiten haben.
Und Sie glauben doch wohl nicht ernsthaft, dass Stephen Hawking in seiner Kindheit, in der er völlig gesund war, keinen einzigen Ball gefangen hat. Ich bin mir sehr sicher, dass er, so wie die meisten Kinder zu der Zeit, motorisch sehr aktiv und gut unterwegs war.

Bewegung und körperliche Reize fördern massiv die geistige Entwicklung.

Aber woher sollen Sie das wissen.

Sie haben keine Ahnung, aber davon haben Sie viel!

Museumspädagogen machen spezielle Kurse..

... für 1. Hilfe bei Kindern, weil diese inzwischen verlernt haben zu fallen und sich jedesmal gleich was antun wenn sie auf die Nase fallen.

Ich hatte einen Ziehsohn der nicht einmal über einen 1 m hohen Zaun steigen konnte. Sowas ist nur mehr traurig. Viele Nachmittage und viele Tränen später hatte er mit dem Skaten schließlich seinen Sport gefunden und angefangen sich zu bewegen.

Die Bewegungsarmut heutiger Kinder ist unpackbar und langfristig sicher zum Schaden der Gesellschaft.

"Viele Nachmittage und viele Tränen später"

Tränen wahrschenlich nur, weil sie dem Jungen auch noch hübsch eingeredet haben, wie schlimm das doch sei, dass er über den blöden Zaun nicht klettern konnte.

Also bei manchen Leuten wundere ich mich echt, dass die Eltern sein dürfen...

Nomen est Omen!

aha, warst du bei den nachmittagen dabei um zu wissen wie sven mit kindern umgeht? du glaubst doch nicht ernsthaft genug zu wissen um das beurteilen zu können?

Ich weiß nicht, auf wie viele Bienen ich in meiner Kindheit gestiegen bin - man überlebt's ;o)

Und es geht ja nicht um das Fangen von *Bällen*, sondern um die Auge-Hand-Koordination, und dass uns dabei die Steinzeitmenschen um Eckhäuser voraus waren, kannst du annehmen...

Aber die Bienen haben es nicht überlegt, schon mal daran gedacht?

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