Weltuntergang

Kolumne |
  • Rechtzeitig vor dem Ende der Welt noch loslassen, lautet die Devise von Heidi List.
    foto: apa/nasa

    Rechtzeitig vor dem Ende der Welt noch loslassen, lautet die Devise von Heidi List.

In rund einem Monat soll die Welt untergehen. Das hat auch seinen Reiz, meint Heidi List

Ich will ja nicht drängeln oder sonst wie ungemütlich werden, aber die Welt geht ja bald unter - am 21.12.2012. Wie schaut‘s aus? Hat jeder schon Pläne für den letzten Monat? Ich schon. Ich rauche nicht mehr, also, dann ab 21.11., damit ich dann genau ein Monat nicht mehr geraucht habe. Klappt sicher super. Noch einmal sollen die Geschmacksnerven so arbeiten, als wäre man ein Kind. Dann schmeckt Himbeerjoghurt wieder wie Himbeerjoghurt und nicht wie Crème de Teer. Freu‘ ich mich schon drauf.

Man organisiert flugs ein funktionierendes Radel punkto Hilfe im Haushalt und Kinderbetreuung, zumindest Mitbetreuung - vor allem wenn man der Typ ist, der vom 8 Monate alten Baby insgesamt erst 3 Stunden getrennt war. Loslassen - etwas, was man schon seit Jahren geplant und aus verschiedenen Gründen immer so halbweich vergeigt hat. Weil die nicht ganz so gute Putzfrau ist so wahnsinnig nett und die wirklich supere Babysitterin hat leider ein eigenes Leben und nicht so viel Zeit. Jetzt aber keine Rücksicht mehr. Ein Monat noch.

Eh schon alles wurscht

Schlechte Angewohnheiten werden ratzfatz abgeschafft, wie die Süßigkeiten-Vorräte der Kinder aufzuessen. Es wäre wegen des Gewichts zwar eh schon wurscht, aber man möchte gerne wissen, ob man sich wieder einkriegen könnte, theoretisch. Weiters ist man kein Messi mehr - ausgemistet wird auch alles. Jetzt. Schnell. Einmal noch jedes Trumm in die Hand nehmen und dann aber weg damit. Zeitungen werden also gelesen und entsorgt. Und nicht etwa zur Verwandtschaft gezählt, geliebt und in die Wohnung integriert - für immer.

Apropos: Familie und Freunde werden zu einer Riesenparty eingeladen. Außer man denkt, die Facebookfreunde sind die echten - dann geht‘s noch schneller mit dem Verabschieden und dem sich-gegenseitig-die-Zuneigung-Beteuern.

Die Entscheidung, was einmal genau aus einem werden soll, wird jetzt einigermaßen dringlich. In dem schon ein wenig einschränkenden Fall eines drohenden Weltunterganges gibt es auch wenig weiterzugeben an die Nachkommen. Das heißt, man kann sich beruflich jetzt aufführen als wäre man alleine. 

Was, wenn die Welt sich weiter dreht?

Je nach Veranlagung geht man also sofort in den Krankenstand, oder aber man geht der Traumbeschäftigung nach. In meinem Fall ist das Schauspielerin oder Bäuerin. Schauspielerin ist für jemanden, der panische Angst hat vor Menschen zu sprechen, vor allem vor Fremden, der Treppenwitz aller Berufsträume. Also Bäuerin. Da gibt‘s auch mehr Engagements. Hoffe ich. Bezahlung ist hinfällig. Wenn das erste Gehalt kommt, ist ja das Konto bereits mit der Welt untergegangen.

Zu guter Letzt, die Liebe! Noch einen Monat mit dem Partner. Ist das gut, dass man den noch hat? Oder muss man es ausnützen, als Chance, mit allen anderen, nur nicht mehr mit diesem Menschen zu tun zu haben?

Und was, wenn die Welt sich weiter dreht? Dann steht man da, zuckerentwöhnt und rauchfrei, mit einem organisierten Alltag, einer ausgemisteten Wohnung, einem fetten Minus am Konto, keinem Bühnenauftritt vor sich (gut, weil das wäre furchtbar!), einem Job als unbezahlte Magd und einem Haufen Freunde und Verwandte, die diese Treffen gerne wieder öfter hätten, und einem neuen Partner. Oder vielleicht - wie schön - immer noch mit dem alten. Ein Jungbrunnen eigentlich, so ein dräuender Weltuntergang. (Heidi List, derStandard.at, 19.11.2012)

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