"Viele Befunde sind nicht unbedingt bessere Medizin"

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  • "Es hat keinen Sinn, zu glauben, dass man Patientenströme mit Gesundheitsplanung umdirigieren kann."
    foto: standard/christian fischer

    "Es hat keinen Sinn, zu glauben, dass man Patientenströme mit Gesundheitsplanung umdirigieren kann."

  • "Die Stärkung der Hausärzte wird von der Politik immer nur versprochen, es passiert aber nichts."
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    "Die Stärkung der Hausärzte wird von der Politik immer nur versprochen, es passiert aber nichts."

Weil Patienten die Wahl haben, explodieren die Kosten, sagt Hausärztin Susanne Rabady - KAV-Generaldirektor Marhold hält dagegen

Wegen der steigenden Zahl von Patienten in Notfallambulanzen werden Aufnahmestationen in Spitälern jetzt zu Erstversorgungszentren ausgebaut. Hausärztin Susanne Rabady hält die allgemeinmedizinische Praxis als Erstanlaufstelle für allgemeine Beschwerden für besser geeignet. KAV-Generaldirektor Wilhelm Marhold argumentiert will mit hochprofessioneller Medizin für Patientenzufriedenheit sorgen. Ein Streitgespräch.

STANDARD: Die Ambulanzen in Österreichs Spitälern platzen aus allen Nähten. Woran liegt das?

Marhold: Wir haben in Wien einen enorm steigenden Andrang in den Notfallambulanzen. Die Hälfte der Patienten sind Selbsteinweiser, das heißt, sie werden nicht mit der Rettung gebracht und haben auch keine Überweisung. Die Zahl der Spitalsaufnahmen ist in den letzten Jahren jedoch nicht gestiegen.

Rabady: Bei uns am Land ist die Situation etwas anders, da gehen die Menschen in der Regel zuerst zu ihrem Hausarzt. Das ist ein Kulturunterschied. Es liegt auch daran, dass es am Land weniger Spitalsambulanzen gibt.

STANDARD: Was ist, wenn die Ordinationen zu haben?

Marhold: Ab 17 Uhr und am Wochenende steigt die Zahl der Patienten in den Notfallambulanzen deutlich. Rund die Hälfte hat keine schwerwiegende Erkrankung, die im Spital behandelt werden muss. Aber wir haben einen Versorgungsauftrag und müssen die Menschen, die zu uns kommen, versorgen. Darum bauen wir auch jetzt die Aufnahmestationen zu Erstversorgungszentren aus.

Rabady: Ich freue mich, dass sich die Erkenntnis durchsetzt, dass man Patienten nicht unbegleitet im System herumirren lassen kann. Aber wenn Sie jetzt die Ambulanzen ausbauen, dann holen Sie damit doch noch mehr Patienten ins Spital. Die erste Anlaufstelle sollte auch im städtischen Bereich die Hausarztpraxis sein. Und in der Nacht und am Wochenende der Bereitschaftsdienst.

Marhold: Wo sollen denn die Patienten am Abend und Wochenende hingehen? Es hat keinen Sinn, zu glauben, dass man Patientenströme am grünen Tisch der Gesundheitsplanung umdirigieren kann. Das sind Marktmechanismen: Die Menschen wissen genau, wo sie was bekommen. Solange die Kranken in die Spitäler gehen, wenn sie akut Beschwerden haben, müssen wir darauf reagieren. Wie wir das dann finanzieren, ist eine zweite Sache. Aber ich halte nichts davon, den Patienten vorzuwerfen, dass sie zu den falschen Stellen gehen.

STANDARD: Ist es für die Menschen nicht manchmal auch nur bequemer, nach Feierabend mit einem Schnupfen ins Spital zu gehen?

Marhold: Ich unterstelle jemandem, der Sorgen hat und ins Spital kommt, nicht Bequemlichkeit.

Rabady: Ich denke, dass Sie durch die Erweiterung des Angebots die Nachfrage in die falsche Richtung steuern - nämlich ins Spital. Ich behaupte, dass Kranke in vielen Fällen in der Hausarztpraxis die bessere Hilfe erhalten. Viele, die Ambulanzen aufsuchen, gehen enttäuscht wieder nach Hause. Sie wissen zwar, dass sie kein bedrohliches Problem haben, aber ihr Anliegen ist nicht gelöst.

Marhold: Das ist eine glatte Unterstellung. Die Patienten erhalten in den Spitalambulanzen eine hochprofessionelle Medizin mit einer breiten Palette an Diagnosen. Wir haben höchste Patientenzufriedenheit.

STANDARD: Braucht man tatsächlich für alle Beschwerden eine hochspezialisierte Medizin?

Rabady: Natürlich nicht. Für viele Beschwerden sind die Spezialisten im Spital nicht die richtige Adresse. Ein konkretes Beispiel: Ein Patient, der mit Brustschmerzen zum Arzt kommt, hat zu 80 bis 90 Prozent keine Herz- oder Kreislauferkrankung. Das muss man natürlich mittels EKG und Anamnese ausschließen. Aber dann hat der Hausarzt den Vorteil, dass er den Patienten kennt und aus dem gemeinsam Erlebten schöpfen kann. Er kennt Vorerkrankungen, die Familiengeschichte und das soziale Umfeld. Das macht die Diagnose leichter.

Marhold: Ich möchte nicht die Qualifikation der Hausärzte anzweifeln, aber der Zulauf zu den Spitalsambulanzen zeigt, dass die Menschen gerne von Spezialisten betreut werden. Wir weisen unsere Patienten auch darauf hin, dass sie zur Kontrolle zum niedergelassenen Arzt gehen sollen.

STANDARD: Ist das nicht eine sehr teure Art der Versorgung?

Marhold: Die teuerste Medizin ist die, die am wenigsten treffsicher ist. Die braucht fünf Stellen, bis der Patient endlich dort ist, wo er hingehört. Abgesehen davon bin ich Manager des Wiener Krankenanstaltenverbunds und kein Gesundheitspolitiker. Und wenn wir nicht wollen, dass sich vor den Spitälern Schlangen von Hilfesuchenden ansammeln, dann müssen wir reagieren. Ich werde sicher kein Umleitungstafeln aufstellen mit der Aufschrift: "Kommen Sie bitte nicht ins Spital!"

Rabady: Es wird gerne der Eindruck vermittelt, dass viele Befunde eine bessere Medizin ausmachen. Das trifft sehr oft nicht zu. Untersuchungen zeigen, dass der gut ausgebildete Hausarzt die meisten Fälle bei gleicher Sicherheit abschließend behandeln kann. Wer immer nur im Notfall in die Ambulanz fährt, verliert außerdem die Vorteile einer kontinuierlichen Betreuung durch den Hausarzt. Wir haben die Möglichkeiten, Verlaufskontrollen zu machen und auch Vorsorge zu betreiben. Indem wir eine Vertrauensbeziehung aufbauen, können wir öfter auch auf eine übertriebene apparative Abklärung verzichten.

Marhold: Wir haben in den Spitälern ausgezeichnete Ärzte, die auch auf die psychischen und sozialen Probleme eingehen können. In unseren Ambulanzen bleibt nichts offen. Wir machen eine komplette Abklärung und beheben die Sorgen der Menschen. Danach schicken wir sie zurück zum Hausarzt.

STANDARD: Also zuerst in die Ambulanz und dann zum Hausarzt?

Rabady: Das ist mit Sicherheit der falsche Weg. Sie machen in den Spitälern exzellente Medizin, aber als Erstanlaufstelle für allgemeine Beschwerden sind Hausärzte besser geeignet. Wir leiden jedoch unter den politischen Versäumnissen der letzten Jahre. Die Stärkung der Hausärztinnen und -ärzte wird von der Politik immer nur versprochen, passiert ist nichts. Es gibt fertige Konzepte, deren Umsetzung einen Pappenstiel kosten würde.

STANDARD: Apropos Geld: Was kostet die Steuerzahler in Wien der geplante Ausbau der Erstversorgungszentren?

Marhold: Ich möchte dazu jetzt keine Zahl nennen. Es ist eine notwendige Investition für die Menschen, die zu uns kommen. Ziel ist es ja auch, die Verweildauern damit zu verkürzen und Patienten gezielter aufzunehmen. Insgesamt werden wir auch die Zahl der Spitäler in Wien auf sechs Standorte und das AKH reduzieren.

STANDARD: Was könnte die Hausärzte attraktiver machen?

Rabady: Wir müssen akzeptieren, dass der Hausarzt ein eigener Beruf ist, den junge Mediziner nicht im Spital erlernen können. Dazu brauchen wir eine Ausbildung in Lehrpraxen. Mit flexibleren Praxismodellen sollten wir die Möglichkeiten der Teamarbeit stärken und auch längere Öffnungszeiten ermöglichen. (Andrea Fried, DER STANDARD, 19.11.2012)

 

Kein Patient wünscht sich Warteschlangen beim Arzt. Gesundheitspolitik kann steuern, der Verteilungskampf um die Widmung von Geldern läuft. Fotos: Corbis, Fischer (2)

 

Susanne Rabady ist Allgemeinmedizinerin in der Gemeinde Windigsteig im Waldviertel und Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin.

Wilhelm Marhold, Gynäkologe, war ärztlicher Direktor der Krankenanstalt Rudolfstiftung, bevor er 2005 Generaldirektor der Spitäler des Wiener Krankenanstaltenverbunds wurde.Nicht nur Notfälle

WISSEN

In Wien ist die Zahl der Notfallaufnahmen seit 2005 von jährlich 84.000 auf rund 115.000 gestiegen. Lange Wartezeiten und überfordertes Personal sind die Folgen. Rund die Hälfte der Patienten wird mit der Rettung gebracht, die anderen werden von einem Arzt überwiesen oder kommen auf eigene Faust. Besonders stark ist der Andrang an Wochenenden. Nicht jeder Fall, der in Wien in einer der fünf Erstaufnahmestationen landet, ist ein Notfall. Das zeigt eine Erhebung, die die Dringlichkeit der Behandlung bewertet: Von den Selbsteinweisern haben 49 Prozent die niedrigste Prioritätsstufe. Selbst bei denen, die mit der Rettung gebracht wurden, werden 24 Prozent als nicht sehr dringend eingestuft.

Um die Patientenströme besser zu managen, werden in den Wiener Spitälern die Notfallambulanzen zu Erstversorgungszentren ausgebaut. Ein multidisziplinäres Notfallteam ist rund um die Uhr im Dienst. Allgemeinmediziner entscheiden, welche Untersuchungen Patienten brauchen und ob sie stationär aufgenommen werden sollen. Es gibt auch die Möglichkeit, Patienten kurzzeitig 24 Stunden zur Beobachtung aufzunehmen. Im September ging das Erstversorgungszentrum im Krankenhaus Hietzing in Betrieb, im Oktober im Wilhelminenspital. Offen ist die Frage, ob sich die Krankenkasse an den Kosten der neuen Zentren beteiligen wird.

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