Vor dem Reisebeginn

  • Panoramablick auf den Cerro Paranal: Eine "Kathedrale der Wissenschaft".
    foto: eso

    Panoramablick auf den Cerro Paranal: Eine "Kathedrale der Wissenschaft".

  • Das Very Large Telescope unter einem unvergleichlich klaren Himmel.
    foto: eso

    Das Very Large Telescope unter einem unvergleichlich klaren Himmel.

Nur wer eine ärztliche Freigabe hat, darf zum höchsten Teleskop-Plateau in der chilenischen Atacama

Die Luft soll ja recht dünn sein am 5.100 Metern hoch gelegenen Chajnantor-Plateau in der chilenischen Atacama-Wüste. Deswegen sind die Techniker, die hier arbeiten, um die gigantische Teleskopanlage ALMA zu errichten, mit Sauerstoffflaschen ausgerüstet und machen immer wieder längere Pausen - auch in niedrigeren, sauerstoffreicheren Regionen. Warme Kleidung ist sowieso Pflicht. Und die Trockenheit in der Luft ist auch nicht ohne. Derzeit liegt sie bei staubigen acht Prozent. Angesichts dieser Voraussetzungen erscheint es nicht verwunderlich, dass diese Ingenieure in so manch einer Fernsehdokumentation von einer dramatischen Erzählerstimme als knallharte Burschen beschrieben wurden. Die Quote verlangt es.

Ein Hauch von Gigantomanie

ALMA, das Atacama Large Millimeter/submillimeter Array, ist seit 2011 in Betrieb. Im kommenden Jahr soll es fertiggestellt werden. Dann werden 66 Antennen auf dem Plateau stehen, ein Interferometer, das so leistungsfähig ist, wie ein einzelnes riesiges Teleskop. Ideale Voraussetzungen für künftige Beobachtungen, sagen die Astrophysiker. Ihr Motto: "Je größer, desto besser, desto leistungsfähiger". ALMA kann als Radioteleskop, wie der Name verrät, in den Submillimeterbereich tauchen und zum Beispiel die chemische Zusammensetzung bei Sternengeburten analysieren. Aber auch ferne Planetensysteme soll man hier beobachten können. Kostenpunkt: eine Milliarde Euro. Wem da ein Wort wie "Gigantomanie" über die Lippen huscht, dem darf man gar nicht böse sein.

Astrophysiker versuchen immer komplexere Fragen zu beantworten und brauchen dafür natürlich immer ausgefallenere Systeme. Das Very Large Telescope VLT der Europäischen Südsternwarte ESO auf 2.635 Metern Höhe am Cerro Paranal ist bereits so eine Kathedrale der Wissenschaft - aber eben im optischen Bereich. Dort wurden die ersten Bilder eines Exoplaneten gemacht. Das European Extremely Large Telescope E-ELT wird am Cerro Armazones auf etwa 3.000 Metern Höhe entstehen. Renderings zeigen schon, dass Autos und Menschen im Vergleich zu diesem Monstrum mit einem Hauptspiegel von 39 Metern Durchmesser wie einsame Ameisen wirken.

Forschung und Öffentlichkeitsarbeit

Letztlich wollen wir ja alle wissen, was genau bei der Entstehung des Universums geschah und ob es nicht auch anderswo Leben geben könnte. Nein, damit sind keinen runzligen, freundlichen Lebewesen gemeint, die einen großen Kopf haben und mit US-amerikanischen Kindern spielen. Es gibt noch viele andere Gründe, die Astrophysiker anführen, wenn sie die zahlreichen Bauvorhaben in ihrem Fach rechtfertigen wollen.

Auch deshalb hat die ESO Journalisten nach Chile eingeladen: Um zu zeigen, was sie macht, um zu diesen und anderen Erkenntnissen zu gelangen. Die Reise wird von Santiago nach Antofagasta führen. Nächstes Ziel: der Cerro Paranal, der etwa 120 Kilometer südlich dieser Stadt liegt, denn das Very Large Telescope VLT muss man auch gesehen haben. Schließlich geht es zum ALMA-Plateau. Damit der Autor dieses Blogs spürt, wie dünn die Luft da oben ist. Natürlich wird man da nicht einfach so und ohne jedes Aber raufgelassen, denn die Höhenkrankheit kann lästige (Kopfweh, Übelkeit, Schlaflosigkeit, Herzrasen), aber auch sehr gefährliche Folgen haben.

Tests und Tipps in Sachen Gesundheit

Mitzubringen ist eine ärztliche Freigabe und die war nur mit Laborbefund, Lungenfunktionstest, Lungenröntgen, EKG, Belastungs-EKG und High Altitude Survey zu bekommen. High Altitude Survey? Bergsteiger werden vielleicht wissen, wie und wo man diesen Höhentest machen kann. Ein Städter muss das erst recherchieren. Im Höheninstitut atmet man schließlich aus einer Maschine mit einem Staubsaugerschlauch Luft ein, deren Sauerstoffgehalt schrittweise reduziert wird. Mit der Maske, über die man atmet, wirkt man wie Dennis Hopper in "Blue Velvet", aber wahrscheinlich nicht ganz so bedrohlich. Danach sagt ein Arzt, ob die Testperson gut, mittel oder eher gar nicht geeignet ist. Wer ein gutes Ergebnis hat, bekommt mit großer Wahrscheinlichkeit keine gefährliche Form der Höhenkrankheit.

Schließlich gibt es von Freunden und Bekannten kostenlos jede Menge Tipps gegen die Höhenkrankheit: Rote-Rüben-Saft war darunter, Ingwertee, ein Bier am Abend, damit man gut schlafen kann, und jeden Tag mehrere Aspirin, denn die verdünnen das Blut. Ein Bergsteiger will das im Himalaja an sich erfolgreich getestet haben, bis er Magenschmerzen bekam ... Wie nachvollziehbar klingt da der Tipp einer Astronomin, die immer wieder in Chile war: "Das Geheimnis ist, genug Wasser zu trinken und nie darauf zu vergessen."

Also steht der Reise nichts mehr im Weg. In die Region, wo man besonders viele Sterne auch mit freiem Auge sieht. Und die Stille so still sein soll, dass man sich als das fühlt, was man ist: Als kleiner Wurm, der gerade zufällig dasteht und einen Blick in den Nachthimmel riskiert. (Peter Illetschko, derStandard.at, 18. 11. 2012)

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