Romantisches Draufgängertum

Das energische Talent Andris Nelsons und die Wiener Philharmoniker

Wien - Rein äußerlich würde er jetzt schon auch beim Neujahrskonzert eine exzellente Figur abgeben. Es darf allerdings noch eine Weile vergehen, bis Andris Nelsons seine schwärmerische, weit ausholende Gestik am 1. Jänner telegen zur Verfügung stellt. Der junge Lette, ein energisches Talent (Jahrgang 1978), schien jedenfalls im Wiener Musikverein im Rausch des vorwärtsdrängenden Gestaltens voll ausgelastet. Bisweilen zulasten der ordnenden Aspekte seiner Arbeit.

Grundsätzlich neigt der Chefdirigent des City of Birmingham Symphony Orchestra (mit dem auch Simon Rattle einst seine Karriere begründete) zu eher flotten Tempi. In Tschaikowskis sechster Symphonie ist dies besonders im zweiten und dritten Satz zu merken. Hier entfaltet Nelsons ein hohes Maß an Energie. Und es entsteht dabei fulminantes Musizieren mit gewissen Nebenwirkungen, die sich im Ausfransen von lyrischen Phasenenden äußern oder in ächzenden Läufen, die in Bereiche des gerade noch Machbaren geführt werden.

Das Expressive fordert gewisse Opfer, es erbringt aber auch packende Detailergebnisse wie im ersten Satz der Symphonie, wo Nelsons auf Extreme setzt. Auch beim Wagner-"Wunschkonzert" vor der Pause gab es durch das gut disponierte Orchester etwa die breite Kantilene der Rienzi-Ouvertüre zu genießen und in weiterer Folge schnittige und flirrende Streicherarbeit; bis sich ganz am Schluss etwas Unsicherheit breitzumachen schien.

Etwas bombastisch das Vorspiel zum dritten Akt von Lohengrin und doch irgendwie von unmittelbarere Wirkung, wie auch die Umsetzung der Ouvertüre des Fliegenden Holländers: Erkennbar ist bei Nelsons somit ein ausgeprägter Wille, das Material aufzuladen sowie zu formen und nicht den harmlosen Mittelweg zu gehen. Sympathisch. Am Ende jedenfalls großer Jubel für den Letten, den man mit den Wiener Philharmonikern in München (22. 11.), Paris (23. 11.) und im Wiener Konzerthaus hören wird (25. 11).
 (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, 19. 11. 2012)

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6 Postings
Das Ausfransen von lyrischen Phasenenden

Selten so eine überaus fachliche Kritik gelesen:
- "fulminantes Musizieren mit gewissen Nebenwirkungen"
- "Ausfransen von lyrischen Phasenenden"
- "ächzende Läufen, die in Bereiche des gerade noch Machbaren geführt werden"
- "schnittige und flirrende Streicherarbeit"
- "ausgeprägter Wille, das Material aufzuladen sowie zu formen und nicht den harmlosen Mittelweg zu gehen"
Nur - ich habe einiges nicht wirklich verstanden....

Könnte eine Rezension von Stefan Ender sein

Herr Tosic, warum steht in der Titelzeile "Andris Nelsons und das City of Birmingham Orchestra", wenn tatsächlich die Wiener Philharmoniker gespielt haben?

Andris Nelsons

Aha, die Titelzeile wurde korrigiert. Herr Tosic hat nach längerer Überlegung erkannt, dass es doch die Wiener Philharmoniker waren......

Orchester

Da zeigt sich wieder, was man von Kritikern zu halten hat, die ein ganzes Konzert lang, das falsche Orchester gehört haben!! Nicht nur in der Überschrift nämlich wird das CBO genannt, auch im eigentlichen Text. Und erst am Schluss wird darauf hingewiesen, dass Nelsons mit den Wienern auf Gastspielreise geht. Peinlich!!!!

PEINLICH?

Nicht für diesen "Rezensenten" - er hatte wohl erst verspätet ein Programmheft mit Details bekommen....

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