Gestrandet auf der neuen Saualm in Kärnten

  • Asylwerber, die aus Traiskirchen in das Almdorf Grassler auf der Saualm verschickt wurden, können sich derzeit nur an der schönen Aussicht erfreuen.
    foto: gerhard maurer

    Asylwerber, die aus Traiskirchen in das Almdorf Grassler auf der Saualm verschickt wurden, können sich derzeit nur an der schönen Aussicht erfreuen.

In der Gemeinde Lamm auf der Saualm wurde völlig überraschend ein neues Asylheim eröffnet. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurden dorthin Flüchtlinge aus Traiskirchen und Wien verschickt

Klagenfurt - In der Streusiedlung Lamm auf 1000 Metern Seehöhe an der Südflanke der Saualm leben rund 120 Menschen. Sie haben plötzlich Zuwachs bekommen - über Nacht und ohne jede Vorankündigung. Im Almdorf Grassler sind seit Mittwoch 25 Asylwerber untergebracht. Noch einmal so viele sollen dazukommen, auch Familien.

"Da gehst spazieren, und auf einmal kommt dir so ein schwarzer Lotter (Mann) entgegen. Da schreckst di schon", meint eine ältere Frau im winzigen Ausflugsgasthof Schranzer. Es sei nicht recht, dass man die kleine Berggemeinde regelrecht mit den Asylwerbern "überfallen" hätte, doch grundsätzlich habe man nichts gegen die "armen Teufel". Man müsste sie "halt nur zur Arbeit erziehen". Heftiger Protest am neuen Asylheim kam vom SP-Bürgermeister von Sankt Andrä, Peter Stauber, zu dem die Katastralgemeinde Lamm gehört. Auch SP-Chef Peter Kaiser und der grüne Landtagsabgeordnete Rolf Holub verurteilen die überfallsartige Einrichtung des Asylheims Saualm II vehement.

Nach Kärnten verschickt

Aufregung herrscht aber auch beim "Grassler". Denn die Flüchtlinge wussten nicht, wie ihnen geschah, als sie aus dem Erstaufnahmezentrum Traiskirchen in einen Bus verfrachtet, nach Kärnten verschickt und vor dem Almdorf Grassler abgeladen wurden - einen Kilometer Luftlinie entfernt von der berüchtigten, mittlerweile geschlossenen Sonderanstalt für mutmaßlich kriminelle Asylwerber.

"Warum bin ich hier", fragt S. Der junge Afghane spricht schon ganz gut Deutsch. Er hat die vergangenen sieben Monate in einem Asylheim im Wien verbracht und sich bereits gut integriert. Auf dem Berg könne man nichts tun außer spazieren gehen und die Wände anstarren. Angeblich soll es schon einen Hungerstreik gegeben haben. S. weiß nur von einem Asylwerber, der momentan nichts essen wolle.

Ein Asylwerber, der direkt aus Traiskirchen kam, kramt einen Ärztebrief aus der Tasche. Er leidet an Wasser in der Lunge. Eine Operation wurde ihm angeraten. Der Termin hätte bereits festgestanden. "Was ist jetzt mit mir, hier kein Arzt, keine Operation", fragt er ängstlich. Fast alle Afghanen und Pakistani haben dünne Shirts und Jacken an, tragen Sandalen oder abgewetzte, teilweise löchrige Schuhe. Sie machen sich Sorgen, wie sie damit über den Winter kommen. Immerhin hat es in Lamm um die Mittagszeit nur noch zwei Grad. Bisher hätten sie noch keine Ansprechperson vom Flüchtlingsreferat gesehen und in diesem Monat auch noch kein Taschengeld erhalten, erzählen sie.

Essen mit anderen Gästen

Doch eine "Sonderanstalt" Saualm II ist das Almdorf Grassler nicht. Die Asylwerber sind - wenn auch gedrängt - in den abgewohnten, aber sauberen Almhäusern untergebracht, das dazugehörende Gasthaus wirkt einladend. Der Wirt kocht selbst, die Asylwerber dürfen im Gasthaus essen - gemeinsam mit den anderen Gästen. Das sei gut für die Integration. Er bemühe sich jetzt, rasch einen Shuttledienst einzurichten, Deutschkurse sowie warme Winterkleidung zu organisieren.

Landeshauptmann Gerhard Dörfler (FPK) ärgert sich über die neue Saualm-Diskussion. Er stattete am Sonntag dem neuen Quartier einen Besuch ab. Das Argument der Isolation lässt er nicht gelten. "Ich bemühe mich, ein vernünftiges Quartier zu finden, während Innenministerin Mikl-Leitner von einem Zeltlager redet." Kein Einziger der neuerlichen Saualm-Kritiker habe ihm bis jetzt ein Quartier gebracht, und die Bürgermeister würden nur abwinken. Und jene Sozialapostel, die die Schließung der "Sonderanstalt" für mutmaßlich kriminelle Asylwerber mitbewirkt hätten, sollten nur ja keinen neuen Wirbel inszenieren. (Elisabeth Steiner, DER STANDARD, 19.11.2012)

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