Die schöpferische Kraft der Zerstörung

18. November 2012, 17:52
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Warum der Hurrikan Sandy sich als weniger große Katastrophe herausstellen wird, als man zunächst annahm, und was das mit dem Ökonomen Joseph Schumpeter zu tun hat

Als vor ein paar Wochen die Warnungen vor dem Hurrikan Sandy gerade ihren Höhepunkt erreichten, war ich gerade in Lissabon, um die portugiesische Übersetzung meines neuen Buchs "X-Events" (deutsch: "Der plötzliche Kollaps von allem") vorzustellen und hatte zwischendurch Zeit, durch die Altstadt zu spazieren. Von CNN und anderen Nachrichtenkanälen meines Fernsehers im Hotelzimmer auf Katastrophen konditioniert, dachte ich mir auf meinem kleinen Rundgang, dass diese Stadt weiß, was es bedeutet, von der Hand einer gar nicht immer so freundlichen Mutter Natur zerstört zu werden.

Am Morgen des 1. November 1755 wurde Lissabon von einem Erdbeben der Stärke 8,7 dem Erdboden gleichgemacht. Das Beben von Lissabon und der darauf folgende 20-Meter-Tsunami töteten ungefähr ein Viertel der Stadtbewohner und zerstörte über 85 Prozent der Gebäude. Vergleicht man diese Zahlen mit Opfer- und Schadenszahlen von Hurrikan Sandy, nimmt sich der Sturm wie eine bessere Sommerböe aus.

Die positive Seite von "X-Events"

Immer noch beeindruckt von den wunderbaren Gebäuden an der Uferseite Lissabons konnte ich mir nicht vorstellen, wie dieser Teil der Stadt nach dem fürchterlichen Beben ausgesehen haben mag. Es ist offensichtlich, dass der "X-Event", also das Extremereignis des Erdbebens, den Lissabonern die Gelegenheit gab, ihre Stadt moderner, mit viel besseren Materialien und in einem völlig neuen Stil wieder aufzubauen. Ohne Beben wäre das gewiss nicht passiert.

Wenn also kurzfristige X-Events fast immer Leben, Eigentum und psychische Gesundheit zerstören, so können sie in einer etwas langfristigeren Perspektive positive Folgen haben - und tun das im Normalfall auch. Die Zerstörungsphase räumt mit einer ganzen Menge von "Unterholz" der politischen, wirtschaftlichen und organisatorischen Strukturen auf und öffnet neue Nischen, die von Innovatoren und Entrepreneuren besetzt werden. Auf diese Weise wird die Gesellschaft in einer neuen und im Normalfall besseren Art und Weise rekonfiguriert. Wichtige Infrastrukturen für Energie, Ernährung und Kommunikation werden durch modernere und verlässlichere ersetzt. Die Gesellschaft wird so widerstandsfähiger gegen künftige zerstörerische X-Events.

Schumpeters "schöpferische Zerstörung"

Etwas Ähnliches hat auch der österreichisch-amerikanische Ökonom Joseph Schumpeter mit dem Begriff "schöpferische Zerstörung" gemeint, als er behauptete, dass die Zerstörung dysfunktionaler und/oder veralteter Strukturen ein entscheidendes Element im Wirtschaftskreislauf einer jeden Gesellschaft ist, die wachsen will. Und dieses Prinzip der kreativen Zerstörung ist nicht allein auf ökonomische Prozesse beschränkt. Biologen wie Stephen Jay Gould haben die Theorie des sogenannten Punktualismus vorgeschlagen, die erklärt, wie es zu gelegentlichen Beschleunigungen in Evolutionsprozessen kommt.

Es scheint zudem so zu sein, dass dieses Prinzip auch für das Leben von Menschen gilt. Der Begriff der kreativen Zerstörung legt außerdem nahe, dass es Menschen dienlich sein kein, wenn sie mit einer Art von "kontrolliertem X-Event" experimentieren, um so eine bewältigbare Zerstörung herbeizuführen, die neue Nischen eröffnet, ohne die Experimentatoren zu zerstören. Wir tun dies bereits im kleinen Maßstab mit kontrollierten Waldbränden oder der Keulung von Tierbeständen, um so einen Puffer gegen richtige Waldbrände oder Pandemien zu schaffen. Natürlich würden solche Aktionen auf gesellschaftlicher Ebene politischen Selbstmord bedeuten. Stattdessen warten die Politiker auf die (menschliche) Natur, damit sie für die Zerstörung sorgt, um hinterher die Sanierung für sich zu verbuchen und die Stimmen der Opfer zu sammeln.

Nach dem großen Lissabon-Beben war die Stadt in weniger als einem Jahr vom Schutt befreit. Der König, der eine neue und besser benützbare Stadt haben wollte, ordnete er den Bau großer Plätze und breiter Prachtstraßen im Schachbrettmuster an - jener Prachtstraßen, durch die ich ging, als ich über den Hurrikan Sandy nachdachte - im Vergleich zu dem weit zurückliegenden Erdbeben von Lissabon.

Ein bescheidenes Extremereignis

Welche positiven Folgen können also von Sandy nach sich ziehen? Es mag etwas überraschend klingen, aber Sandy war in einer etwas größeren Perspektive ein relativ bescheidener X-Event. Die X-Artigkeit eines Ereignisses besteht nämlich aus der Kombination von drei Faktoren: Seltenheit, Überraschung und soziale Schäden. Und Sandy war erstens keine große Ausnahme: Hurrikane sogar in dieser Größenordnung kommen relativ oft vor. Sandy kam zweitens nicht besonders überraschend, da auch in dem Fall die Warnungen bereits viele Tage vorher begannen. Bei einem Erdbeben gibt es normalerweise überhaupt keine Warnung.

Und selbst wenn die Schäden, die Sandy angerichtet hat, bei bis zu 50 Milliarden Dollar liegen könnten, so waren die Folgekosten von Hurrikan Katrina, der New Orleans verwüstete, mindestens doppelt so hoch. Das Erdbeben von Lissabon traf die damals vermutlich reichste Stadt Europas und führte zu einer nachhaltigen Verschiebung der Machtverhältnisse.

Sandy war sicher bemerkenswert, aber auch nicht außergewöhnlich - was in keiner Weise bedeutet, die Tragödie für die betroffenen Menschen zu relativieren, die ihr Leben, ihre Häuser und/oder Arbeitsplätze im Sturm verloren haben. Aber als X-Event war der Sturm bestenfalls Mittelmaß.

Ein positiver Blick auf Sandy

Die positive Seite eines Schumpeterschen Blicks auf Sandy zeigt sich dann, wenn man sich von den katastrophalen Folgen ab- und der "kreativen" Hälfte der Zerstörung zuwendet. Es ist davon auszugehen, dass in der Wiederaufbauphase viel Geld in die Wirtschaft gesteckt wird, die damit nicht nur Baustoffe bereitstellt, sondern auch viele neue Arbeitsplätze schafft. Selbst die niedrigsten Schätzungen dieses dadurch erzeugten Wachstums werden die Schäden übertreffen - zumindest im Hinblick auf das zerstörte Eigentum.

Das ist zwar ein schwacher Trost für Familien, die Angehörige im Sturm verloren haben. Doch auf einer gesellschaftlichen Ebene kann man, wie ich denke, mit Fug und Recht behaupten, dass Sandy letztlich mindestens so viel Segen bringen wird, wie er ein Fluch war. (John Casti, Übersetzung: Klaus Taschwer, derStandard.at, 18. 11. 2012)


John Casti ist Direktor des X-Center, ein Forschungsinstitut mit Sitz in Wien mit Schwerpunkt auf der Untersuchung von extremen Ereignissen, die vom Menschen verursacht werden. Er ist der Autor des neuen Buchs "Der plötzliche Kollaps von allem: Wie extreme Ereignisse unsere Zukunft zerstören können" (erschienen im Oktober bei Piper)

Buchpräsentation am Dienstag, 20. November 2012, 18:30 Uhr: Naturhistorisches Museum Wien, Vortragssaal

  • Infrarot-Aufnahme des Hurrikans Sandy vom 25. Oktober 2012.
    foto: apa/epa/noaa

    Infrarot-Aufnahme des Hurrikans Sandy vom 25. Oktober 2012.

  • Zeitgenössische Dartstellung der Katastrophe von Lissabon im Jahr 1755.
    foto: reuters/lisbon city museum

    Zeitgenössische Dartstellung der Katastrophe von Lissabon im Jahr 1755.

  • John Casti: "Der 
plötzliche Kollaps von allem: Wie extreme Ereignisse unsere Zukunft 
zerstören können", 397 S., € 23,70, Piper 2012.
    coverfoto: piper

    John Casti: "Der plötzliche Kollaps von allem: Wie extreme Ereignisse unsere Zukunft zerstören können", 397 S., € 23,70, Piper 2012.

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