Schiefergas: Ja, aber später

18. November 2012, 11:40
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Mit großangelegter Förderung kann Europa warten, aber Probebohrungen stärken die Position gegenüber Gasprom

OMV-Chef Gerhard Roiss hat nicht recht, wenn er wegen des Schiefergasbooms in den USA nun fordert, dass auch Europa auf diese Energiequelle setzt. Es stimmt, dass die stark fallenden Erdgaspreise den USA einen neuen Wettbewerbsvorteil verschaffen und dass deshalb langfristig energieintensive Industrien über den Atlantik abwandern könnten.

Aber  deshalb muss Europa bei der Förderung von Schiefergas nicht nachziehen, sondern sollte andere Stärken entwickeln – etwa durch mehr Forschung in erneuerbare Energien. Arbeitsplätze könnten, wie Roiss warnt in der Chemie- oder Stahlproduktion tatsächlich verloren gehen, dafür  aber in anderen Bereichen neue entstehen.

Europa hat eine andere Geologie – und eine andere Demographie. In dicht besiedelten Gebieten ist die Bereitschaft der Bevölkerung, die Belastungen durch „Fracking“ hinzunehmen, viel niedriger als in den weiten Flächen der USA. Das Weinviertel ist mit dem westlichen Pennsylvania nicht vergleichbar.

Aber das heißt nicht, dass sich die europäische Öl- und Gasindustrie der Schiefergastechnologie komplett verschließen soll, wie es Umweltorganisationen fordern. Als langfristige Option ist diese Energiequelle attraktiv. Die direkten Umweltprobleme wurden bereits in den USA zu einem guten Teil gelöst, und die technologische Entwicklung schreitet beim Fracking weiter voran. Daran soll auch die OMV teilhaben – nicht im Weinviertel, aber anderswo in der Welt, um später in die Förderung einsteigen zu können.   

Europa soll, wie der Ökonom Daniel Gros vom Center for European Policy Studies vor kurzem argumentiert hat, vor allem deshalb warten, weil das nicht geförderte Schiefergas ja nicht verloren geht. In einigen Jahren und Jahrzehnten kann es, wenn andere Quellen versiegt sind, noch viel mehr wert sein.   

Was bleibt, ist die beunruhigende Tatsache, dass mit Schiefergas fossile Brennstoffe genutzt werden, die den Klimawandel beschleunigen. Aber da eine komplette Abkehr von Fossilen nirgendwo auf der Welt in Sicht ist, bringt eine Verlagerung von Kohle und Öl auf Gas, das weitaus weniger CO2 emittiert, auch für das Klima Vorteile.

Aber es gibt einen anderen Grund, warum europäische Konzerne und Staaten sehr wohl nach Schiefergas suchen sollen: Europas Abhängigkeit von russischem Erdgas, das auf Grund von langfristigen Verträgen viel zu teuer ist. Diese Verträge gehören neu verhandelt, aber das funktioniert nur, wenn Europa über andere realistische Optionen für seine Gasversorgung verfügt.

Mit dem De-Facto-Scheitern der Nabucco-Pipeline und dem bevorstehenden Bau von South Stream wird diese Abhängigkeit bei konventionellem Gas weiter steigen. Dass Erdgas in den USA nur einen Bruchteil kostet, nützt den Europäern nichts. Wenn aber aktiv nach Schiefergas in Polen und anderen europäischen Ländern mit passender Geologie zumindest probegebohrt wird, dann wüssten die Russen, dass ihr Monopol in Gefahr ist.

Als signifikante Energiequelle ist die Zeit für Schiefergas in Europa noch nicht gekommen, als Ass im Verhandlungspoker mit Gasprom aber sehr wohl.

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