Alastair Campbell, Blairs "Spin Doctor"

22. August 2003, 16:26
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Die graue Eminenz in Downing Street Nr. 10. - Blairs Rasputin geht in die Offensive

Meist verzieht der Mann sein Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. Höchst selten hat man Alastair Campbell lächeln gesehen. Die Journaille, der er von Berufs wegen oft die Leviten liest, kennt ihn als Mister Griesgram.

Der 46-Jährige gehört zu den Taufpaten des Kindes New Labour, jener britischen Variante weichgespülter Sozialdemokratie, mit der Tony Blair die Wähler der Mitte auf seine Seite zog. Seit 1994, als Blair an die Spitze der Labourpartei trat, half ihm der Schotte mit dem messerscharfen Verstand als Pressesprecher bei der Vermarktung.

Nach dem Wahlsieg 1997 zog Campbell mit in die Downing Street. Neuerdings gibt er, statt sich im Tagesgeschäft aufzureiben, als Kommunikationsdirektor die große Linie vor. Ein Posten, den man extra für ihn erfand.

Normalerweise sorgt Blairs Adlatus dafür, dass der Chef im rechten Licht erscheint. Jetzt ist er selber zur Hauptnachricht geworden, seit er das Kriegsbeil gegen die BBC schwingt. Der Fernsehsender wirft ihm vor, ein Dossier über die Waffen Saddam Husseins aufgebauscht zu haben, um zum Krieg gegen den Irak zu blasen. Angeblich diktierte Campbell den Geheimdienstlern den Satz, dass Bagdad innerhalb von 45 Minuten Raketen mit Bio- und Chemiewaffen abfeuern könne.

Downing Street streitet die BBC-Version vehement ab, und London erlebt im Sommertheater eine veritable Kraftprobe zwischen der Regierung und der größten Fernsehstation. Blair jedenfalls scheint nicht bereit, seinen treuesten Knappen zum Bauernopfer zu degradieren. Dazu hat Campbell viel zu viel Macht. Sein Name steht als Synonym für den "spindoctor", einen Begriff, der für viele Engländer ein Reizwort ist. Ein Spindoctor gibt dem realpolitischen Leben einen solchen Dreh (spin), dass es so aussieht, als mache die Regierung nie etwas falsch.

Mit fetten Schlagzeilen kennt Campbell sich aus. Er selbst schrieb einst für das Boulevardblatt Daily Mirror. Einer seiner Coups jener Zeit: Er schummelte sich - ohne Eintrittskarte, dafür mit Tennisschlägern bewaffnet und eifrig Autogramme schreibend - im Stile eines Stars ins Tennismekka Wimbledon.

Freilich ist der passionierte Marathonläufer nicht nur Informationschef, sondern die zentrale Figur des Küchenkabinetts in der Downing Street. Bei Beratungen im kleinster Runde sitzt er stets mit am Tisch. Und oft regiert der Premier praktisch am eigenen Kabinett vorbei. Alle wichtigen Entscheidungen der Irakkrise, klagt die geschasste Entwicklungshilfe-Ministerin Clare Short, seien im kleinen Kreis gefallen - vier nicht gewählte Beamte und der Premier.

Kein Wunder, dass man der grauen Eminenz Campbell einen garstigen Spitznamen verpasst hat: Tonys Rasputin. (Frank Herrmann aus London/DER STANDARD; Printausgabe, 7.7.2003)

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