Von der BBC lernen - Von Barbara Coudenhove-Kalergi

22. August 2003, 16:26
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Was ist ein unabhängiger öffentlich-rechtlicher Fernsehsender?

Was ist ein unabhängiger öffentlich-rechtlicher Fernsehsender? Zum Beispiel die BBC. Der Konflikt zwischen der berühmten Fernsehanstalt und der britischen Regierung, der in den letzten Wochen die dortige Öffentlichkeit beschäftigt hat, ist ein Lehrstück in Sachen Unabhängigkeit, journalistische Qualität, gewissenhafte Recherche, Standfestigkeit und Diskurskultur. Für uns heimische Medienkonsumenten lohnt es sich, die Sache näher in Augenschein zu nehmen.

Am 29. Mai sendete die BBC einen Bericht ihres Militärspezialisten über die Gründe, die die Regierung Blair zum Krieg gegen den Irak veranlasst hatten. Reporter Andrew Gilligan zitierte einen angesehenen, aber natürlich ungenannt bleibenden Geheimdienstmann mit der Behauptung, die Regierung hätte Geheimdienstinformationen in unzulässiger Weise aufgeblasen ("sexed up"), um den Krieg zu rechtfertigen.

Der schwerste Vorwurf: Tony Blairs Kommunikationsdirektor Alastair Campbell, einst Reporter bei einem Boulevardblatt, hätte in das Dossier, das dem Parlament vorgelegt wurde, den Satz eingefügt, Saddam Hussein könnte seine verbotenen Massenvernichtungswaffen "innerhalb von 45 Minuten" zum Einsatz bringen.

Große Aufregung, Dementis der Regierung, Proteste der (auch labour-internen) Opposition, Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Kommunikationsdirektor Campbell trat in einer Livediskussion auf und attackierte die Berichterstattung der BBC, deren Leitung stellte sich hinter den angegriffenen Reporter. Dies schrieb, laut der Londoner Zeitung "Guardian", der BBC-Nachrichtendirektor, also der Chefredakteur, an Spindoctor Campbell: "Lieber Alastair, wir sind der festen Überzeugung, dass Nummer zehn (Downing Street 10 ist die Adresse des Premierministers) versucht hat, die BBC einzuschüchtern, was die Berichterstattung über die Ereignisse, die zum Krieg geführt haben, und über den Kriegsverlauf selbst angeht . . . Wir haben die Verantwortung, ein unparteiisches Bild zu liefern. Du bist nicht besonders geeignet zu beurteilen, was unparteiisch ist."

Kann man sich einen ähnlichen Brief eines ORF-Chefredakteurs vorstellen? Kann man sich hierzulande vorstellen, dass ein Fernsehreporter auf eigene Faust lange und detailliert das Zustandekommen eines Regierungsberichts untersucht? Das wäre schon deshalb schwer, weil meistens die Zeit dazu fehlt, nicht zu reden von der Motivation und der Deckung von oben. Die wenigsten Vorgesetzten sind erpicht darauf, sich Schwierigkeiten mit der Regierung einzuhandeln.

Gerd Bacher hat einst die BBC als Vorbild für den ORF bezeichnet und bei der Formulierung von dessen Richtlinien bei dieser Anleihen gemacht. Das ist lange her. Aber es kann nicht schaden, sich die Standards für ein Leitmedium in Erinnerung zu rufen. Dazu gehören in erster Linie Führungskräfte, die ihre Stellungen nicht politischer Protektion verdanken, sondern allein ihrem Ruf als hervorragende unabhängige Journalisten. Nur solche können sich bei Bedarf auch gegen die Regierung stellen, selbst wenn sie diese - wie seinerzeit der Chef der BBC - einst selbst gewählt haben.

In Sachen Irakdossier haben die bisherigen Ermittlungen übrigens ergeben, dass der Regierungsbeauftragte seine Behauptungen nicht einfach aus der Luft gegriffen, sondern "nur" Geheimdienstinformationen im Sinne der Regierung interpretiert hat.

Die BBC hat erklärt, wenn ihr Bericht falsch sein sollte, würde man nicht zögern, sich zu entschuldigen. Auch das ist Unabhängigkeit.

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