Geschliffener Nobelklassizismus

12. August 2003, 19:45
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Das Kirov Ballett präsentiert sich in Graz

Graz - Seit Mitte vergangener Woche ist das Kirov Ballett aus St. Petersburg samt dem Orchester des Mariinsky Theaters zu Gast im Opernhaus Graz, wo es mit klassischen Delikatessen verwöhnt. Ein ganz besonderes Gourmetstück: Das dreiteilige Ballett Jewels, 1967 von George Balanchine für das New York City Ballet choreografiert, wurde vom Kirov erstmals in Österreich getanzt.

Der 1904 geborene neoklassische Meister des handlungslosen Ballettes, George Balanchine, wurde noch an der Kaiserlichen Ballettakademie in St. Petersburg ausgebildet, bevor er 1934 nach New York emigrierte, wo er das Ballett revolutionierte und etablierte. In seinen Jewels hat er sich mit der Entwicklung, den Epochen und diversen Facetten des klassischen Tanzes auseinander gesetzt.

Den Farben der einzelnen Edelsteine entsprechend, entwarf Barbara Karinska betörende Kostüme. "Smaragde", zur Musik von Gabriel Fauré, wird in romantisch halblangen grünen Tutus getanzt und nimmt Anleihen bei Michail Fokine, mit dem die Ballettreform an Beginn des 20. Jahrhunderts begann. Balanchine, der immer aus der Musik heraus choreografiert hat, setzt auf den Wechsel der Gruppierungen, aus denen sich Pas de deux, Trios und Solovariationen schälen, in denen Schanna Ajupowa, Sofia Gumerowa und Wiktor Baranow glänzten.

Das New Yorker Leben, Broadway und Jazz, haben Spuren in Balanchines Schaffen hinterlassen. Schillerndes Rot bestimmt "Rubine". Die kurzen Flatterkleider unterstreichen den kapriziösen Grundtenor, wie er aus Strawinskys Capriccio für Klavier und Orchester deutlich herauszuhören ist. Zeitgenössisch klassisch mutet das Bewegungsvokabular an, das von den berühmten Hüftkicks und akkuraten Gesten geprägt ist.

Umgarnt von dem sich im schnellen Duktus bewegendem Corps de ballet, brilliert die fabelhafte Irma Nioradse. Ganz der Noblesse der Edelkompanie entgegen kommt "Diamanten" zu Tschaikowskys 3. Symphonie. Man erlebt eine Neuinterpretation der zaristischen Ära des russischen Balletts im Stile eines Marius Petipa. Das symphonische Werk besticht in der exakten geometrischen Linienführung und in der perfekten Spitzentechnik. Wenn die so geschmeidige und ausdrucksstarke Daria Pawlenko mit Partner Danila Korsuntsew sich dem Adagio hingibt, ist das geschliffene Ballettereignis vollkommen. Bis 14. Juli
(DER STANDARD, Printausgabe vom 7.7.2003)

Von
Ursula Kneiss
  • Artikelbild
    foto: kirov
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