Tote stören nicht

15. August 2003, 20:55
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Viele Kulturhauptstädter sind gestern Abend zur Helmut-List-Halle gepilgert, in der man in Worten und Liedern des vor 100 Jahren verstorbenen großen Steirers Hugo Wolf gedachte.

Vor etwas mehr als 51 Jahren gab es einen ähnlichen Auftrieb. Er galt dem damals noch lebenden, aus Graz gebürtigen Komponisten Joseph Marx, dessen Siebziger man im traditionsreichen Stefaniensaal feierte.

Der Meister lagerte schwer- und vor allem übergewichtig neben diversen offiziellen Würdenträgern in der fußfreien Reihe. Auf dem Podium war das Grazer philharmonische Orchester in Stellung gegangen, und ein anderer großer Sohn der Kulturhauptstadt, Karl Böhm nämlich, war als Dirigent aufgeboten. Übrigens zum Verdruss des Jubilars, der Böhm stets verächtlich als "Kapellmeister" bezeichnete.

Die Dinge nahmen ihren Gang. Zuerst die Feste im Herbst - rauschender Beifall. Danach Orchesterlieder. Da rauschte der Beifall noch lauter. Der Meister allerdings schien da ganz anderer Meinung.

Als sich der Jubel gelegt hatte, sagte dieser nämlich ganz laut: "Ich lass' meine Lieder nicht anwischerln." Sprach's, erhob sich und erklomm zur allgemeinen Verblüffung - vor allem zu jener des "Kapellmeisters" - das Podium, wo er sich an den Flügel setzte und die Sängerin nötigte, die Lieder, von ihm begleitet, nochmals zu singen.

Bei einem Fest für einen toten Tonsetzer, wie etwa bei der gestrigen Hugo-Wolf-Soiree, sind derlei peinliche Interventionen glücklicherweise nicht zu gewärtigen. Da auch Joseph Marx mittlerweile schon 39 Jahre in seinem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof ruht, stünde auch einer ungestörten Aufführung seiner Werke nichts mehr im Wege.

Doch wer in Europas diesjähriger Kulturhauptstadt etwas gelten will, lässt Joseph Marx besser unerwähnt. Erstens, weil er angeblich ein Nazi war. Zweitens, weil er ein zweitrangiger Komponist ist.

Zum ersten Vorwurf: Im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands gibt es keinen einzigen belastenden Hinweis auf Joseph Marx.

Und Ernst Fischer, Kommunist und Österreichs erster Unterrichtsminister nach dem Zweiten Weltkrieg, schrieb an Marx: "Ihre Persönlichkeit, die jeden Teufelspakt zurückwies und zu keinem Zugeständnis an Eroberer und Machthaber bereit war, ist über die Grenzen dieses Landes hinausgewachsen. Sie haben nicht nur Rhythmus, sondern auch Rückgrat."

Und zum zweiten Vorwurf: Soeben erschien die erste CD einer Gesamtaufnahme der Orchesterwerke von Joseph Marx, die in England als CD des Monats figuriert und in der internationalen Presse auf zum Teil begeistertes Echo stieß.

Irgendwann sickert diese Kunde sicher noch bis in die Kulturhauptstadt durch. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5./6.7.2003)

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