Liberias Präsident Taylor, Totengräber am Friedhof der Hoffnungen

5. August 2003, 11:01
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Der US-Druck wirkt: Charles Taylor will ins Exil gehen

Dahkpannah Charles Ghankay Taylor lautet sein Taufname. Die Liberianer indes nennen ihren Präsidenten "Superkleber". Ihm bleibe das Geld unweigerlich an den Fingern picken, heißt es in Monrovia. Und weil Geld in Westafrika mit gewissenloser Macht über den Umschlag von Diamanten, Tropenhölzern und Bodenschätzen übersetzt wird, klebt auch Blut - viel Blut - an den Händen des großen Drahtziehers an der afrikanischen "Küste des Hasses".

Taylors Geschichte ist die Liberias im Kleinen: 1948 kommt er als Sohn eines US-Bürgers und einer Nachfahrin eines befreiten amerikanischen Sklaven in Monrovia zur Welt. Er wächst dort in einem der besseren Vororte auf, studiert am Bentley College in den USA Ökonomie und leitet nach seinem Abschluss 1979 die staatliche General Services Agency in Monrovia.

Alles deutet auf den Beginn einer hoffnungsfrohen Karriere hin. Nur Monate später allerdings putscht Taylor an der Seite von Samuel Doe jene Regierung aus dem Amt, die ihn ernannt hat. 1984 muss er in die USA fliehen, weil er im Verdacht steht, Millionenbeträge seiner Agency veruntreut zu haben.

In Amerika wird er wegen dubioser Waffengeschäfte eingesperrt. Er flieht aus dem Gefängnis, schlägt sich nach Burkina Faso durch und kommt am Weihnachtsabend 1989 mit seiner libysch finanzierten Guerilla über Liberia.

In den nächsten fünf Jahren finden mindestens 150.000 Menschen in einem der blutigsten Bürgerkriege, den die Welt je gesehen hat, den Tod. Taylor befiehlt Massenvergewaltigungen, rekrutiert Kindersoldaten, spießt abschlagene Köpfe seiner Feinde auf Pfähle. Seinem früheren Kumpanen Doe lässt er - wie ein Videoband zeigt - die Ohren abschneiden, lässt ihn kastrieren und zu Tode foltern.

1997 wählen die Liberianer Taylor trotzdem zum Präsidenten. Einer seiner Wahlslogans lautete: "Ich habe deinen Vater umgebracht. Ich habe deine Mutter umgebracht. Wähl mich." Die Drohung und eine gut gefüllte Wahlkampfkasse bringen dem damals 49-Jährigen 75 Prozent Zustimmung. Taylor wird demokratisch legitimierter Totengräber auf dem "Friedhof voller gescheiterter Hoffnungen" (UN-Diplomaten über Liberia), und er dehnt sein blutrünstiges Wirken auf ganz Westafrika aus: Seine Finger sind beim Bürgerkrieg in Sierra Leone mit im Spiel (dafür wurde er unlängst vom UN-Kriegsverbrechertribunal angeklagt), er schürt auch den Konflikt in Côte d'Ivoire.

Geht Taylor jetzt tatsächlich ins Exil, wird er ein Meer von Blut zurücklassen und geschätzte drei Milliarden US-Dollar an zusammengerafftem Vermögen mitnehmen. Damit leben er, seine Frau und seine acht Kinder vermutlich auch in Nigeria in gewohntem Pomp. Den 3,1 Millionen Liberianern bleibt ihr Leben. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6.7.2003)

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    Charles Taylor

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