Homo sapiens besiedelte Mittelmeerinseln nicht als erster

Steinwerkzeuge entdeckt, die bis zu 170.000 Jahre alt sein könnten: Neandertaler oder sogar Homo erectus kommen in Frage

Athen/Washington - Aktuelle Fundanalysen legen nahe, dass die Mittelmeerinseln schon vor der Einwanderung des Homo sapiens von Menschen besiedelt wurden. Möglicherweise war bereits der Neandertaler oder sogar der noch frühere Homo erectus auf Kreta, Zypern und andere Inseln gelangt, schreibt der US-Anthropologe Alan Simmons im Journal "Science".

Bisher gingen die meisten Fachleute davon aus, dass erst die modernen Menschen der Jungsteinzeit vor etwa 9.000 Jahren die Fähigkeit besaßen, über das offene Meer zu fahren und die Mittelmeerinseln zu besiedeln. Annahmen einer früheren Besiedlung hätten bis vor etwa 20 Jahren einer genauen Prüfung nicht standgehalten, schreibt Simmons, der an der University of Nevada in Las Vegas forscht. Neuere Untersuchungen und Funde auf einigen Inseln scheinen das Bild nun aber zu ändern.

Zurück in die Vergangenheit

So könnten auf Kreta gefundene Quarz-Faustkeile und andere Werkzeuge bis zu 170.000 Jahre alt sein. Auf einigen südlichen Ionischen Inseln fanden Forscher zudem Hinweise auf eine Besiedlung vor etwa 110.000 Jahren. Stimmen die Altersberechnungen, wären die jeweiligen Inselbewohner wohl Neandertaler oder sogar Angehörige des Homo erectus gewesen, denn der Homo sapiens traf erst sehr viel später ein. Die ältesten Belege für seine Auswanderung aus Afrika reichen 60.000 Jahre zurück. Europa dürfte er erst vor 30.000 bis 40.000 Jahren erreicht haben.

Auch bei den späteren Besiedlungswellen des Homo sapiens könnten laut Simmons aber Umdatierungen fällig sein: So deuteten Funde auf Zypern darauf hin, dass die Insel mindestens 3.000 Jahre früher bewohnt war als bisher gedacht, nämlich bereits vor etwa 12.000 Jahren.

Die dortigen Untersuchungen ließen auch vermuten, dass die Inselbewohner schon früh Pflanzen und Tiere domestizierten und in Dörfern zusammengelebt hatten. Bisher war dies aus dieser Zeit nur vom Festland bekannt. Weitere Untersuchungen müssten die Ergebnisse nun untermauern und erweitern. (APA/red, derStandard.at, 18. 11. 2012)

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