Gaza-Krieg bringt Morsi der Hamas näher

Analyse16. November 2012, 19:09
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Ägyptens Präsident beschuldigt Israel der "Verbrechen gegen die Menschheit"

Der ägyptische Premier Hisham Kandil ist ein parteiloser Ingenieur, den sich Präsident Mohammed Morsi als Regierungschef holte, weil er sich von ihm ausreichend Technokraten-Know-how für sein Infrastrukturverbesserungsprogramm erwartet. Und plötzlich steht Kandil im Mittelpunkt einer eminent politischen Mission: Er gibt mit seiner Solidaritätsbekundung am Freitag im Gazastreifen der populistischen Seite der neuen ägyptischen Führung sein Gesicht.

Bisher hat sich die Regierung Morsi ja eher pragmatisch verhalten und trotz ihrer israelfeindlichen Klientel auch das Verhältnis zu Israel zumindest deutungsoffen gehalten. Angesichts der Eskalation schlug Morsi neue Töne an, als er die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen als "unverhohlene Aggression gegen die Menschheit" bezeichnete und versprach, "Gaza nicht allein zu lassen": für die Hamas nach dem Besuch des katarischen Emirs Hamad bin Khalifa Al Thani - der das Hamas-Politbüro in Doha beherbergt und dadurch vom Iran loslösen will - ein diplomatischer Sieg.

Was der ägyptische Präsident damit genau im Sinn hatte - ob und welche konkreten Schritte -, war am Freitag noch nicht klar. In einem präsidentiellen Statement hatte Morsi am Donnerstag festgehalten, dass er sich bei einem Telefonat mit US-Präsident Barack Obama einig gewesen sei, dass die USA und Ägypten kooperieren würden, um eine weitere Eskalation und eine "Fortsetzung der Aggression" zu verhindern. Die Uneinigkeit darüber, wo der Aggressor sitzt, wurde im Statement freilich ausgespart. Das Weiße Haus - das nur die Raketen auf Israel verurteilt und Israels Recht, sich zu wehren, betont - sprach lediglich von Ägyptens "zentraler Rolle bei der Aufrechterhaltung der regionalen Sicherheit".

Die kognitive Dissonanz zwischen arabischer Solidarität und Realpolitik plagte auch Präsident Hosni Mubarak, auch wenn die Gewichtung bei ihm anders war: Er konnte die Muslimbrüder, ob bei sich daheim oder im Gazastreifen, nicht ausstehen. Und seine Rolle als Träger der US-Sicherheitsinteressen in der Region war nicht aufgezwungen, sondern eine strategische Entscheidung.

Während der israelischen Gaza-Offensive 2008/2009 warf die ägyptische Regierung zwar den israelischen Botschafter aus dem Land, kam den Israelis jedoch indirekt durch die Sicherung ihrer Seite der "Philadelphi Route" an der Grenze zwischen Gaza und Ägypten zu Hilfe. Das ist von der Morsi-Regierung nicht zu erwarten - und mag bei den israelischen Überlegungen, eine Bodenoffensive zu starten oder nicht, eine Rolle spielen.

Am Donnerstag öffnete Ägypten angesichts der Lage im Gazastreifen zwar zeitweise die Grenze, aber vor allem für Verletzte und Hilfsgüter. Es war einstweilen keine Rede von einer völligen Öffnung. Auf sie warten die Gazianer seit Monaten vergeblich.

Auch auf diplomatischer Ebene griff Morsi nicht gleich ins Volle. Er rief den erst vor kurzem ernannten ägyptischen Botschafter in Tel Aviv, Atef Salem al-Ahl, zurück. Auch der israelische Botschafter Yaakov Amitai hält sich nicht mehr in Kairo auf, nach Informationen der Zeitung al-Masry al-Youm wurde er jedoch nicht zum Verlassen Ägyptens aufgefordert. Ob er nach dem Wochenende, das er für gewöhnlich in Israel verbringt, wieder nach Kairo zurückkehrt, war nicht bekannt.(Gudrun Harrer/DER STANDARD, 17.11.2012)

  • Technokrat auf politischer Mission: Premier Kandil bei Hamas-Chef Haniyeh.
    foto: reuters/zakot

    Technokrat auf politischer Mission: Premier Kandil bei Hamas-Chef Haniyeh.

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