Freispruch für Gotovina: Missverstandenes Urteil

Kommentar16. November 2012, 18:33
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Offensichtlich wäre es wohl besser gewesen, wenn sich die Anklage auf konkrete Verbrechen bezogen hätte

Es war eine Sternstunde für Nationalisten, die den Freispruch von Ante Gotovina hysterisch feierten. Die Rea ktionen auf das Haager Urteil zeigen, dass sich viele Kroaten noch immer mit dem Exgeneral identifizieren, der 1995 eine Militäroperation durchführte, die von Flucht, Vertreibung und Ermordung der Serben in der Krajina begleitet war. Und das ist bedenklich.

Die Reaktion verweist auch auf ein grundsätzliches Missverständnis. Während manche nun die gesamte kroatische Nation als reingewaschen betrachten, haben die Berufungsrichter in Den Haag bloß ein sehr nüchternes, technisches Urteil über die Schlussfolgerungen ihrer Kollegen im Vorjahr gefällt. Und diese hielten sie für falsch - mehr nicht.

Offensichtlich wäre es aber wohl besser gewesen, wenn sich die Anklage auf konkrete Verbrechen bezogen hätte, statt Gotovina gleich die Bildung einer "verbrecherischen Unternehmung" vorzuwerfen. Denn nun bleibt die Operation "Oluja" rechtlich und gesellschaftlich unbearbeitet. Das ist schlecht für Kroatien, für die Beziehungen zu Serbien, für die gesamte Region und bitter für die vertriebenen Serben. Der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg, Lüge und Wahrheit sowie Recht und Unrecht, sei schmal, sagte der kroatische Premier Zoran Milanovic am Freitag nachdenklich. Gemeint hat er damit wohl, dass Gotovina auch hätte verurteilt werden können. Bei all der nationalen Aufwallung war da einer zumindest beruhigend europäisch. (DER STANDARD, 17.11.2012)

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