Ganztagsschule: Schränken statt Denken?

Kommentar der anderen16. November 2012, 18:17
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Während der schulische Ganztagsbetrieb in anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist, steht hierzulande die "Verschränkung" im Zentrum der Debatte. Wäre "Beschränktheit" nicht zutreffender?

Es gibt kein englisches Wort für "Ganztagsschule", übrigens auch kein schwedisches, französisches oder japanisches. In den Schulsystemen vieler gewichtiger OECD-Ländern - darunter Frankreich, Schweden, die USA, Großbritannien, Japan, Kanada, Australien - ist die Ganztägigkeit seit Jahrzehnten so selbstverständlich, dass "Schule" automatisch Ganztagsschule bedeutet; in manchen Ländern - etwa Italien, Deutschland, den Niederlanden und Österreich - werden Ganztagsschulen (noch) als Ergänzungen eines im Prinzip als "normal" angesehenen schulischen Halbtagsbetriebs verstanden. Wo es "echte" Ganztagsschulsysteme gibt, ist man bestrebt, den schulischen Ganztagsbetrieb für eine vielfältige und umfassende Erneuerung des Schullebens und als "demokratische Polis" für soziales Lernen zu nutzen; wo ganztägige Schulformen bloß als standortspezifische Notlösungen des nachmittägigen Betreuungsbedarfs von Kindern berufstätiger Mütter angesehen werden, bleibt das pädagogische Innovations-Potenzial der Ganztägigkeit oft ungenutzt. Der ersten Gruppe bleiben sprachliche Verrenkungen wie die "verschränkte" österreichische oder die "gebundene" deutsche Ganztagsschule erspart.

Seit etwa zwei Wochen herrscht in der österreichische Bildungspolitik das, was man im Englischen ein "free for all" nennt: Jeder darf alles sagen, was ihm zur Ganztagsschule gerade einfällt - Behauptungen, Forderungen, Vermutungen, Befürchtungen, Glaubenssätze ...

Die Bildungsministerin hat mehrfach zu erkennen gegeben, dass sie, langfristig gesehen, ein flächendeckendes Regelschulsystem von Ganztagsschulen präferieren würde. Was die ÖVP-Position zur Ganztagsschule betrifft, würde ich am liebsten die Redaktion des Standard bitten, hier die zu Redaktionsschluss gerade geltende ÖVP-Meinung einzusetzen, denn nach den Erfahrungen der letzten Tage kann sich diese stündlich ändern (explizit ausgenommen der Tiroler Landeshauptmann Platter, der neuerdings die Rolle des Sachwalters der Rationalität in der ÖVP-Bildungspolitik einnimmt).

Man wird in Österreich um die parlamentarische Klärung der grundlegenden Frage nicht herumkommen:

Will man einen Fleckerlteppich von "nachfragegesteuerten", von einzelnen Bürgermeistern, Schulgemeinschaftsausschüssen oder gar für einzelne Klassen (?) gebastelten Notlösungen, oder will man einen langfristigen, auf einem wohlüberlegten Masterplan beruhenden, nachhaltig finanzierten Umbau des Schulwesens mit dem Endziel eines flächendeckenden Ganztagsschulsystems?

Es klingt ja sehr schön, wenn Politiker beteuern, den Eltern soll die Möglichkeit geboten werden, sich frei zwischen verschiedenen Varianten von Ganz- und Halbtagsschulen zu entscheiden. De facto bedeutet es jedoch, dass sich Parlament und Ministerium Arbeit und Konflikte ersparen wollen und die Probleme und Konflikte der Modellentwicklung, der begrenzten Kapazitäten und des Interessensausgleichs den einzelnen Schulen und Eltern überlassen. Weniger Staat, mehr privat. Eltern, die keinen Ganztagsschulplatz für ihr Kind finden, dürfen sich selber die Schuld geben.

Auf die OECD hören!

Würde man in Österreich das tun, was die OECD ihren Mitgliedländern seit Jahrzehnten empfiehlt, nämlich bildungspolitische Entscheidungen " evidence-based", d. h. auf einer verlässlichen sachlichen Basis, zu treffen, böte sich statt des zu befürchtenden "großkoalitionären Kompromisses" eine Vorgangsweise wie die folgende an:

Ein Kommission von Experten, Politikern und Praktikern vergewissert sich, was der Stand der Bildungsforschung zur Ganztagsschule ist; erhebt den österreichischen Status quo und die regionalen Variationen des zukünftigen Bedarfs; erkundet "best practice" in Ländern wie Schweden, Frankreich, Italien und Deutschland; überlegt günstige Rahmenbedingungen und unabdingbare Konsequenzen und formuliert schließlich mögliche Szenarien und Optionen samt deren mutmaßliche Kosten. Dafür sollte die Kommission etwa eineinhalb Jahre Zeit haben.

Mit welch grundlegenden Problemen es so eine Kommission zu tun hätte und warum ein "Schnellschuss" bis zu dem für März 2013 angekündigten Bildungsgipfel unmöglich ist, lässt sich mit drei Beispielen andeuten:

  1. Wenn Schulen durch Ganztägigkeit von der traditionellen Fixierung und Reduktion der Lehrerrolle auf vormittägigen Unterricht befreit werden: Wie soll in der "neuen Lernkultur" die Balance und der Rhythmus von lehrergesteuertem Unterricht, selbstbestimmten, schülergesteuertem, computergestütztem "blended learning" und musikalischen, sportlichen und anderen Lerntätigkeiten aussehen, und zwar nicht bloß am Nachmittag sondern über den ganzen Schultag hinweg?
  2. Selbst wenn die Lehrerschaft durch anders qualifiziertes Personal ergänzt wird, dürfte es unvermeidlich sein, dass Lehrerinnen und Lehrer erheblich mehr Zeit in der Schule verbringen müssen. Wie werden sie auf ihre veränderte Rolle vorbereitet und welche Konsequenzen hat die sozialpädagogische Erweiterung ihres Aufgabenfeldes für das neue Lehrerdienstrecht?
  3. Wie können die vielen konventionellen Schulbauten kostengünstig so umgestaltet werden, dass sie der vom Ganztagsbetrieb geforderten Flexibilität und Mehrfachnutzung von Räumen gerecht werden (von attraktiven, gemütlichen Lehrerzimmern mal ganz abgesehen)?

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass manche Politiker, die neuerdings ganz locker den Begriff "verschränkte" Ganztagsschule verwenden, eine sehr beschränkte Ahnung von der Komplexität des Ganztagsschulbetriebs haben. (Karl Heinz Gruber, DER STANDARD, 17./18.11.2012)

Karl Heinz Gruber lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien und hat in den vergangenen 40 Jahren viele lange Schultage in englischen, schwedischen und japanischen Ganztagsschulen verbracht.

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