Die Freiheit der Kunst als bittersüße Schokolade

  • Herper, Jahn, Korschelt, Fabisch und Schimautz reflektierten über Politik 
in der Kunst an Pistolettos Spiegeltisch. 
    foto: niki lackner / joanneum

    Herper, Jahn, Korschelt, Fabisch und Schimautz reflektierten über Politik in der Kunst an Pistolettos Spiegeltisch. 

Ein STANDARD-Kunstgespräch über die Rolle der Kunst mit Grazer Kulturpolitikern

Graz - Der Love Difference Table von Michelangelo Pistoletto ist ein Tisch, an dem in jedem Sinn reflektiert wird. Derzeit steht die aus Spiegelpuzzleteilen gebaute lange Tafel in der Ausstellung Cittadellarte. Teilen und verändern im Grazer Kunsthaus. Am Donnerstagabend setzten sich die Kultursprecher aller im Gemeinderat vertretenen Parteien, Andreas Fabisch (KPÖ), Karl-Heinz Herper (SPÖ), Christina Jahn (Grüne), Harald Korschelt (FPÖ) und Markus Schimautz (ÖVP), an den Tisch.

Unter der Moderation von Andrea Schurian, Standard-Kulturchefin, erörterten sie die Frage, ob Kunst Lebenswelten konkret verändern und verbessern kann und ob sich soziales Gewissen in der Kunst ausdrücken könne. Und welche Rolle soll Politik eigentlich dabei spielen?

Schurian zitierte eingangs Pistoletto, der glaubt, dass die Demokratie schon lange im Verdacht stehe, nur mehr als "Deckmantel der Übermacht des Geldes" zu dienen. Welchen Einfluss haben da Kommunalpolitiker noch?

"Die Verhältnisse sind ungerecht", betonte Herper, "sonst würden derzeit nicht Millionen Leute auf die Straße gehen." Aber gerade darum müsse man auch auf die "Visionen von Künstlern hoffen, die die Welt verändern und nicht nur interpretieren können".

Jahn, die nach zehn Jahren im Gemeinderat die Politik nach der Grazer Wahl am 25. November verlässt, sieht zurückblickend gerade in der Kommunalpolitik die Chance, Dinge zu verändern, etwa über Budgets. Was hier Kreativität bewirke, "merkt man gerade in Graz". Das Kulturhauptstadtjahr 2003 habe die Stadt - im Bewusstsein und auch in Sachen Infrastruktur - nachhaltig verändert.

KPÖ-Kultursprecher Fabisch erinnerte im Zusammenhang mit dem Kulturjahr 2003 an die damalige Initiative seiner Partei "Auch das ist Kultur - ein Bad für jede Gemeindewohnung". Damals stattete man die letzten Gemeindewohnungen mit Bad und WC aus - mit Mitteln des Kulturbudgets.

Solche soziokulturellen Zugänge von Kunst und Kultur, wie sie auch Pistoletto in seiner Kunst und der Gruppenausstellung Cittadellarte propagiert und vorlebt, gehen dem FPÖ-Politiker Korschelt zu weit.

"Dann ist ja alles Kunst", kritisierte Opernfan Korschelt, der mit der Pistoletto-Schau nichts anfangen kann. "Mir gefällt das hier nicht", sagt er, und überhaupt habe "die Schokoladenfabrik Zotter im Jahr mehr Besucher als das Grazer Kunsthaus."

"Kunst darf alles", hielt dem Herper ein Wort des einstigen KPÖ-Staatssekretärs und Schriftstellers Ernst Fischer entgegen. Und sie muss nichts. Sie muss "eine der letzten Bastionen sein, wo man frei denken kann", meinte eine Kunst- und Kulturmanagerin aus dem Publikum. Dafür müsse die Kulturpolitik kämpfen. Anstatt nur Rahmenbedingungen abzustecken, müsse man "Möglichkeiten für Künstler schaffen", die ohnehin zum Großteil unter prekären Umständen leben müssten.

Kunst nur als Ware zu sehen, dagegen verwahrte sich auch Kunsthaus-Kuratorin Katrin Bucher Trantow: "Kunst hält der Gesellschaft viele Spiegel vor", sagte sie, dafür brauchte es nicht nur Kulturbeiräte, sondern "auch mitdenkende Politiker".

Auch der aus der Kreativwirtschaft stammende Schimautz forderte hier " Solidarität" mit den Künstlern ein, auch wenn "Sozialismus für mich natürlich nicht im Vordergrund steht". Das hatte aber auch niemand von dem ÖVP-Politiker erwartet. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 17./18.11.2012)

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