Soziales Jahr: Zivildiener-Kitsch

Kommentar16. November 2012, 18:33
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Der nun entfaltete Kitsch rund um "Gemeinwohlverpflichtung" und " Bürgerdienst" verschleiert einen zentralen Grund, warum die Politik Zivildiener so liebgewonnen hat

Schön, dass Zivildiener nicht mehr als Drückeberger gelten, doch allmählich schlägt die Debatte ins andere Extrem um. Mangels besserer Argumente für die Wehrpflicht tut die ÖVP geradezu so, als müsse das Sozialsystem ohne Zivis unweigerlich ins Wanken geraten - ein krauses Argument, das auf eine politische Ohnmachtserklärung hinausläuft: als könnte einer der reichsten Staaten der Welt seine Alten, Kranken und Armen nur mittels eines Zwangsdienstes versorgen, zu dessen Rechtfertigung ein überholter Militärapparat erhalten werden muss.

Der nun entfaltete Kitsch rund um "Gemeinwohlverpflichtung" und " Bürgerdienst" verschleiert einen zentralen Grund, warum die Politik Zivildiener so liebgewonnen hat: Die billigen und zwangsläufig willigen Helfer ersparten Investitionen in staatliche Kernaufgaben, die von der alternden Gesellschaft immer stärker beansprucht werden.

Natürlich gibt es dazu Alternativen - auch bessere als das geplante Sozialjahr. Wie wär's mit Profis in regulären Dauerjobs? Anders als im einjährigen SPÖ-Modell könnten diese Routine aufbauen und Aufstiegsperspektiven entwickeln, statt sich per se auf einen Mindestlohn festnageln zu lassen. Dies mag vordergründig teurer kommen, verheißt aber Umwegrentabilität in Form von Beschäftigung und Wachstumsimpulsen. Und bei allem Respekt vor der Arbeit von Zivildienern, Freiwilligen und Temporärkräften: Profis versprechen nicht zuletzt einen Qualitätsschub. (Gerald John, DER STANDARD, 17./18.11.2012)

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