Rolle der Finanzinnovation

Kolumne | Raghuram Rajan
16. November 2012, 17:38

Nach einer Krise sind Rufe nach einer Begrenzung des Wettbewerbs nicht ungewöhnlich

Viele Wirtschaftswissenschafter befürworten eine Regulierung, die das Bankwesen wieder "langweilig" und wettbewerbsfeindlich machen würde. Nach einer Krise sind Rufe nach einer Begrenzung des Wettbewerbs nicht ungewöhnlich.

Bedenken hinsichtlich der nachteiligen Auswirkungen des Wettbewerbs hat es immer gegeben, selbst unter denjenigen, die nicht davon überzeugt sind, dass das staatliche Diktat die Märkte ersetzen kann oder dass das Gute im Menschen eine stärkere Motivation darstellt als monetäre Belohnungen und Bestrafung. Besonders erhitzt wurde die Debatte über die Auswirkungen durch Innovationsanreize geführt.

Die Kritiker glauben, dass Innovationen das Problem sind. Anstelle von Schumpeters "schöpferischer Zerstörung" haben sich die Banker mit zerstörerischer Schöpfung beschäftigt, um die Kunden bei jeder Gelegenheit abzuzocken, während sie sich selbst hinter einem Schleier der Komplexität vor den neugierigen Augen der Regulierungsbehörden verschanzten. Der Ex-US-Notenbankchef Paul Volcker hat etwas ironisch behauptet, die einzige nützliche Finanzinnovation der letzten Jahre seien Geldautomaten gewesen. Daher fordern Kritiker eine Beschränkung des Wettbewerbs, um Innovationen unattraktiver zu machen.

Selbstverständlich argumentieren die Kritiker zu Recht, dass nicht alle Innovationen in der Finanzwirtschaft sinnvoll und einige sogar zerstörerisch waren. Im Großen und Ganzen haben Innovationen wie Zinsswaps und Ramschanleihen jedoch enorme Vorteile für eine Vielzahl von Firmen gehabt, die auf diese Weise gegründet werden und Kredite erhalten konnten, was zuvor einfach nicht möglich war.

Selbst hypothekenbesicherte Wertpapiere, die im Mittelpunkt der Finanzkrise 2008 standen, erfüllen eine wichtige Aufgabe bei der Ausweitung des Besitzes von Eigenheimen und Fahrzeugen. Das Problem waren nicht die Innovationen, sondern wie sie eingesetzt wurden - also die Anreize für die Finanziers.

Und dabei spielt der Wettbewerb eine Rolle. Dieser macht es schwieriger, Geld zu verdienen, und verringert daher die zukünftigen Erträge der inkompetenten Marktteilnehmer. In einer gewöhnlichen Branche würden inkompetente Unternehmen vom Markt verdrängt. In der Finanzbranche gehen inkompetente Firmen mehr Risiken ein, in der Hoffnung, den Jackpot zu knacken. (Raghuram Rajan, DER STANDARD, 17/18.11.2012)

Raghuram Rajan ist Professor für Finanzwissenschaften an der Booth School of Business der University of Chicago und leitender Wirtschaftsberater der indischen Regierung. Er ist der Autor von "Fault Lines - Verwerfungen: Warum sie noch immer die Weltwirtschaft bedrohen und was jetzt zu tun ist". © Project Syndicate, 2012. Aus dem Englischen von Anke Püttmann.

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das der Standard nur noch als Forum für Marktradikale gilt.

Und es geht nicht darum das der Staat die Aufgaben der Banken übernimmt sondern seine eigentliche: die Hoheitsaufgabe. Und dazu gehört die Regulierung von Bankgeschäften. Vor Anbruch des neoliberalen Zeitalters gab es eine Reihe von Regulierungen - und die Banken konnten trotzdem erfolgreich wirtschaften. Und zeigten auch mehr Interesse an der Realwirtschaft weil es keien Parallelwelt gab in der man Luftgewinne machen konnte.

Und wenn Banken mittlerweile nur noch 800.000 € an jemanden verleihen der 1 Mio besitzt haben sie ihr Kerngeschäft verlernt.

Frag doch den Inder...

...denn dort möchten wir alle leben : Apokalyptische Umweltverhaeltnisse, brutalste Ungleichheit, voellige Gleichgueltigkeit gegenueber dem Leid von hunderten Millionen Mitbuergern, steinzeitliche Gesellschaftsstrukturen aber zum Ausgleich einen innovativen, plutokratischen Kapitalismus.

Raghuram Rajan ist Professor für Finanzwissenschaften an der Booth School of Business der University of Chicago und leitender Wirtschaftsberater der indischen Regierung.

eben deshalb ist indien in dieser furchterlichen situation

Der gute Man verschweigt die wesentlichen Probleme -

unter anderem, daß die Risikofreude der Bänkster IMMER belohnt wird: Entweder durch den Markt, oder als Rettungspaket von uns Steuerzahlern.

Ergo wird auch Fehlallokation belohnt.

Das Grundproblem - nämlich allzuviel akkumuliertes Kapital, das sich in der Realwirtschaft keine ausreichenden Renditen mehr erwartet, wird nicht einmal thematisiert.

Daß solche Leute Lehrstühle haben können, stellt der Wissenschaft kein gutes Zeugnis aus.

also wie bei waffen

das problem sind nicht die produkte, sondern dass sie falsch eingesetzt wurden...
mir fielen dazu 3 mögliche lösungen ein:
(1) diese produkte verbieten, auch wenn sie nicht per se böse sind, sondern nur böse verwendet werden
(2) den einsatz dieser produkte massiv reglementieren, damit sie eben nicht böse verwendet werden können
(3) gar nichts tun und einfach hoffen, dass diese produkte plötzlich ganz anders und segensreich verwendet werden
... der autor ist offensichtlich ein fan von variante (3), ich halte diese aber für am wenigsten zielführend.

lieber herr rajan - wenn die ersten Banken in Konkurs

gehen und die Anteilseigner ihren Einsatz verlieren und die schuldigen Banker ins Gefängnis gehen ....dann reden wir wieder darüber-bis dahin baba.

Wir sollten die Finanzwirtschaft umgehen, so wie der Schuhmacher aus dem Waldviertel - und die nächste geplatzte Blase kann uns den Buckel runterrutschen!

Wir haben der Finanzwirtschaft soviel Geld gegeben und noch mehr Schulden gemacht und die sagen statt Danke, dass sich unser Rating dadurch verschlechtert hat und sie mehr Zinsen von uns verlangen müssen!

LMMAA! mM

Der Schuhmacher aus dem Waldviertel geht der Finanzwirtschaft nicht aus dem Weg. Er betreibt selbst (ungeregelte) Finanzwirtschaft.
Der Schumacher aus dem Waldviertel sagt: "Mir ist die Finanzwirtschaft viel zu reguliert. Ich will, dass da auch ich unkontrolliert von der Finanzmarktaufsicht herumfuhrwerken kann!"

Vielleicht ein bisserl spät:

Aus meiner Sicht macht die Finanzwirtschaft hauptsächlich Geld aus Geld und die Banken wollen das seit geraumer Zeit auch. Dadurch - und auch wegen Basel 2 und 3 - bekommt die Realwirtschaft in Form der Selbständigen, KMUs und EPUs kaum oder gar kein Geld mehr geliehen.

Wenn also jemand aus der Realwirtschaft sich das Geld gezwungenermaßen und mutigerweise von seinen Kunden direkt besorgt, dann umgeht er damit in meinen Augen das jetzige System.

Das mag prinzipiell dasselbe sein: so wie eine Waffe in der Hand eines Polizisten und eines Verbrechers prinzipiell dasselbe ist.

Aber ich bin kein Ökonom und lehne auch Banken grundsätzlich nicht ab.

wenns nur eine krise wäre

leieder aber besteht in diesem system die dauerkrise
weil halt der markt nix regelt
außer umverteilung zu ganzschweinereich

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