"Man kann mit Sport die Intelligenz beeinflussen"

Interview | Lisa Nimmervoll
16. November 2012, 18:26
  • "Körperliche Fitness hat positive Effekte auf Gehirnfunktionen, die in
 einem engeren Zusammenhang mit der Lernleistung stehen als der IQ"
    foto: der standard/hendrich

    "Körperliche Fitness hat positive Effekte auf Gehirnfunktionen, die in einem engeren Zusammenhang mit der Lernleistung stehen als der IQ"

Sport macht schlau. Sabine Kubesch, Hirnforscherin und Sportwissenschafterin, über Schwitzen statt sitzenund Sprints vorm Vokabellernen

STANDARD: In Österreich gibt es, ausgelöst durch Olympia 2012, wo "Dabei sein ist alles" sehr wörtlich genommen wurde und keine einzige Medaille errungen werden konnte, eine Debatte um den Turnunterricht in der Schule. Gefordert wird eine tägliche Turnstunde - eine richtige, berechtigte Forderung?

Kubesch: Die Forderung ist äußerst berechtigt. Ein umfassendes und qualitativ hochwertiges Sportangebot ist für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen absolut zu empfehlen, sowohl was ihre körperliche als auch ihre geistige Entwicklung anbelangt. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die körperliche Fitness einen positiven Effekt auf Gehirnfunktionen ausübt, die in einem engeren Zusammenhang mit der Lernleistung stehen als der IQ. Die körperliche Fitness kann ich aber nur steigern, indem ich viel Sport ausübe.

STANDARD: Welche Hirnfunktionen werden durch Sport beeinflusst?

Kubesch: Im Besonderen lassen sich die exekutiven Funktionen durch körperliche Aktivität beeinflussen. Diese wichtigen Gehirnfunktionen werden im Wesentlichen dem Stirnhirn, dem präfrontalen Kortex, zugeordnet. Sie steuern unser Denken und damit die Aufmerksamkeit, unser Verhalten und die Emotionen. Wir sprechen auch von der Fähigkeit zur Selbstregulation. Personen, die bereits in der Kindheit, im Alter zwischen drei und zehn Jahren, über eine gut ausgebildete Selbstregulation verfügt haben, sind als Erwachsene gesünder, wohlhabender und werden weniger häufig straffällig als Erwachsene, die in der Kindheit eine schlechtere Selbstregulation aufgewiesen haben. Über akute körperliche Belastung und eine gesteigerte körperliche Fitness kann man positiv auf die exe kutiven Funktionen einwirken, die der Selbstregulation und der Lernleistung unterliegen.

STANDARD: Derzeit turnen Kinder in Österreich in der Volksschule pro Woche zwei bis drei Stunden, in der Unterstufe drei bis vier Stunden, in der Oberstufe, speziell in berufsbildenden höheren Schulen, aber oft nur zwei Stunden pro Woche. Wie viel Sport sollte gemacht werden?

Kubesch: Kinder und Jugendliche sollten möglichst mindestens einmal täglich ins Schwitzen kommen. Die Fettverbrennung ist die Voraussetzung dafür, dass wir mehr Serotonin im Gehirn bilden. Dieses Mehr an Serotonin hat einen positiven Einfluss auf unterschiedlichste zentralnervöse Prozesse: Die Stimmung geht hoch, aggressives Verhalten und Ängste nehmen ab, Gedächtnisprozesse werden gefördert und die Stressverarbeitung unterstützt. Aufgrund der Datenlage würde ich empfehlen: Täglicher Schulsport, idealerweise ergänzt durch ein außerunterrichtliches Sportangebot - insbesondere im Ganztagsangebot von Schulen. Dabei ist darauf zu achten, dass eine gewisse Intensität und Dauer der körperlichen Belastung vorhanden ist. Dann kann Sport seine vielfältigen Wirkungsmöglichkeiten am besten entfalten.

STANDARD: In welcher Weise?

Kubesch: Kurze, hochintensive Belastungen haben einen Effekt auf die Lernleistung. Vokabeln werden schneller gelernt und besser behalten, konnten Neurologen aus Münster nachweisen. Aber auch die Sportspiele sind positiv zu bewerten. Bei Sportarten wie Handball, Basketball und Fußball benötigt man neben vielen weiteren Fähigkeiten eine schnelle Umstellungsfähigkeit von Verteidigung auf Angriff. Das trainiert die kognitive Flexibilität, eine der zentralen exekutiven Funktionen.

STANDARD: "Sport macht klug", sagten Sie bei ihrem Vortrag im Rahmen der Zoom Lectures zu "Kindheit heute" in Kooperation mit dem Standard. Welche Positiveffekte hat Sport auf die sozial-emotionale Entwicklung?

Kubesch: Inhibition ist die Fähigkeit, sich zu hemmen, spontane Impulse zu unterdrücken. Diese exekutive Funktion steht in einem positiven Zusammenhang mit dem Sozialverhalten. Ist die Inhibition gut ausgebildet, fällt es Kindern und Jugendlichen leichter, einen Konflikt mit Worten zu führen und nicht mit Fäusten auszutragen. Inhibition lerne ich in Kampfsportarten wie Judo, Karate und Tai-Chi, aber auch im Yoga, beim Tischtennis und in vielen weiteren Sportarten. In zahlreichen Sportangeboten kann man diese zentralen Hirnfunktionen spielerisch trainieren. Dabei lässt sich die Selbstregulation durch die Einhaltung klarer Regeln im Sport unmittelbar durch das eigene Handeln im Sport in jeder Trainingseinheit üben. Da das Stirnhirn nicht einzelne Fakten speichert, sondern allgemeine Regeln, können sich Einstellung und Haltungen, die im Sport gelernt werden, wie Anstrengungsbereitschaft, Fairplay, Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen, auf andere Lernbereiche übertragen.

STANDARD: Welche Rolle spielt in Lernprozessen dann noch der IQ?

Kubesch: IQ und Fitness stehen in einem engen Zusammenhang. Eine Langzeitstudie aus Schweden zeigt, dass eine Fitnesszunahme im Alter zwischen 15 und 18 Jahren mit einer höheren Intelligenz im Erwachsenenalter korreliert. Eine höhere Fitness im Alter von 18 Jahren wiederum steht in einem positiven Zusammenhang mit einem höheren Bildungsabschluss und sozio-ökonomischen Status im weiteren Lebensverlauf. In dieser Studie wurden auch ein- und zweieiige Zwillinge einbezogen. So konnte man zeigen, dass nicht die Genetik ausschlaggebend ist, sondern die nicht geteilten Lebensbedingungen. Man kann mit Sport offensichtlich die Intelligenz beeinflussen.

STANDARD: Schule ist noch immer vor allem eine "sitzende" Angelegenheit. Welche Empfehlungen können Sie dafür geben?

Kubesch: Wir wissen aus Studien, dass sich nach dem Sportunterricht die Fähigkeit, Störreize auszublenden, verbessert. Diese Fähigkeit wird ebenfalls den exekutiven Funktionen zugeordnet, die mit der Lernleistung korrelieren. Von daher ist es wichtig, dass wir den Sportunterricht möglichst nicht in die Randstunden oder in den Nachmittag legen, sondern an den Beginn des Schultags oder vor andere wichtige Fächer.

STANDARD: Und wie kann "Bewegung als Unterrichtsprinzip" denn konkret umgesetzt werden?

Kubesch: Koordinative Übungen etwa haben schon nach zehn Minuten einen positiven Effekt auf exekutive Funktionen. Solche Übungen lassen sich vergleichsweise einfach in den Unterricht einbauen. Ein Lehrer und Künstler aus der Schweiz, Eduard Buser-Batzli, verbindet Lernen und Bewegung auf kreative Weise und äußerst erfolgreich. Die Kinder jonglieren und balancieren beim Lernen und trainieren dabei ihre Aufmerksamkeit. In eine ganz andere Richtung weist eine Studie aus den USA. Neunjährige Kinder zeigen nach einer 20-minütigen mittleren Ausdauerbelastung bessere Aufmerksamkeitsleistungen und schneiden auch in Lernleistungstests direkt nach der körperlichen Aktivität besser ab. Die genannten Beispiele machen deutlich, wie vielfältig Sport und Bewegung in Schulen umgesetzt werden können: vor der Klassenarbeit eine Runde Laufen, vor dem Vokabellernen Sprinten, im Klassenzimmer jonglieren und balancieren, und vor allem brauchen wir mehr Sportunterricht. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 17./18.11.2012)

Sabine Kubesch (42) studierte Sport und Sportwissenschaft sowie Germanistik für Lehramt an Gymnasien in Heidelberg, promovierte an der Universität Ulm im Bereich Humanbiologie über den Einfluss von körperlicher Aktivität auf exe kutive Funktionen. Postdoctoral Fellow an der Harvard Graduate School of Education. Von 2006 bis 2011 leitete sie die Arbeitsgruppe "Exekutive Funktionen und Sport" am ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen an der Uni Ulm. Seit 2012 ist sie Leiterin des Bereichs "Geist, Gehirn und Sport" am "Institut Bildung plus" in Heidelberg.

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Die Österreicher sind offenbar so verzweifelt, dass sie jetzt schon über den Sport versuchen, intelligenter zu werden.
Was für ein lustiges Spektakel!
Den Erfolg sieht man ja z. B. am harten Training von Intelligenzbolzen wie "Univ.-Prof." Leo Lainer, "Studienrat" Frankie Schinkels usw. usf.

Steven Hawkins

Die sportlichen Leistungen von Steven Hawkins sind aber nicht gerade berauschend.

vor seiner behinderung

war er in der rudermannschaft

Aber es sind erstaunlich viele gute Footballer an Colleges!!!

Nicht zu vergessen die Fechtsportler in der Politik!

Aber das Ausgangslevel in Österreich ist auch viel niedriger ;)
Vielleicht lernt man bei uns auch einfach überall anders als auf der Uni einfach mehr...
Wer sich sonst nix merkt der kann sich hoffentlich wenigstens bewegen und ein paar Spielzüge oder so verinnerlichen...
Was solls...

intelligenz

ist angeboren und lässt sich meiner meinung nach nicht beeinflussen.

frage ab wann zählt "angeboren"

zeugung, geburt, irgendwann dazwischen?

http://de.wikipedia.org/wiki/Epigenetik

ob angeboren oder gelernt, ist als ob man wissen möchte ob die breite oder länge für die fläche eine rechtecks verantwortlich ist...

Gegenbeweis: Leute, die täglich 2 Flaschen Schnaps trinken, können damit langfristig durchaus ihre Intelligenz beeinflussen.

Jagut wer sich einen Fuß absägt kann nachher schlechter gehen.

Bedeutet aber nicht, dass einem auch ein zusätzlicher Fuß wächst wenn man viel geht.

wissenschaft als werbebotschafter für die eigene lebensweise

nichts eignet sich besser als das zauberwort "neurowissenschaft". klingt für die meisten nach knallharter wissenschaft und lässt sich aufgrund der nicht vorhandenen erkenntnisse für jeden zweck missbrauchen.

meine gesamte kindheit und mein gesamtes erwachsenenleben als lehrer konnte ich beobachten, dass die wahren naturtalente im sport fast immer schulische defizite hatten und herausragende sportliche leistungen schließen herausragende schulische leistungen geradezu aus.

dass sportlicher erfolg aufgrund seiner gesellschaftlichen zelebrierung positiv auf beruflichen erfolg und anerkennung wirkt, nona! dass leute, die sich zu sport überwinden können, auch vieles andere überwinden, nona!
aber bitte lassts die intelligenz da raus!

artikel nicht gelesen

es geht hier nicht um die Sporttalente, sondern einfach um Bewegung.
Sportliche Betätigung ist nicht bloße Ablenkung, sondern viel mehr Abwechslung und geistige Regeneration, die zugleich belebt.

dass römerquelle die sinne belebt, steht für sie wohl auch außer streit.

Und jetzt gebe ich Ihnen einen Tipp, der Sie vielleicht schon früher auf die richtige Spur gebracht hätte: betrachten Sie bitte auch die verschiedenartigen sozialen Umstände des Heranwachsens Ihrer Schüler.

Objektive Forschungsergebnisse durch subjektive Erfahrung falsifzieren zu wollen, ist aber schon recht gewagt.

Gemäß der Plastizität des Gehirns ist es nur logisch, dass das Erlernen von - va koordinativ hochkomplexen - Bewegungsabläufen (Sport, aber auch das Spielen von Musikinstrumenten), die Synapsen sprießen lassen.

Und natürlich ist Bewegung dem Wohlempfinden (Freisetzung von Endorphinen uä) zuträglich.

genau darum

kann ja auch nur einer wie chuck norris die welt retten. schließlich beherrscht er die komplexesten bewegungsabläufe und vor lauter synapsen wächst ihm das hirn schon bei den ohren raus.

und die vielen buben und mädel, die sich regelmäßig vorm turnunterricht fürchten und drücken, die tun das alles nur, weil sie masochisten sind und die ewigen glücksgefühle nicht ertragen können.

mit verlaub, das klingt mir alles sehr nach den feuchten träumen von ansonsten recht ungefragten sportstudenten und einer milliarden-dollar industrie: sport macht heute nicht nur gesund, schön, reich und angesehen sondern den neuesten studien nach auch noch intelligent!

einer wie fußballgott anautovic könnte dann ohne sport wohl nur vor sich hinsabbern?

und so was will lehrer sein?

na servas!

ihr pauschaurteil "erfolgreicher sportler = dodel" ist so dermaßen primitiv, dass man meinen könnte sie wären lehrer in der baumschule...

wenn sie tatsächlich meinen, ich hätte diesen blödsinn behauptet, sollten sie an ihrer lesekompetenz arbeiten bzw. ihr logisches denken schärfen:
intelligenz <> herausragende schulische leistungen
keine herausragenden schulischen leistungen <> dodel

herausragende leistungen auf irgendeinem gebiet benötigen aber intensive beschäftigung

herausragende fußballer sind selten herausragende golfer und noch viel seltener harausragende violonisten. ganz einfach deshalb, weil der tag nur 24h hat! wenn zeit knapp wird, spart man als begeisterter sportler wohl eher bei der schule ein. dumm oder problematisch? meiner meinung nach nicht, da sport durchaus glücklicher machen kann als schule. aber sicher nicht intelligenter!

Behauptet ja auch niemand, dass man allein durch Sport ohne Lernen intelligenter wird. Aber das Gesamtpaket stärkt die Lerndispositionen (Sport, Musik, ..), das ist hinreichend nachgewiesen.

Nebenbei kann Bewegung auch gesünder machen, das soll angeblich nicht zu unterschätzen sein ;-)

soll doch jeder glauben was ihm beliebt

aber hinlänglich bewiesen ist lediglich, dass wir über diese zusammenhänge so gut wie gar nichts wissen.

es dürfte jedenfalls um ein vielfaches leichter "nachzuweisen" sein, dass 5 stunden schach spielen der lerndispostion wesentlich zuträglicher sind, als 5 stunden im kreis hopsen oder sonstige "komplexe" bewegungsabläufe im zwangsturnunterricht nachzuäffen. gleiches gilt wohl auch für "mozartlauschen", zeitunglesen, "bildungsfernsehen" und hundert andere tätigkeiten, die allesamt in einem wesentlich deutlicheren zusammenhang mit der allgemeine lerndisposition stehen dürften.

und was den gesundheitlichen aspekt anlangt, sollten sie einfach mal ganz nüchtern betrachten, wie viele gerade wegen des zwangsschulsports sport lebenslang hassen.

jojo, Wissenschaft hat halt nix mit Meinung oder Einzelfallbeispielen zu tun...

... viel mehr als über die Quantität von Bewegung sollte man sich mal Gedanken über Lehrer und Eltern machen, die dem Nachwuchs die Freude an der Bewegung schon ganz bald nehmen. Und viel wichtiger als Intelligenz ist die Fähigkeit, sich und sein Umfeld reflektieren zu können, und sich vor allem selbstständig in Probleme und Herausforderungen einarbeiten zu können. Und das wird hier (in Österreich? kA...) so gut wies geht unterdrückt.

ich bezweifle generell die wissenschaftlichkeit der hier getroffenen aussagen

"Personen, die bereits in der Kindheit, im Alter zwischen drei und zehn Jahren, über eine gut ausgebildete Selbstregulation verfügt haben, sind als Erwachsene gesünder, wohlhabender und werden weniger häufig straffällig als Erwachsene, die in der Kindheit eine schlechtere Selbstregulation aufgewiesen haben."

mit welcher methodik soll irgendjemand zu diesen ergebnissen gelangt sein? wie soll retrospektiv die selbstregulation gemessen worden sein? außer im rahmen einer superaufwendigen langzeitstudie, die genau diese fragestellung zum inhalt gehabt hätte? wohlstand und straffälligkeit sind ungeheuer komplexe phänomene. eine kausalität zur selbstregulation herzustellen, halte ich für aussichtslos.

erst selbst recherchieren, dann zweifeln!

Eine solche Längsschnittstudie existiert seit den 70ern und wird weiter fortgeführt. Ist ganz groß und berühmt bei den Spezialisten für exekutive Funktionen und stüzt die von dir kritisierten Aussagen. Ich kann sie gerade nicht zitieren, aber wenn du unbedingt willst, dann schreib mir eine Nachricht und ich frag nochmal nach.

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