Moskito, mach die Mücke!

  • Die Tuberkulosegefahr ist  gebannt: Beim Bau des Butaro-Krankenhauses in
 Ruanda, Preisträger beim diesjährigen Zumtobel Group Award, ...
 
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    foto: iwan baan

    Die Tuberkulosegefahr ist gebannt: Beim Bau des Butaro-Krankenhauses in Ruanda, Preisträger beim diesjährigen Zumtobel Group Award, ...

     

  • ... dient die 
Architektur nicht nur dem Auge, sondern vor allem der Senkung des 
Infektionsrisikos.
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    ... dient die Architektur nicht nur dem Auge, sondern vor allem der Senkung des Infektionsrisikos.

  • Erbaut mit 4000 Laienhilfskräften aus der Region: Das Spital wurde so konzipiert, dass für den Bau nicht nur ausgebildete Handwerker herangezogen werden mussten. Das hat die Wirtschaft angekurbelt.
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    Erbaut mit 4000 Laienhilfskräften aus der Region: Das Spital wurde so konzipiert, dass für den Bau nicht nur ausgebildete Handwerker herangezogen werden mussten. Das hat die Wirtschaft angekurbelt.

Am Freitag wurde in Berlin der Zumtobel Group Award vergeben. Preisträger sind ein Krankenhaus in Ruanda und ein Stadtplanungsprojekt in Paris

Das einzige Problem, das sie nicht in den Griff gekriegt haben, sind die blöden Moskitos. Über jedem einzelnen der insgesamt 140 Betten hängt ein dünnes weißes Netz, das in der Nacht entknotet und vorsichtig über den Patienten drapiert wird. Und das ist auch gut so bei der kühlen und feuchten Luft in Butaro in 2200 Meter Seehöhe, hoch oben im Norden von Ruanda. Gestern Abend, Freitag, kamen die Architekten dieses ungewöhnlichen Krankenhauses nach Berlin und nahmen im alten E-Werk den Zumtobel Group Award 2012 entgegen.

Nachhaltigkeit und Ökologie immer wichtiger

Damit vergab das Vorarlberger Lichtunternehmen bereits zum dritten Mal jenen Preis, der nach eigenen Angaben nicht nur Werbung ist, sondern auch an die Dringlichkeit ganzheitlichen ökologischen Denkens in der Architektur erinnern soll. In der Kategorie "Gebaute Umwelt" wurde das Butaro Hospital des Bostoner Architekturbüros Mass Design Group ausgezeichnet, in der Kategorie "Forschung und Initiative" ging der Preis an das partizipative Stadtplanungsprojekt R-Urban des Pariser Büros Atelier d'architecture autogérée (AAA).

"Nachhaltigkeit und Ökologie werden in der Architektur immer wichtiger", meint Harald Sommerer, CEO der Zumtobel Group. "Die beiden Siegerprojekte zeigen jedoch sehr eindrücklich, dass Nachhaltigkeit über Energieeinsparung und Ressourcenschonung weit hinausgeht. Sie bezieht soziale, wirtschaftliche, aber auch regionalpolitische Aspekte mit ein. Darin sehe ich die Zukunft des Architekturberufs. Ohne das wird's nicht gehen."

Moskitos also. Nacht für Nacht summen die peinigenden Quälgeister durch die Krankenzimmer und prallen am weißen Textil ab. Keine Nahrung, kein Blut, keine Krankheitsübertragung. So einfach ist das. Doch die fliegenden Winzlinge sind nicht das einzige Problem, das in der Luft liegt. "Wir haben festgestellt, dass in den bestehenden Krankenhäusern in Ruanda die Menschen das Spital oft kränker verlassen, als sie es aufgesucht haben", erklärt Alan Ricks, einer der beiden Köpfe der Mass Design Group. "Das Problem sind Tuberkulose und andere Tröpfcheninfektionen, die über die Luft übertragen werden."

Anpassung an die Gegebenheiten

Und wo passieren die meisten Ansteckungen? In den Wartezimmern und Korridoren. Studien belegen das. Also griff Ricks zum Rotstift und radierte die bösen Bestandteile der Spitalsarchitektur einfach aus. Das Butaro Hospital, das in Zusammenarbeit mit dem ruandischen Gesundheitsministerium und der NGO Partners in Health (PIH) entwickelt und im Jänner 2011 eröffnet wurde, ist ein großzügiger offener Campus mit Gärten, Gehwegen, Arkaden und einzelnen freistehenden Gebäuden. Gewartet wird draußen in der freien Natur unter einem Vordach. Das milde Bergklima macht's möglich.

Querlüftung in den Zimmern und riesige Industrieventilatoren sorgen zudem für die nötige Luftzirkulation in den Krankenzimmern. "Alles ist ganz einfach. Es macht keinen Sinn, eine komplizierte Haustechnikanlage zu installieren, wenn es vor Ort weder Fachkräfte noch Geld gibt, um ein solches System instand zu halten", sagt Ricks. "So ein Projekt ist nur dann sinnvoll, wenn man bereit ist, sich den Gegebenheiten anzupassen und entsprechend kostengünstige Technologien und eine klare, reduzierte Designstrategie zu entwickeln."

Blech und Naturstein

Einfach ist auch die Bauweise des Krankenhauses. Die Wände sind aus Beton, das Dach ist aus Blech, aufgewertet wird das Ganze durch Natursteinmauerwerk, das wie bei einem Puzzle passgenau ineinandergeschlichtet wurde. Damit besteht der Großteil des Campus aus regionalen Baustoffen. Einzig der Stahl für die Fenster und Vordächer musste aus Uganda und Kenia importiert werden.

"Wir haben uns bewusst für eine Fertigungsmethode entschieden, die nur wenigen Know-hows bedarf", so der Architekt. "Auf diese Weise konnten wir 4000 arbeitslose Helfer aus der Region in den Bauprozess miteinbeziehen." Eingeschult wurden die fachfremden Männer und Frauen von ausgebildeten Handwerkern, von Tischlern, Schlossern und Baumeistern in Form von Workshops und intensiven Crashkursen.

Fazit: Die Baukosten für die gesamte Anlage liegen bei nicht einmal 4,5 Millionen US-Dollar (3,5 Millionen Euro). Die Bauzeit wurde um ein Drittel verkürzt. Und die hohe Arbeitslosenquote in der Region konnte - zumindest für bestimmte Zeit - deutlich gesenkt werden. Damit ist das Butaro Hospital mehr als nur ein architektonischer Beitrag. Es ist ein interdisziplinäres Projekt, das aus sämtlichen Ressourcen schöpft.

Stadt wird wieder Stadt

Auch der Preisträger in der Kategorie "Forschung & Initiative" basiert auf diesem ganzheitlichen Ansatz. In Colombes, einem Pariser Vorort im Nordwesten der Stadt, entwickelten die Architekten von AAA ein Konzept, das vorsieht, die bestehende Stadtstruktur mit ökologischen Kreisläufen zu überlagern - von Regenwassernutzung und Nahrungsmittelanbau auf den Dächern über Recycling und ökologische Abfallwirtschaft bis hin zu großflächiger urbaner Landwirtschaft.

"Colombes hat heute 84.000 Einwohner, und der Großteil davon lebt unter schlechten Bedingungen", erklärt Doina Petrescu, Chefarchitektin von AAA. "Wir wollten eine Möglichkeit schaffen, wie diese Menschen an der Peripherie an einem günstigen und ökologischen System teilhaben können."

Von den geplanten Maßnahmen auf 4000 Quadratmetern Land wurde bisher ein Gemeinschaftshaus errichtet. Zudem wurde die Fläche urbar gemacht. Im Dezember ist die nächste Bauetappe geplant. Petrescu: "Gärtnern ist der einfachste und direkteste Zugang, um Menschen in Kontakt zu bringen. Vor allem an einem Ort, der von Migration und hoher Arbeitslosigkeit betroffen ist, müssen wir diese Potenziale nutzen. Das ist unsere Verantwortung als Architektinnen und Architekten."

Architekten weiterhin gefragt

Ziel ist es, die Menschen vier Jahre lang zu begleiten und die Gemeinschaft danach sich selbst zu überlassen. Finanziert wird R-Urban mit Geldern von Gemeinde und Region sowie über das EU-Programm Life Plus. Auch Privatsponsoren und kleinere Unternehmen beteiligen sich an der Reurbanisierung von Colombes. Das bisherige Budget beläuft sich auf 1,2 Millionen Euro.

"Natürlich wird es den Architekten als Designer auch weiterhin geben. Der klassische Architekt wird nicht aussterben", meint Hans-Jürgen Commerell, Direktor von Aedes. Das Berliner Architekturforum konzipierte den mit 140.000 Euro dotierten Zumtobel Group Award und betreute den Wettbewerb, in dessen Jury auch so wohlklingende Namen wie Stefan Behnisch, Winy Maas und die Pritzker-Preisträgerin Kazuyo Sejima saßen. "Aber wenn es darum geht, einen ernsthaften Beitrag für die Zukunft der Welt zu leisten, dann können und müssen wir uns an diesen interdisziplinären Projekten ein Beispiel nehmen." (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Album, 17./18.11.2012)

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