Springmäuse und Knastbrüder

Julya Rabinowich, 16. November 2012, 17:41

Mit zweierlei Maß. Von Julya Rabinowich

Ich hasse den Gedanken, unser Rechtssystem könnte mit zweierlei Maß messen. Noch schlimmer, bewusste Fehlentscheidungen in Kauf nehmen, um Interessenvertretern Genüge zu tun. Wie kommt es, dass in einem so wohlhabenden Land wie Österreich eine Zweiklassenjustiz der Zweiklassenmedizin folgen kann? Dass Politiker auch bei aus dem Ruder laufenden Aktionen unbehelligt bleiben, Anzeigen bei prominenten Personen im Sande verlaufen, der Gewalt überführte Polizisten Dienst versehen, während ein paar Kunststudenten auf Verdacht hin über Monate in U-Haft sitzen müssen?

Während den Tierschützern durch unangemessen lange Untersuchungshaftdauer, basierend auf haarsträubenden Vorwürfen, sämtliche Lebensgrundlagen entzogen werden, samt Jobverlust und Wohnungsverlust? Und wie kommt es dann, dass bei einem rechtskräftig verurteilten Vergewaltiger einer Minderjährigen genau dieser Umstand zur Fußfessel führt?

In Sorge um den Arbeitsplatz kann der Verein Neustart, der von 22 ¬ Fußfesselbeitrag/Tag genau 17 ¬ erhält und dadurch nicht sehr unbefangen ist, die Fußfessel empfehlen, obwohl das Opfer sich immer noch bedrängt fühlt - und vom Täter bedroht worden sein soll. Eine Anzeige ist erfolgt. Der Mann zeigt scheinbar keine Einsicht, was eigentliche Voraussetzung für diese Fußfessel wäre. Ein wenig kommt da der Gedanke auf, ein solcher Rechtsbrecher möge, bevor er sich mit Ruhmestaten bekleckert, über seine Jobsicherheit nachdenken und vielleicht auch über mögliche gesellschaftliche Folgen. Bevor er im Nachhinein weinerlich moniert, er würde der Gesellschaft auf der Tasche liegen. Das kann kein Kriterium sein, ob man seine Strafe antritt oder nicht. Das wäre ein Rausverkauf unseres Rechtssystems und unserer Demokratie.

Aber was rege ich mich auf: Mit Stronachs Eintritt aufs glatte Politparkett hat dieser längst begonnen. Baumgartners Fantasien passen da ganz gut dazu: ein starker Mann aus der Wirtschaft und eine gemäßigte Diktatur zum Wohle des Schafsvolkes. Was ist so eine gemäßigte Diktatur eigentlich? So wie die weitverbreitete Diät? Eine ganze Woche Unterdrückung mit einem Jokertag dazwischen, an dem man tun und lassen kann, was man will, bevor es mit der Gedankenkon trolle weitergeht?

Gott sei Dank hat die Springmaus der Nation noch nichts von Autobahnen erwähnt. Vermutlich wegen dieser ungustiösen Autobahn-Geschichte, deret wegen es nun eine rechtskräftige Verurteilung gibt. Statt Flügel hat der Volksheld einem griechischen Lkw-Fahrer Fäuste verliehen. Vermutlich wollte er nur Rogans Olympia-Theorien wissenschaftlich im Experiment nachstellen und beweisen. Es scheint ihm gelungen zu sein. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 17./18.11.2012)

Es ist schade, dass in unserer

nachrichtenüberfluteten Zeit, in der die medialen Meldungen im Sekundentakt eintreffen und sich gegenseitig überholen, ein Skandal wie der sogenannte "Tierschützer-Prozess" schon längst wieder vergessener Schnee von gestern ist.

Tatsache ist: Dieser Skandal wurde in der Öffentlichkeit nie angemessen aufgearbeitet, und die einzigen Personen, die sich noch schmerzlich an die grotesken Vorgänge in der Causa erinnern, sind jene betroffenen Tierschützer, die unschuldig hinter Gittern saßen und ihre Reputationen, ihre Ersparnisse und teilweise ihre Jobs verloren. Ein Dank gebührt Julya Rabinowich, die - soweit ich das sehe - hierzulande einen ziemlich einsamen Kampf gegen die "Kultur des Vergessens" austrägt.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.