Der schmale Grat zur Schlägerei

Von der Wahrnehmung von Gewalt, die nicht immer emotionalisiert

Neulich nach Schulschluss im Hof: Zwei Volksschüler fangen nach der für sie so langen Kopfarbeit mit einer Ranglerei an. Gleich daneben steht eine Lehrerin, plaudert mit einem Schülervater. Das Rangeln wird deftiger, die Burschen wuzeln sich schon stöhnend im Kies. Doch die Reaktion ist erstaunlich. Die Lehrerin wendet sich in aller Ruhe den Ranglern zu und fragt nur: "Is' es noch Spaß?" Der Kerl mit dem hochroten Schädel im Schwitzkasten presst hervor: "Ja! Eh!" Das hätte auch anders ausgehen können. Aus der Ferne beobachtet, hätte dieser Vorfall auch als klassischer Fall von "Gewalt am Schulhof" durchgehen können - "und die Lehrerin steht daneben und schaut einfach zu!"

Rangelei oder Schlägerei?

Es ist ein schmaler Grat, der nicht immer leicht erkennbar ist: zwischen roher Gewalt und - sagen wir einmal - verdichteter Körperlichkeit. Und irgendwie geht da schon eine Schere auf in unserer Wahrnehmung: Während wir auf der einen Seite bei der kleinsten Tätlichkeit verstört reagieren, während jede zweite Dachtel bereits vor Gericht verhandelt werden muss - ziehen wir uns gleichzeitig und regelmäßig Gewaltexzesse ohne mit der Wimper zu zucken rein.

Clockwork Orange als Meilenstein

Manche erinnern sich noch, welche Empörung und erbitterten Diskussionen der Film Clockwork Orange seinerzeit ausgelöst hatte - dabei war das aus heutiger Sicht ja noch fast eine cineastische Kinderjause, was die Darstellung von Gewalt betrifft. In dieser Entwicklung war die Comic-Verfilmung 300 sicher eine Art Meilenstein; wie kunstvoll da die Spartaner an den Thermopylen Gliedmaßen und Schädel abtrennen und Rümpfe zerteilen, dass es nur so spritzt, hatte schon eine eigene Dimension. Inzwischen geht es offenbar nicht mehr anders als explizit - wenn man sich etwa die Spartacus-Serie reinzieht. Da kann ein Serienkiller wie Dexter, der Folge für Folge seine Opfer zerstückelt und verarbeitet, auch schon mal zur Kultfigur werden.

Das rührt kaum noch die Gemüter. Was hingegen ganz offensichtlich die Massen bewegt und medial ausgeweidet wird wie ein B-Movie-Darsteller sind die echten Gewaltakte. Mit unterschiedlicher Gewichtung. Jener Tiroler, der mutmaßlicherweise seine Söhne nach dem Frühstück erstach - das reicht im Boulevard für einen Blattaufmacher, aber das war's auch schon.

Tagelang rauf und runter gespielt wurde ein ganz anderer Vorfall - eine Faustwatschen, die sich aber im Vergleich mit einer Kirtagsschlägerei ausnimmt wie ein herberes Zwickerbusserl. Ein Watschentanz im Beisl schaut anders aus, wird aber kaum vermeldet. Das ist höchstens eine literarische Vorlage wie im Buch Aus dem Leben Hödlmosers, wo es nach dem Ausruf "hoiti papm, du westschtairische oaschsau!" nur lakonisch hieß: "die steirischen krankenkassen bleiben weiterhin defizitär."

Zurück im Plattenbau - und im Käfig

Nein, dagegen war es doch wirklich fast eine Streicheleinheit, wie der Sido dem Dominic Heinzl "eine ang'schoben" hat. Natürlich: Gewalt, verwerflich, zu verurteilen - keine Frage. Aber ganz ehrlich: War es wirklich der Gewaltakt, der so emotionalisierte? So richtig "reizvoll" war an dem Vorfall ganz offensichtlich nicht die Flak an sich, die der Sido dem Heinzl da applizierte. Auch wenn lustvoll diskutiert wurde, ob der Sturz des Heinzl vielleicht eine Schwalbe war. Das eigentlich Glamouröse an dem Vorfall war doch eher, dass es eben eine glamouröse Figur war, die da ausgerastet war. Sido, der Rapper, der es mit gewaltbrachialen Songs zu etwas gebracht hatte, der nun halbwegs gezähmt eine Castingshow juriert und es damit zu noch mehr bringt - der ist auf einmal wieder zurück auf der Straße, langt hin wie damals im Plattenbau.

Es war nicht das erste Mal, dass ein derartiger Rückfall für maximale Aufmerksamkeit sorgte. Fußballgott Zidane war es nicht anders ergangen, als er in seinem letzten Spiel seine Götterdämmerung erlebte. Als Zidane dem goscherten Materazzi die Magengrube birnte - da war er für einen kurzen Moment auch wieder "daheim" - im Fußballkäfig von Marseille. Wo der Grat zwischen Ranglerei und Schlägerei ein besonders schmaler ist. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 17./18.11.2012)

Share if you care