"Wir haben die Sünde kennen gelernt"

Fortschritt, Moral und die Sache Oppenheimer. Zum 30. Todestag von Heinar Kipphardt: eine Erinnerung an sein bekanntestes Drama

Das 1964 uraufgeführte Stück In der Sache J. Robert Oppenheimer gehört zu den interessantesten Werken von Heinar Kipphardt, der im März neunzig Jahre geworden wäre. Es stellt Fragen, die das Wesen des Menschen ebenso betreffen wie das Schicksal der gesamten Menschheit. Es wird zur aufregenden Erkenntnis, dass es von jeher aufgeworfene Fragen, zum anderen aber auch solche sind, die nur und erst im 20. Jahrhundert so gestellt werden konnten.

Es sind die Tage des Sicherheitshearings, April bis Mai 1954, in dem sich der US-Physiker Robert Oppenheimer vor dem AEC (der US-Atomenergiekommission) wegen der Anklage der Illoyalität gegenüber dem Staat verantworten musste. Unter Leitung Oppenheimers wurde seit 1943 in Los Alamos an der Atombombe gearbeitet. Er war Direktor der Atomwaffenlaboratorien und maßgebend an der Entscheidung beteiligt gewesen, im Jahr 1945 die Atombombe über dicht besiedelten Städten abzuwerfen.

Er hatte die Ansicht vertreten, dass nur auf diese Weise die Wirksamkeit einer Atombombe demonstriert werden könne. Dass der Eindruck der entsetzlichen Verheerungen und grauenhaften menschlichen Schicksale nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki die einzige Begründung für Oppenheimers nachfolgende Weigerung, an der Wasserstoffbombe mitzuarbeiten, gewesen ist, wurde ihm von der Atomenergiekommission nicht abgenommen. Man unterstellte ihm, dass seine wirklichen Motive in seiner Sympathie für die Sowjetunion zu sehen seien.

Im Januar 1950 hatte die Truman-Administration beschlossen, die Wasserstoffbombe zu entwickeln. Es war die Zeit des Kalten Krieges, bereits 1949, vier Jahre nach Hiroshima, hatte die Sowjetunion den atomaren Vorsprung der Amerikaner eingeholt. Der berüchtigte Senator McCarthy lenkte die Anklage gegen Oppenheimer in diese Richtung: "Wenn in unserer Regierung keine Kommunisten sitzen, warum verzögern wir dann die Wasserstoffbombe um 18 Monate, während unsere Abwehrdienste Tag für Tag melden, dass die Russen die H-Bombe fieberhaft vorantreiben?" Über die spannende Darstellung dieser Ereignisse hinaus hat Kipphardts Stück ein großes zentrales Thema: die Frage nach der Stellung des Wissenschafters zu den Folgen seiner Entdeckungen und Erfindungen. Oppenheimer: "Wir Wissenschaftler sind ... an den Rand der Vermessenheit geraten. Wir haben die Sünde kennen gelernt." Es geht um das Auseinanderklaffen von wissenschaftlich-technischem Fortschritt und der Entwicklung moralischen Bewusstseins. Es ist der alte Vorwurf gegen Prometheus, er habe die Menschen klug gemacht, bevor sie gut waren. "Die Welt ist auf die neuen Entdeckungen nicht eingerichtet. Sie ist aus den Fugen." Zwecke haben sich selbstständig gemacht, die Frage nach Werten wird dabei nicht mehr gestellt.

Eine äußerste Zuspitzung erfährt diese Entwicklung in Oppenheimers Schilderung seiner Empfindungen, die er gehabt habe, als die Atombombe beim ersten Versuch in der Wüste von Alamogordo gezündet wurde. Ausschussmitglied W. Evans war auf den Widerspruch zu sprechen gekommen, "einerseits eine Sache voranzutreiben, deren Ergebnis man andererseits fürchte". Für Oppenheimer war eine zweifache Furcht damit verbunden: "Die Furcht, der Test könne misslingen, und die Furcht, er könne gelingen." Solange aus genialen Ideen Bomben werden können, "kann man von einer Sache wissenschaftlich begeistert und menschlich tief erschrocken sein".

Diese Zwiespältigkeit und das Erlebnis von Schöpfertum hat er selbst so dargestellt: "Als ich nach der Zündung der Bombe die Augen aufmachte, sah ich in völliger Stille ein nie gekanntes Licht; ein blendend weißer Feuerball, der wuchs, schien Himmel und Berge zu verschlingen. Dann hörten wir erst die Explosion, die Luftdruckwelle, ein Sandsturm, von einem anhaltenden dunklen Donnern begleitet. In diesen Sekunden erinnerte ich mich an zwei Verse aus dem Gesang der Hindus ... der eine: ‚Wenn das Licht aus tausend Sonnen am Himmel plötzlich hervorbräche,/das wär der Glanz des Herrlichen.‘ Der andere: ‚Ich bin der Tod, der alles raubt, Erschütterer der Welten.‘"

Im Schlusswort, das Kipphardt Oppenheimer in den Mund legt, wirft der Physiker die Frage auf, ob eine bestimmte Form des Gedankenverrats nicht schwere Schuld bedeute. Vielleicht hätten sie den Geist der Wissenschaft verraten, "als wir unsere Forschungsarbeiten den Militärs überließen, ohne an die Folgen zu denken". In Brechts Stück Leben des Galilei bekennt sich Galilei unmissverständlich zu dieser Schuld: "Ich überlieferte mein Wissen den Machthabern, es zu gebrauchen, es nicht zu gebrauchen, es zu missbrauchen, ganz wie es ihren Zwecken diente. Ich habe meinen Beruf verraten." Diese Schlussrede ist nicht ohne Einfluss auf Kipphardt geblieben.

In dem 1962 gehaltenen Vortrag Krieg und Nation hat Oppenheimer wohl eine Art Rechtfertigung für das Verhalten der Physiker darin gesehen, dass sie in die Politik hineingeraten seien, ohne dass sie es bemerkt hätte. Aber es spricht für ihn, dass die Verstrickung in diese Entwicklungen, "die unleugbare Tatsache, dass es ohne Physik nicht dazu hätte kommen können", nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist. Seine Erfahrungen haben sein pessimistisches Menschen- und Weltbild vertieft und ihn zu der Äußerung gebracht, dass wir auf "widerwärtige Dinge" gefasst sein müssen, "und sie werden kommen".

Ein Problem, das mit dem Thema der Stellung des Wissenschafters zu den Folgen seiner Entdeckungen und Erfindungen nahe zusammenhängt, hat sich erst im 20. Jahrhundert gestellt, weil es nur durch die Entwicklung der Technik entstehen konnte. Es ist die zu schlimmsten Auswirkungen führende "Diskrepanz zwischen unserer Vorstellungs- und Herstellungskapazität", wie es der Philosoph Günther Anders nennt. So sei Claude Eatherly, der Hiroshima-Pilot, erst dann von Grauen ergriffen worden, als er die Fotos der Stadtwüste und der im Wasser treibenden verkohlten Leichen gesehen habe. Der Fall dieses Piloten repräsentiert auch das erschreckende Verhängnis der Indirektheit von Verstrickungen. Eatherly wurde schuldig, ohne zu wissen, dass er es wurde. Er war "nur" Pilot des Flugzeugs nach Japan, nicht der "Ausklinker" der Bombe. Er war im vorigen Jahrhundert wohl nicht der Einzige, dem das furchtbare Schicksal widerfahren ist, als "Apparatstück zum Mitverbrecher zu werden". Aber er gehört zu den wenigen, die an einer nicht direkt verschuldeten Schuld mitgelitten haben, der bereut, was er "nur mitgemacht", "etwas moralisch und emotional übernommen hat, was nicht eigentlich er unternommen hatte". (Günther Anders)

Es liegt eine ungeheure Ironie darin, dass gerade der sozusagen moralisch Gesündere (wie Robert Jungk den Piloten bezeichnet) viele Jahre in einer psychiatrischen Anstalt verbringen musste, weil er sich der kranken Gesellschaft nicht anzupassen gewillt war. Dass einer, der moralische Werte vertritt, aus diesem Grund zum Angeklagten wird, bedeutet eine Ungeheuerlichkeit, die auch Kipp hardt in den Mittelpunkt seines Stückes stellt: Weil Oppenheimer nicht an der grauenvollen H-Bombe mitarbeiten wollte, wurde er zum Sicherheitsrisiko erklärt.

In einem Brief an Oppenheimer betont Kipphardt eindringlich, in welcher Weise sein Stück nicht missverstanden werden sollte: Es ist "nicht wissenschaftsfeindlich", "nicht im platten Sinne ein Anti-Atombomben-Stück" und "in gar keiner Weise antiamerikanisch". Worum es dem Dichter geht, ist eine Veränderung der Gesellschaft: "Wie könnte eine freiere, befreite Gesellschaft aussehen?" Kipphardt bemüht sich, "nüchtern und objektiv die Fragen zu stellen, wie den großartigen Entdeckungen der Naturwissenschaften ihr menschenfreundlicher Aspekt abzugewinnen wäre".

Ihm gelingt es, nicht nur die Dramatik der Situation, sondern auch die brennende Aktualität der Probleme darzustellen. Die faszinierende Gestalt Oppenheimers wird in ihrer Genialität und Zwiespältigkeit voll erfasst. Dabei nimmt Kipphardt das Recht des Dichters in Anspruch, den tieferen Sinn des Geschehens unter Aufgabe mancher historischer Details für die Bühne zu gestalten: zum Beispiel sechs Zeugen statt vierzig, und vor allem Oppenheimers Schlusswort, das er so nicht gehalten hat. Gegen den Vorwurf des "Montierens" hat sich Kipp hardt glaubwürdig verteidigt: Für ihn habe "montieren" keine negative Bedeutung; es heiße "die Sachen in die richtigen Zusammenhänge bringen, die Tatsachen zu ihrer Bedeutung bringen". In diesem Anliegen unterscheidet er sich nicht von seinem Freund, dem Fotomonteur John Heartfield, der die Fotomontage entwickelt habe, "weil das Foto so lügt".

Letztlich sieht Kipphardt im Oppenheimer-Stoff "die äußerst tragische Geschichte einer heutigen Faustfigur": Der Physiker ein Faust, der auf seine Weise den Pakt mit dem Teufel schließt und sich ihm ausliefert. So stellt sich nochmals das eingangs aufgeworfene Problem des Verhältnisses von Mittel und Zweck. Es ist zwar möglich, einen kausal-wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen Mittel und Zweck herzustellen, das heißt auch festzulegen, welches Mittel einem Zweck am besten dienen kann. Aber die Frage, was ein legitimer Zweck ist, übersteigt alle Antwortmöglichkeiten, die die Wissenschaft zu geben vermag. (Johanna Kindermann, Album, DER STANDARD, 17./18.11.2012)

Heinar Kipphardts Theaterstück ist in der Edition Suhrkamp erhältlich.

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