"Kinder müssen Gewalt erkennen und handeln"

Interview |
  • "Cybermobbing  derzeit selten", sagt Spiel.
    foto: der standard/robert newald

    "Cybermobbing derzeit selten", sagt Spiel.

  • Laut Spiel greifen bei Gewalt in der Schule nur bis zu 20 Prozent der Mitschüler ein.
    illustration: fatih aydogdu

    Laut Spiel greifen bei Gewalt in der Schule nur bis zu 20 Prozent der Mitschüler ein.

Psychologin Christiane Spiel fand heraus, dass Kinder Gewalt einfach verhindern können. Der Trick? Diese schlicht nicht cool zu finden. Doch Empathie braucht Schulung

STANDARD: Die Hitliste der ORF-"TVThek" führt ein Video über die Prügelszene zwischen dem Rapper Sido und dem ORF-Moderatoren Dominic Heinzl an. Warum verkauft sich Gewalt so gut?

Spiel: Es gibt dafür kein einheitliches Erklärungsmodell. Eine Theorie sagt, dass Menschen sich stellvertretend abreagieren, indem sie so etwas sehen. Aus eigenen Studien weiß ich, dass Personen, die eine höhere Gewaltbereitschaft aufbringen, auch häufiger gewalthaltige Videospiele spielen oder gewalthaltige Filme sehen. Wobei es hier ein Henne-Ei-Problem gibt: Denn ob der Konsum gewalthaltiger Inhalte gewalttätig macht oder ob es sich umgekehrt verhält, ist nicht klar feststellbar. Wir gehen davon aus, dass es sich wechselseitig verstärkt.

STANDARD: Sido wie Heinzl machen junges Programm. Was bewirken solche Bilder bei Jugendlichen?

Spiel: Jugendliche sprechen darüber, und dadurch entsteht ein Zwang, das Video zu sehen. Denn wenn junge Menschen Gruppen angehören, müssen sie Dinge tun, die andere tun, um dazuzugehören. Durch Social Networks verstärkt sich dieses Phänomen.

STANDARD: Welche Rolle spielt das Internet als Plattform für Gewalt?

Spiel: Cybermobbing passiert derzeit noch wesentlich seltener als die traditionelle Form. Unsere neueste Studie zeigt, dass elf Prozent der Knaben zumindest einmal wöchentlich Opfer von Cybermobbing werden, bei Mädchen sind es nur drei Prozent. Wobei es im internationalen Vergleich eine der Gewaltformen ist, die weniger Geschlechtsunterschiede aufweist als andere.

STANDARD: Was machen Buben anders?

Spiel: Knaben sind häufiger Täter und Opfer von physischem Bullying. Bei Mädchen spielen eher subtile psychische Aspekte eine Rolle: Sie grenzen jemanden aus oder verbreiten Gerüchte.

STANDARD: Sie haben im Jahr 2007 den Auftrag vom Unterrichtsministerium bekommen, eine Gewaltpräventionsstrategie für Schulen auszuarbeiten. Was ist in den fünf Jahren geschehen?

Spiel: Die nationale Strategie wurde im Rahmen von vielen Projekten umgesetzt: Es wird Öffentlichkeitsarbeit betrieben, im Zuge des Programms wurde die Anzahl an Schulpsychologen erhöht, Gewaltprävention wurde ein verpflichtender Teil der Lehrerausbildung. Es wurde ein Online-Instrument entwickelt, mit dem Schüler anonym nach ihren Täter- und Opfererfahrungen befragt werden, damit sich die Lehrer ein Bild vom Gewaltvorkommen an ihrer Schule machen können.

STANDARD: Was können Mitschüler tun?

Spiel: Kinder müssen erkennen, was Gewalt ist, lernen, was sie tun können und danach handeln. Dafür muss Empathie geschult werden. Wenn in Schulen Gewalt ausgeübt wird, sind in 90 Prozent der Fälle Mitschüler Zeugen, greifen aber nur zu 20 Prozent ein. Wenn sie aber eingreifen, werden fast 60 Prozent der Vorfälle sofort beendet. Kinder müssen also lernen zu sagen: Hör auf, wir wollen das nicht, das ist nicht cool. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 17./18.11.2012)

Christiane Spiel ist Professorin an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien und forscht über Gewalt bei Kindern und Jugendlichen.

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