Spione im Liebestaumel

Kolumne16. November 2012, 17:44
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Die Lehren aus dem Fall Petraeus

Was für ein November! So hoch schwappen die Erregungswellen auf dem Medienmeer nicht alle Tage! Erst die Aufregung um Sido, der Dominic Heinzl eine anraucht, und dann der Stress mit General Petraeus, der seine Biografin anmacht. Skandalöser wäre nur noch gewesen, wenn Petraeus seine Gattin mit Heinzl betrogen hätte. Zum Glück war wenigstens das nicht der Fall.

Ein Großteil der weitreichenden medialen Agitation rührt wohl daher, dass Petraeus Geheimdienstler ist und die Öffentlichkeit eine allgemeine stilistische Unsicherheit verspürt, was sie von einem Geheimdienstler im zwischenmenschlichen Verkehr zu erwarten habe. Sollte ein CIA-Chef koitieren dürfen wie Hinz und Kunz? Oder erwartet man von ihm aus Sicherheitsgründen ein mehr selbstbezogenes, quasi masturbatorisches Sexualleben? Und ist der Code of Sexual Conduct beim CIA gleich wie bei der französischen DGSE oder beim Heeresnachrichtenamt? Keine einfachen Fragen.

Junge Menschen wissen bei der Berufswahl meist recht präzise, welches sexuelle Anforderungsprofil ihnen entspricht. Sie entscheiden sich entweder für ein kopulationsnahes oder ein kopulationsfernes Metier. Kopulationsnah sind etwa die Berufe der Prostituierten, des Zuhälters oder Pornostars, kopulationsfern jene des Eunuchen oder Einsiedlers. Und wie nahe hat der Spionageberuf am GV gebaut?

Hier gilt es säuberlich zu trennen. Spione, die Feldarbeit machen, bewegen sich auf definitiv kopulationsträchtigem Terrain, nicht selten auch im schweißtreibenden Ganzkörpereinsatz ("Schatz, es würde mich total anschärfen, wenn du mir verrätst, wo ihr eure Abwehrraketen versteckt habt"). Klassische Feldarbeiterinnen und Feldarbeiter sind Mata Hari, Anna Chapman und James Bond, der - siehe Skyfall - selbst im psychisch angeschlagenen Zustand noch die Zeit finden muss, ein paar ordentliche Schüsse abzugeben.

Ganz anders der in der Zentrale werkende Schlapphut. Im Gegensatz zum feuchtfröhlich agierenden Feldarbeiter verlangt man von ihm trockene Analysen und dürre Statistiken. Lendenstarke Sinnenfreude à la Petraeus wird beim Büro-Schlapphut scheel angesehen. Daher ein Tipp an alle Jungspatzen, die eine Geheimdienstkarriere anstreben: erst überlegen, ob man im Feld oder in der Zentrale aktiv sein will. Der Unterschied zwischen beiden ist gewaltig. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 17./18.11.2012)

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