Gegen die Orthodoxien

Gelernte Oppositionelle, hoffnungslose Optimistin: über Hazel Rosenstrauch und ihr neues Buch "Karl Huß, der empfindsame Henker"

"Drei Heimaten pochen, ach, in meinem Busen." So überschreibt Hazel Rosenstrauch ihren Beitrag in der Ausgabe "Austria as it is" der Zeitschrift Wespennest.

Als Kind österreichisch-jüdischer Kommunisten 1945 in London geboren, hat sie früh gelernt, in Opposition zu leben. Nachdem die Eltern nach dem Krieg nach Wien zurückkehrten, besucht sie die Volksschule in Floridsdorf, fliegt als aufmüpfige Klassensprecherin aus dem Gymnasium Stubenbastei und maturiert an einer Handelsakademie. Mit achtzehn haut sie nach New York ab, um der "Unerlaubtheit der Trauer" zu entgehen: Hazels Mutter war ein "Kindertransportkind", deren Eltern von den Nazis ermordet wurden. Der dortigen Kommunistenhetze und dem alltäglichen Rassismus gegen Schwarze entflieht sie nach Kanada, wo sie mit ihrem englischen Pass eine Arbeitsgenehmigung als Bankangestellte ergattert.

1965 geht sie nach Berlin, studiert an der FU Germanistik, Philosophie und Soziologie und landet bald im Zentrum der Studentenbewegung. Was sie zunächst als lebendigen, spannenden Auf- und Ausbruch erlebt, lässt die junge Rebellin jedoch bald wieder gegen neue Dogmen und Orthodoxien anrennen. Als sie 1969 im legendären Weiberkursbuch die Emanzipation der Männer einfordert, wird sie auch unter Feministinnen scheel angesehen. Von den "Kummerln" aber, die im spanischen Bürgerkrieg waren, im Exil oder im Widerstand, hatte sie gelernt, dass es nur gut sein kann, wenn man mehr als eine Identität hat, dass man Ansichten ändern kann, ohne sich zu verraten. Und so fremdelt sie weiter in akademischen Welten, publizistischen Milieus und literarischen Betrieblichkeiten.

1988 geht sie noch einmal zurück nach Wien und übernimmt die Redaktion des Wiener Tagebuches, einer Monatszeitschrift, die von KPÖ-Dissidenten wie Leopold Spira und Franz Marek geprägt ist, in der aber auch Autoren wie Martin Pollak, Erich Hackl oder Karl Markus Gauß ihre ersten journalistischen Sporen verdienten. Beim Sichten der Erbschaft betitelt sie das Buch, in dem sie der untergehenden politischen Kultur um das Tagebuch ein emphatisches Denkmal schreibt, kurz danach analysiert sie in der Grazie der Intellektuellen ihren eigenen intellektuellen Werdegang. Zurück in Berlin, gründet sie 1997 an der Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften die Zeitschrift Gegenworte, mit der sie sich nolens volens bald wieder in Konflikte mit diversen Universitätsgranden hineingezogen findet.

In Karl August Varnhagen sucht und findet Hazel einen dissidenten Vorläufer, der wie sie unter dem Auseinanderfallen von Gesellschaft und Individuum leidet, öffnet für sich den schwarzen Schrank, in dem Varnhagen alles zu seiner Zeit Unverstandene eingemottet hatte, und beginnt sich intensiv mit dem 18. Jahrhundert zu beschäftigen. Mit Wahlverwandt und ebenbürtig, einer umfänglichen Doppelbiografie über Caroline und Wilhelm von Humboldt, beschreibt sie das Wunder einer vernünftigen Liebe.

Sammler und Scharfrichter

Soeben ist Hazel Rosenstrauchs neuestes Buch erscheinen, ein komplexes Epochengemälde der Zeit zwischen 1789 und 1848, das immer wieder Analogien zur augenblicklichen gesellschaftlichen und politischen Situation durchscheinen lässt. Statt eines Vorworts stellt Rosenstrauch ihrem Essay das einzig erhaltene Porträt ihres Protagonisten voran, darunter den dürren Wikipedia-Eintrag: "Karl Huß, geboren am 3. Januar in Brüx, gestorben am 19. Dezember auf Schloss Königswart in Westböhmen, war ein Scharfrichter der Stadt Eger, Heilkundiger und Sammler. Er war mit Johann Wolfgang von Goethe befreundet und nach dem Jahr 1828 Kustos der Fürst Metternich'schen Sammlungen auf Schloss Königswart. Als Sohn des Scharfrichters wurde er Schüler des Gymnasiums der Piaristen. Vorurteile wegen des ,unehrlichen‘ Berufs des Vaters zwangen Huß, die Schule zu verlassen. Er hatte nur die berufliche Möglichkeit, ebenfalls Henker zu werden, und suchte Wissenserwerb durch Privatunterricht. Mit fünfzehn Jahren führte er die erste Hinrichtung mit dem Schwert durch und wurde, gerade achtzehnjährig, letzter Scharfrichter in Eger, da nach dem Jahr 1788 die Todesstrafe nicht mehr mit dem Richtschwert oder am Galgen vollstreckt wurde."

Scharfrichter, Sammler, Heilkundiger und Schriftsteller - Rosenstrauch durchleuchtet in drei Textebenen die Tätigkeitsfelder des Karl Huß, stellt Vermutungen über sein Innenleben und seinen sich transformierenden sozialen Status in einer Epoche sozialer Umwälzung und beschleunigter Information an.

Sie verbindet diese mit Zeitdokumenten, Recherchen und Beobachtungen an Huß' Lebensplätzen und analysiert das Beziehungsgeflecht eines ursprünglich Verfemten und Randständigen, der als Autodidakt um Auskommen, Anerkennung, letztendlich um den Zugang zu einer bürgerlichen Existenz kämpft. Was, fragt Rosenstrauch, geschieht mit einem, der in der alten Ordnung am Rande steht, wenn diese zusammenbricht - zu einer Zeit, in der das Neue schon spürbar, aber noch nicht fassbar ist?

Und es ist eines der Kunststücke aus dem Arsenal des Schreibgewebes dieses grandiosen Essays, wie sich die Antwort dreißig Seiten später zwischen eine Analyse von Huß' Schriften schmuggelt: "Einsamkeit ist, wie wir aus Biografien und Psychologien wissen, für das aus allen Ordnungen entlassene Individuum ein lebensbestimmendes Gefühl."

Wie andere Scharfrichter war Huß auch als Heiler tätig und dabei so erfolgreich, dass er weit über Eger hinaus Kranke behandelte. "Die Verbindung zwischen Töten und Heilen leuchtet ein", schreibt Rosenstrauch, "wenn man bedenkt, dass anatomische Kenntnisse die Voraussetzung für den Beruf des Henkers waren. Da mit der Einführung des Römischen Rechts von den Verurteilten ein Geständnis gefordert wurde, gehörte das Foltern zu den Pflichten der Hinrichter, und das erforderte ein profundes Wissen über den Körper."

Huß stellte im Scharfrichterhaus zu Eger seine umfangreiche Sammlung von Mineralien, Münzen und allerlei Kuriosa, unter anderem seine Richtschwerter, aus. Seine Heilertätigkeit stand in Verbindung mit seiner Sammelleidenschaft, oft handelte er sich anstelle von Honoraren bei seiner Klientel alte Münzen und diverses Gerät für seine Sammlung ein. Als 1787 in den Ländern der österreichischen Krone die Todesstrafe abgeschafft wurde, verlor auch der Tötungsbeamte der Stadt Eger seine eigentliche Berufsgrundlage. Da er damit auch nicht mehr unter dem Schutz des Magistrats stand, hatte das zur Folge, dass ihn nach Klagen von Ärzten und Apothekern der Stadtphysikus wegen Kurpfuscherei anzeigte.

Während in der Umgebung Kurbäder wie Franzensbad und Karlsbad entstanden, die eine bürgerliche und adelige Klientel aus allen deutschsprachigen Ländern anzogen, wurde das Scharfrichterhaus mit seiner Sammlung zu einem beliebten Ausflugsziel von mehr oder minder gebildeten und aufgeklärten Kurgästen. Auch Goethe fand auf diese Weise den Weg zu Huß, und die Protektion diverser höhergestellter Personen dürfte Huß auch die Ausübung seiner Heilpraxis wieder ermöglicht haben. Er begann daneben mit dem Verfassen einer Chronik der Stadt Eger, in die er seine Autobiografie, darin von sich in dritter Person sprechend, einschloss.

In einer anderen Welt

Rosenstrauch vermutet, dass den Autodidakten und Dilettanten dabei zeitgenössische Literatur und der Umgang mit Literaten inspiriert hat. Huß verfasste zuletzt auch noch eine umfassende Schrift gegen den Aberglauben, mit der er sich in die Gefilde der Wissenschaften weiterbewegte.

Die letztendliche Einverleibung der Huß'schen Sammlungen in die Schauräume des Fürst Met ternich'schen Schloss Kynzvart erklärt Rosenstrauch mit dem Entstehen einer Art Parallel gesellschaft: "Metternich war für den sammelnden Scharfrichter nicht nur wichtig, weil er seine Schätze angekauft hat und dafür gesorgt hat, dass er ,ehrlich‘ gemacht wurde. Die Erschütterungen und Umbrüche, die mit seinem Namen verbunden sind, haben auch das Leben der kleinen Leute geprägt. Er repräsentiert jene Ordnung, deren Zerfall dazu führte, dass ein Verfemter die Grenzen seines Standes überschreiten konnte. Der spätere Staatskanzler kam aus dem Rheinland und war ein dezidierter Gegner der pandeutschen Konzepte preußischer Egomanen und Teutomanen, wie er sie nannte. Er sprach Französisch besser als Deutsch und bekannte, sein Vaterland sei Europa. Im Streit um seine Verdienste oder Fehler wird sein Versuch, den Vielvölkerstaat aus den nationalen Kämpfen herauszuhalten, auf der Habenseite verbucht.

Der Staatskanzler lebt im selben Land, zeitweise auch am selben Ort wie sein Kustos und doch in einer anderen Welt. Huß, 1761 geboren, bewegt sich zwischen Hinrichtungsstätten und Henkerhäuschen, Metternich, Jahrgang 1773, auf dem Parkett der großen Politik. Selbst die Begriffe bekommen je nach Umfeld eine unterschiedliche Bedeutung. Beide, der Scharfrichter wie der Staatskanzler, wurden gefürchtet, beide wurden von einem Ehrfurcht gebietenden Nimbus umgeben, beide waren eitel, beide wurden mit Legenden umwoben, aber der Sinn dieser Attribute ist so unterschiedlich wie das Milieu." (Walter Famler, Album, DER STANDARD, 17./18.11.2012)

 

Walter Famler ist Herausgeber der Zeitschrift "Wespennest" und Generalsekretär des Kunstvereins Alte Schmiede in Wien.

Im Rahmen der Eröffnung der "Lesefestwoche" wird kommenden Montag der Österreichische Staatspreis für Kulturpublizistik an Hazel Rosenstrauch überreicht. Die Laudatio hält Antonio Fian.

Am 20. November 2012 liest Hazel Rosenstrauch in der Buchhandlung Orlando, Liechtensteinstraße 17, 1090 Wien. Beginn 19 Uhr, Einleitung: Walter Famler.

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