Vielbeobachteter Orionnebel hat doch noch ein Rätsel parat

  • Blick auf den Orionnebel. Das untere Bild zeigt die räumliche Verteilung der Sterne vor dem Hintergrund des Nebels. Im Zentrum der blauen Linien erreicht die Sterndichte ihr Maximum: Dort liegt das Zentrum des zweiten Sternhaufens, der Astronomen nun Rätsel aufgegeben hat.
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    foto: jon christensen

    Blick auf den Orionnebel. Das untere Bild zeigt die räumliche Verteilung der Sterne vor dem Hintergrund des Nebels. Im Zentrum der blauen Linien erreicht die Sterndichte ihr Maximum: Dort liegt das Zentrum des zweiten Sternhaufens, der Astronomen nun Rätsel aufgegeben hat.

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    foto: alves & bouy / edp sciences

Formation umfasst zwei Sternhaufen unterschiedlichen Alters, die dennoch nahe beieinander liegen

Wien - Der 1.350 Lichtjahre von uns entfernte Orionnebel ist eine produktive Geburtsstätte von Sternen. Unter allen bekannten Stern-"Kreißsälen"der Milchstraße liegt dieser Emissionsnebel der Erde am nächsten und ermöglicht dadurch der Wissenschaft, den Prozess der Sternentstehung besser zu verstehen. Der Orionnebel wurde so zum "goldenen Standard", wie es die Universität Wien nannte. Viele klassische Sternentstehungsmodelle nehmen ihn als Basis.

Neue Beobachtungen, an denen auch Wiener Astronomen beteiligt waren, zeigen nun aber, wie massereich neben dem sich gerade im Nebelinneren bildenden Sternehaufen ein zweiter Haufen aus etwas älteren Sternen ist, der vor dem Orionnebel liegt. Die Forscher rätseln, wie dies mit ihren Modellen in Einklang zu bringen ist und fürchten, "etwas Fundamentales noch nicht verstanden zu haben". Die Studie ist in der Fachzeitschrift "Astronomy & Astrophysics"erschienen.

Unübersehbar

Der Orionnebel, in klaren Winternächten sogar mit freiem Auge erkennbar, wurde schon vor rund 400 Jahren vom französischen Astronom Nicolas-Claude Fabri de Peiresc entdeckt. In den vergangenen Jahrzehnten fand man im Bereich dieses Gasnebels eine Vielfalt an werdenden Sternen und sternähnlichen Objekten - von massereichen Objekten mit mehreren Dutzend Sonnenmassen bis hin zu sogenannten Braunen Zwergen, die zu wenig Masse haben, um durch Wasserstofffusion zu eigentlichen Sternen zu werden.

Jüngste Beobachtungen am spanischen Calar Alto Observatory, mit dem Canadian-French Hawaii Telescope (CFHT) und dem Sloan Digital Sky Survey (SDSS) haben nun zu einer überraschenden "Perspektiven-Korrektur" geführt. Die Wissenschafter haben nämlich festgestellt, wie massereich ein zweiter, bereits bekannter Haufen aus etwas älteren Sternen ist, "der von uns aus gesehen vor dem Orionnebel steht", berichtet Joao Alves, Leiter des Instituts für Astrophysik der Universität Wien. Diese Masse ist nicht gleichförmig verteilt, sondern um den Stern Iota Orionis konzentriert, der die südliche Spitze des "Schwerts des Orion" bildet.

Offene Fragen

Es zeigte sich, dass es sich im Bereich des Orionnebels in Wirklichkeit eine komplizierte Mischung aus zwei Sternhaufen sowie einigen damit nicht zusammenhängenden Sternen ist. "Für mich ist das größte Rätsel, warum der etwas ältere Sternhaufen, der Iota-Orionis-Haufen, so nahe an dem jüngeren Haufen liegt, der sich im Inneren des Orionnebels noch bildet", sagte Alves.

Es sei noch völlig offen, wie diese neuen Beobachtungsbefunde mit gängigen Modellen der Sternhaufen-Entstehung zu vereinbaren sein werden. "Wir scheinen etwas Fundamentales noch nicht verstanden zu haben. Die Bildung von Sternhaufen ist wahrscheinlich der dominante Weg zur Sternentstehung im Universum, aber wir sind weit entfernt davon, genau zu wissen, warum", rätselt der Wissenschafter. Für Hervé Bouy vom Centro de Astrobiologia in Madrid müssen die Astronomen ihre Vorstellungen von den Beobachtungsgrößen revidieren, die sie bisher für die zuverlässigsten Indikatoren der Stern- und Sternhaufen-Entstehung hielten. (APA/red, derStandard.at, 18. 11. 2012)

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