Hunde, Holz und Harmonie

  • Der erste Tag bricht dank des Hundegeheuls vor dem Fenster schon früh an.
    foto: reuters/kacper pempel

    Der erste Tag bricht dank des Hundegeheuls vor dem Fenster schon früh an.

  • Das gleichmäßige Traben der Hunde durch die Schneelandschaft von 
Lappland gibt dem Schlittenfahren ein fast schon meditatives Gefühl.
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    Das gleichmäßige Traben der Hunde durch die Schneelandschaft von Lappland gibt dem Schlittenfahren ein fast schon meditatives Gefühl.

Auf einer Husky-Tour in Lappland hören selbst verwöhnte Teenager aus der Stadt auf zu murren - Ein tolles Erlebnis für Familien

Der Lärm klingt wie vor dem Start eines Formel-1-Rennens. Bloß statt Motorenlärms ist es Hundegekläffe, das die Ohren betäubt. Neun Hundeschlitten stehen hintereinander in Startposition, und fast 40 Huskys zerren wild an ihren Leinen, weil sie endlich loslaufen wollen.

Dann dringt ein schneidendes "Ja" durch diese tierische Lärm kulisse. Das ist mein 14-jähriger Sohn, der mit seinem Gespann loslegt - und diesen Augenblick ganz offensichtlich genießt.

Unsere Reise ins schwedische Lappland war das Produkt eines Nachdenkprozesses, den viele Familien durchmachen: Was kann man halberwachsenen Kindern bieten, damit sie gerne mit ihren Eltern - und ohne Computerspiele - auf Urlaub fahren? Der Tipp mit den Hundeschlitten hat sich für uns und unsere Freunde, ebenfalls mit zwei Teenagern im Schlepptau, jedenfalls bewährt. So fröhlich, dankbar und anschmiegsam hatten wir unseren Sohn und die um drei Jahre ältere Tochter zuletzt selten erlebt.

Alles dreht sich um 60 Huskys

Die Reise führt uns über Stockholm, wo wir einige Tage Stadtbesichtigung einschoben, in die Bergbaustadt Kiruna nördlich des Polarkreises. Dort holen uns Birgit und Bruno, die Betreiber der Hundefarm, am Flugplatz ab und führten uns mit ihren Minivans rund eine Stunde Richtung Osten in die Nähe der finnischen Grenze, der Heimat der Samen.

Birgit ist eine Deutsche, die seit 24 Jahren in Lappland lebt, ihr Mann Bruno ein Einheimischer, mit dem man sich auf Englisch unterhalten könnte, wenn er je spräche. Ihre Husky-Farm liegt im 15-Einwohner-Dorf Merasjärvi an einem See außerhalb der Kleinstadt Vittangi. Dort steht ein geräumiges Blockhaus mit einem herrlichen Specksteinofen für bis zu acht Gäste, und gleich dahinter mehr als ein Dutzend Käfige für die rund 60 Huskys, um die sich hier alles dreht.

Birgit kennt jeden beim Namen, und nach kurzer Zeit können auch wir Aussehen und Persönlichkeit der Hunde ganz gut unter scheiden. Sie sind wahre Laufmaschinen, die sich bei minus 22 Grad am wohlsten fühlen - werden sie in unseren Breiten gehalten, sind sie entsprechend arm dran - und in ihrem Verhalten einmal das Kuscheltier und dann wieder den Wolf herauskehren.

Freundliche und duldsame Lebewesen

Aber im Grunde sind sie höchst freundliche und duldsame Lebewesen, die sich vieles gefallen lassen. Deshalb kann eigentlich jeder mit ein wenig Kraft in den Oberarmen lernen, mit ihnen Schlitten zu fahren.

Der erste Tag bricht dank des Hundegeheuls vor dem Fenster schon früh an. Wir kleiden uns ein mit dicken Overalls, Stiefeln und vor allem festen Arbeitshandschuhen - und marschieren zu den Käfigen. Die erste Lektion ist der Umgang mit den Tieren - Käfig reinigen, Hunde füttern, das Geschirr richtig anlegen und sie dann zum Schlitten schleppen. Die Schlitten selbst sind einfache Holzkonstruktionen, auf denen jeweils ein Fahrer aufrecht steht.

Es gibt schlanke Sportschlitten und gemächlichere Normalgeräte, die etwas leichter zu handhaben sind. Die Sitze sind vor allem fürs Gepäck gedacht oder für kleine Kinder, denn schon ab 13 dürfen Kinder ihren eigenen Schlitten lenken. Je vier Hunde werden an ein Gefährt angespannt, die klügeren Damen vorne, die kräftigeren Männchen in der zweiten Reihe. Und sobald sie in Position gebracht sind, geht das Geheule und Gezerre los. Bloß Birgits Schlitten an der Spitze ist mit bis zu sieben Hundestärken ausgestattet.

Matte, Panikleine und Anker

Das wichtigste Instrument für alle Schlittenfahrer sind die Bremsen. Davon gibt es gleich drei: eine Fußmatte aus Plastik, auf die man steigt, um das Tempo zu drosseln, die sogenannte Panikleine, die erst im Augenblick des Starts gelöst wird, und der kräftige Anker, der bei jedem Halt tief in den Schnee getreten werden muss. Wird auch nur einen Augenblick nicht gebremst, dann laufen die Huskys einfach los. Das steckt in ihren Genen.

Beim Start entwickeln die Tiere die größte Kraft und Geschwindigkeit, und deshalb ist dies auch der schwierigste Augenblick für alle Anfänger. Vom Schlitten zu fallen tut dank der Schneedecke nur selten weh. Aber wenn die Hunde mit voller Wucht in den vorderen Schlitten hineinlaufen, dann können sie sich verletzen.

Ist der Start einmal geglückt, werden die Hunde still und fallen in einen gleichmäßigen Trab. Die Fahrt verläuft auf zuvor präparierten Spuren, zum Teil entlang von Schneemobil-Routen, die die kleinen Ortschaften im hohen Norden verbinden. In einer fast meditativen Stimmung gleiten wir durch Birkenwälder, über eingefrorene Seen und Flüsse. Rundherum erstreckt sich eine endlose Schneelandschaft und über uns die Ostersonne, deren Wärme uns vergessen lässt, dass der Nordpol nicht viel weiter weg ist als Wien.

Doch immer wieder kommt die Kolonne ins Stocken - meist dann, wenn einer der Hunde sein Frühstück verdaut hat und sich im Schnee entleeren will. Dann setzt er sich einfach hin, was den Steuermann zu einem raschen Bremsmanöver zwingt - und alle Nachkommenden auch.

Mit den Huskys laufen

Etwa drei Stunden dauert die erste Ausfahrt, unterbrochen durch eine Mittagsrast an einem schneebedeckten Picknickplatz, an dem zuerst die Hunde an die Bäume gebunden werden müssen, bevor es selbst etwas zu essen gibt.

Danach sind die Jugendlichen alle schon Experten und bereit für die Dreitagetour, die am nächsten Tag beginnt. Die Älteren spüren vor allem die Armmuskeln, denn auch wenn man ruhig auf dem Schlitten steht, ist das Fahren, Steuern und Bremsen harte Arbeit. Gelenkt wird der Schlitten wie beim Carven durch eine leichte Gewichtsverlagerung. Und zumindest bei einigen engen Kurven wird eine halbwegs gute Technik verlangt. Sonst fliegt man aus dem Schlitten und muss seine Hunde erst wieder einsammeln - wie es einige von uns am eigenen Leib erlebt haben.

Am nächsten Morgen beginnt die Dreitagetour, die uns ganz nahe an die finnische Grenze führen soll. Diesmal wird der Schlitten bepackt, was den Hunden wenig ausmacht. Birgit stellt einige Gespanne neu zusammen, wir müssen uns an neue Namen gewöhnen. Der Start ist diesmal schon fast Routine, und die Fahrt ein echter Genuss. Nur als es bergauf geht, werden wir gefordert. Der Leithund blickt kurz nach hinten und macht klar: Wenn du nicht vom Schlitten springst und mitläufst, dann bleiben wir hier einfach stehen.

Als wir am Nachmittag bei unserer Übernachtungsstelle - einigen Holzhütten ohne Strom und Wasseranschluss an einem idyllischen kleinen See - ankommen, haben vor allem die vier Jugendlichen ihre Hunde liebgewonnen, ketten sie an, kümmern sich um Futter und Wasser und wirken überhaupt um einige Jahre erwachsener. Am Abend wird im Kerzenschein Karten gespielt, kein Wort der Klage über die zu Hause gebliebenen Handys.

Selbst beim Geschirrabwaschen wird nicht gemurrt. Doch beliebter ist das Wasserschöpfen aus einem in die Eisdecke auf dem See gebohrten Loch. Gewärmt wird das Wasser in der traditionell gebauten Sauna am Seeufer, die weniger dem Schwitzen als der Körperpflege dient.

Ostersonne im hohen Norden

Es folgen weitere Ausfahrten mit den Hundeschlitten, Mittagspausen an Stellen, wo erst ein Schneeloch gegraben und Holz gehackt werden muss, bevor wir überhaupt ein Feuer anzünden können. Der späte Ostertermin erweist sich als Glück: Die meiste Zeit scheint die Sonne, es ist am Abend lange hell, und es ist nicht kälter als auf einer heimischen Skipiste. Der Februar, die Hauptsaison der Husky-Touren, hat anderes zu bieten, erzählt Birgit: Schneebedeckte Bäume und weiche Spuren, die das Fahren langsamer, aber auch etwas einfacher machen.

Bei der Rückkehr auf die Farm sind wir alle zu Husky-Experten geworden, und jeder ist überzeugt, dass die eigenen vier Hunde die allerbesten sind. Den letzten Nachmittag nützen die Älteren zu einer Schneeschuhwanderung über den See, die Jugend ist dafür schon zu erschöpft.

Auf dem Weg zum Flughafen steht ein Stopp im bekannten Eishotel von Kiruna mit seinen kunstvollen Eisskulpturen fast schon zwangsläufig auf dem Programm. Hier ist wieder ein wenig von jener Zivilisation zu spüren, die wir zuvor eigentlich kaum vermisst haben.

Am Fluss unterhalb wartet ein großer Hundeschlitten, der die Hotelgäste zum Flughafen führt. Zu wissen, dass jeder von uns das Gespann notfalls selbst lenken könnte, ist ein wunderbares Gefühl. (Eric Frey, DER STANDARD, Album, 17.11.2012)

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