Treichl: "Wir haben eine Enteuropäisierung erlebt"

Interview16. November 2012, 17:15
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Der Erste-Chef moniert einheitliche Regeln für die Banken. Österreich könne mit Osteuropa eine Art Skandinavien nachbilden

Standard: Sie sagen, Banker sollten derzeit gar keine Interviews geben. Weil sie sowieso schon so unbeliebt sind? 

Andreas Treichl: Beliebtheit ist keine Kategorie. Das Schwierigste für uns ist, uns dem widmen zu können, wofür wir da sind: unseren Kunden. Banken, Regulatoren, Zentralbanken: Das gesamte Finanzwesen ist in einer extremen Umbruchphase.

Standard: Von wo wohin? 

Treichl: Wir werden zu einer extrem regulierten Branche. Wo es genau hingeht, weiß man aber noch nicht, weil sich Regulatoren und Politik in den einzelnen Ländern das Finanzwesen unterschiedlich vorstellen.

Standard: Die Bestrebungen gehen doch dahin, das Bankwesen EU-weit zu vereinheitlichen.

Treichl: Die Vorgabe war deutlich: Das Finanzwesen muss sicherer werden, damit nie wieder eine Finanzkrise entstehen kann, aber die Wege dorthin sind uneinheitlich. Einig ist man sich nur darin, dass die Banken wesentlich höher kapitalisiert sein müssen.

Standard: Das ist doch gut?

Treichl: Ja, aber wir sind jetzt in einer Findungsphase, in der wir mit verschiedensten regulatorischen Ausschlägen und Überregulierungen rechnen müssen. Irgendwann wird sich das hoffentlich auf einem vernünftigen Niveau stabilisieren.

Standard: Wo ist vernünftig?

Treichl: Vernünftig ist dort, wo man ausschließen kann, dass das, was zuletzt passiert ist, noch einmal passieren kann, dass Banken aber gleichzeitige ihre Aufgabe als Wirtschaftsmotor wieder besser wahrnehmen können.

Standard: Wo sehen Sie die Banken überreguliert?

Treichl: Extrem wichtig wären Klarheit, ein langfristig sicheres regulatorisches Umfeld und hohe Transparenz. Banken müssen echtes Kernkapital aufnehmen können - dazu ist es notwendig, dass Investoren die Parameter genau kennen. Sie müssen wissen, wie viel Kapital eine Bank braucht, wie es mit ihrer Liquidität ausschaut, welche Aufschläge es gibt. Kurzum: Sie müssen den Nenner kennen. Es geht also nicht um fünf, sieben oder neun Prozent Eigenkapital, sondern darum, dass diese Zahl und ihre Berechnung möglichst überall gleich ist. Das ist nicht der Fall.

Standard: Die Krise dividiert Europas Finanzwesen auseinander? 

Treichl: Ja, in der Krise haben wir im Finanzwesen ganz eindeutig eine Enteuropäisierung erlebt. Die Unsicherheit über die politische Entwicklung Europas hat die Nationalstaaten bewogen, ihr Finanzwesen von den Außenwirkungen möglichst abzuschotten. Wenn Sie sich Europa ansehen, werden Sie in jedem Land Banken finden, die Probleme haben. Aber im Großen und Ganzen ist das Finanzwesen auf nationalstaatlicher Ebene gar nicht so schlecht. Grundsätzlich sind Banken in den vergangenen vier Jahren sicherer geworden.

Standard: Die in Griechenland und Spanien aber nicht.

Treichl: Es sind ja nicht alle griechischen, spanischen, italienischen Banken kaputt. Es ist die Mischung aus problematischen Krediten einerseits und dem Faktum, dass die Bilanzen der lokalen Banken mit Wertpapieren eines schlechten Souveräns voll sind. Und das schwächt die Banken.

Standard: Wird die Bankenunion dem Auseinanderdriften nicht gegensteuern?

Treichl: Doch, sie soll die Antwort darauf sein. Ich glaube aber, dass es die Bankenunion mit freiem Kapital- und Liquiditätsverkehr in ihren Mitgliedsstaaten nicht geben wird. Die echte Bankenunion mit der vollständigen Abgabe der Souveränität über das nationale Finanzwesen an die Europäische Zentralbank ist der schwierigste Part der Fiskalunion. Und das wird meiner Meinung nach auch nicht passieren. Jeder Kompromiss führt aber wieder zu lokalen Regelungen. Mit den jetzt zur Debatte stehenden europäischen und nationalen Kapitalregeln steuern wir in eine partielle Bankenunion - und die kann das Vertrauen der Märkte in Europa nicht stabilisieren.

Standard: Ist die EU halbherzig?

Treichl: Ich bin für eine klare Entscheidung. Entweder machen wir Europa, oder wir machen es nicht. Entweder wir etablieren den freien Verkehr von Kapital, Arbeit und Waren oder nicht. Halbe-halbe-Lösungen bringen nichts. Sie führen nicht dazu, dass Industrie, Finanz- und andere Investoren ihr Herz für Europa wiederentdecken. Um wieder für Investoren interessant zu werden, wäre es dringend nötig für Europa, dass es eine Rolle spielt in der Welt, wirtschaftlich einheitlich dasteht, ohne seine vielfältige, sympathische und hochdemokratische Nationalstaatlichkeit aufzugeben.

Standard: Sehen Sie da auch eine Rolle für Österreich?

Treichl: Wir als starker Staat in Europa sollten eine vermittelnde Rolle in der Eurozone spielen, um ein Auseinanderbrechen in 17 Euro- und 10-Nicht-Euroländer hintanzuhalten. Da kann Österreich mit dem Euroland Slowakei viel dazu beitragen, dass zum Beispiel Tschechien und die anderen osteuropäischen Nicht-Euroländer nicht abgeschnitten werden. Es darf bei der Banken- oder Fiskalunion nicht zu einer Zweiteilung Europas kommen, denn das würde auch Österreich nicht guttun.

Standard: Wie genau soll man sich so eine Region vorstellen?

Treichl: So ähnlich wie Skandinavien: Da arbeiten Euro-, Nichteuroländer und ein Nicht-EU-Land mit unterschiedlichsten politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen eng zusammen und haben ein starkes Image gewonnen. Sie sind stabil, sicher und etwas abgekoppelt. Das könnten wir in unserer Region mit Osteuropa auch schaffen.

Standard: Wer soll das machen?

Treichl: Regierung, Regionen, Länder, Städte, alle. Das ist kein leichtes Unterfangen, aber viele, viele Bemühungen wert.

Standard: Was bedeutet diese Renationalisierung, von der Sie vorhin gesprochen haben, für Österreichs Banken?

Treichl: Dass wir uns auf viele Eventualitäten vorbereiten müssen, auch auf die weitere Abschottung. Geht es nach den Vorstellungen der Aufseher, dann müssen alle Bankentöchter, ob in Tschechien, Rumänien oder der Slowakei, völlig eigenständig agieren.

Standard: Diese Eigenständigkeit brauchen Sie ja auch für Ihr Bankentestament, das nun bald Vorschrift wird.

Treichl: Ja, wir müssen den Aufsehern darlegen, dass jeder Teil unserer Bank so selbstständig ist, dass ein Schaden, der dort entstehen könnte, den restlichen Teil der Bank nicht schädigt. Je unabhängiger wir diese Bank in ihrer Kapitalisierung, Liquidität, Veräußerbarkeit führen , desto besser.

Standard: Lauter eigene Banken, möglichst unabhängig von der Erste Group am Graben. Macht Ihnen der Job als Erste-Group-Chef dann noch Spaß?

Treichl: Es ist keine Frage des Spaßes, wir hatten schon erfreulichere Zeiten. Aber es ist eine große und extrem interessante Herausforderung. Wir hoffen jetzt auf mehr Nachfrage, und darauf, dass Regulatoren, Politik und Aufsicht das Wachstumspotenzial dann nicht einschränken. Derzeit ist es für eine Bank immer noch attraktiver, einem schlechten Souverän Geld zu leihen als einem guten Klein- und Mittelbetrieb. Das kann auf die Dauer nicht richtig sein.

Standard: Deswegen gibt es sie also, die Kreditklemme?

Treichl: Nein, derzeit ist keine wirkliche Kreditnachfrage da. Aber es ist auch Faktum, dass Banken zur Zeit nicht offensiv auf die Kunden zugehen mit Kreditofferten. Man braucht sich auch nicht darüber hinweg lügen, dass die Banken höhere Zinsen und höhere Sicherheiten verlangen. Das ist eben dieser Findungsprozess, von dem ich gesprochen habe: Bisher waren wir manchmal zu offen in der Kreditvergabe, jetzt führt das strenge Regelwerk ins Gegenteil. Wir müssen wieder die Balance finden.

Standard: So gesehen müssten Sie eigentlich den Waldviertler Schuhmacher Heinrich Staudinger verstehen, der sich sein Geld nicht von der Bank holt, sondern von Privaten. Und den damit Strafen der Finanzmarktaufsicht erwarten.

Treichl: Staudinger ist ein Phänomen dieser Zeit. Aber in seinem Fall macht schon die FMA einen Punkt, wenn sie sagt: Bankgeschäft ist Bankgeschäft - denn so etwas kann ja auch einmal schief gehen für die Sparer.

Standard: Noch zu Erste und Sparkassen: Was tun Sie, wenn die EU bei Basel III die Erste Group das Eigenkapital der Sparkassen, immerhin 1,6 Milliarden Euro, nicht mehr anrechnen lässt? Lösen Sie dann den Haftungsverbund auf?

Treichl: Das ist in niemandes Interesse, wir werden alles tun, um den Haftungsverbund zu erhalten. Derzeit schaut es so aus, als würde die EU den Verbund anerkennen und somit das Eigenkapital weiterhin anrechnen.

Standard: Die Erste-Stiftung hat Erste-Aktien verkauft, keine Sperrminorität mehr. Früher galt sie als Bollwerk gegen Übernahmen ...

Treichl: Das haben wir nie so ausgedrückt. Die Stiftung hat einen hervorragenden Job gemacht und wird mit den Dividenden ihre Aktivitäten verstärken.

Standard: Sie braucht die Erste-Dividenden aber, um ihre Schulden von einer Milliarde Euro zu zahlen.

Treichl: Richtig, aber die wurden dank Kauferlös viel niedriger.

Standard: Um 234 Millionen. Bleiben 770 Millionen Schulden.

Treichl: Das ist noch immer viel, aber um ein Eck weniger. Und ein stabiler Eigentümer ist die Stiftung immer noch. (Renate Graber, DER STANDARD, 17./18.11.2012)

Andreas Treichl (60) ist seit 2008 Vorstandschef der Erste Group. Zuvor, ab 1997, hat er die Erste Österreichische geleitet. Sein Vertrag läuft bis Juni 2017.

  • Andreas Treichl: "Entweder machen wir Europa, oder wir machen es nicht."
    foto: regine hendrich

    Andreas Treichl: "Entweder machen wir Europa, oder wir machen es nicht."

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