Über eine mit Namen gestrafte Nachkommenschaft

Kolumne |

Nicht jedem von uns ist es vergönnt, Menschen mit außergewöhnlichen Namen auch persönlich zu kennen. Dennoch fragt man sich mitunter, wie es zum Beispiel Leuten innerlich gehen mag, die im deutschen Privatfernsehen als Pascale-Kevin Schink durchs Leben gehen. Pascale-Kevin war jetzt gerade Star einer Folge der bei abgebrühten Kindern enorm beliebten TV-Serie "Die strengsten Eltern der Welt".

Er rauchte und trank und vernachlässigte mit kräftigem Untertiteldeutsch die Schule. Das war schon gruselig und lenkte einmal mehr das Auge des Zusehers auf soziale Brennpunkte in nicht so schönen Wohngegenden mitten unter uns. Pascale-Kevin also wurde aufgrund seines unbelehrbaren Verhaltens von seiner für schwarze Pädagogik empfänglichen Mutter unter Vortäuschung falscher Tatsachen zu einer Gastfamilie in den argentinischen Dschungel geschickt.

Dort sollte er im Bootcamp ein guter Sohn werden, ohne fließendes Wasser und ohne Fußgängerzone mit Anbindung an fragwürdige Cliquen. Wie wir spätestens seit Johnny Cashs Song "A Boy Named Sue" wissen, sind Vornamen enorm wichtig. Bei Johnny Cash war es ein unbarmherziger Vater, der seinem Sohn einen Mädchennamen gab. "Sue" sollte möglichst hart gegenüber der Welt und den Menschen gemacht werden.

Diverse aufgrund des Namens provozierte Prügeleien auf dem Schulhof und in übel beleumundeten Kaschemmen konnten so das Recht des Stärkeren zum Faustrecht der Freiheit befordern. Das mag in gesetzlosen Weltgegenden wie dem Wilden Westen seine Richtigkeit haben. Dort wie in der Zivilisation gilt im Zweifel allerdings, dass am besten durchs Leben kommt, wer möglichst wenig auffällt. Menschen, die den Kopf aus der Deckung heben, haben schnell einmal die Faust des Johnny Cash im Gesicht.

A Boy Named Sue

Was auf dem Papier pfiffig klingen mag, durfte in der Realität doch recht häufig zu Verhaltensoriginalität mit all ihren Begleiterscheinungen führen. Was hätte aus Pascale-Kevin alles werden konnen, wenn man ihn Franz Schink genannt hätte? Wäre er heute ein guter Schüler? Würde er alten Omas über die Straße helfen oder in einer Nachbarschaftshilfe aktiv sein? Oder wäre er dasselbe Gfrast geworden, das jetzt im Fernsehen der indigenen Gastfamilie das Rote in die Augen trieb.

Immerhin gilt: Wer seinen Kindern derartige Namen gibt, muss so wie die damit gestrafte Nachkommenschaft mit Widerstand rechnen: "Gleich gibt's auf Schnauze!" Mein Sohn Maurice-Andre und meine Tochter Gina-Chiara haben jedenfalls nach der Fernsehsendung gemeint, dass sie ab jetzt nicht mehr so viel rauchen und Prosetscho trinken und schlimme Worte sagen wollen. Nein, sie wollen den Namen des Vaters und der Mutter ehren. Wir seien die liebsten Eltern der Welt. Nicht schlecht für Volksschulkinder. (Christian Schachinger, Family, DER STANDARD, 18.11.2012)

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