Einmal um die Welt auf der Suche nach Zeit

Rezension |
  • Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit Florian Opitz, 288 Seiten, 18,50 Euro (Hardcover) / 9,99 Euro (Taschenbuch)Riemann Verlag/Randomhouse
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    Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
    Florian Opitz, 288 Seiten, 18,50 Euro (Hardcover) / 9,99 Euro (Taschenbuch)
    Riemann Verlag/Randomhouse

  • Der gebürtige Saarländer und Wahl-Berliner  Florian Opitz (37)
 studierte Geschichte, Psychologie und Literaturwissenschaft, bevor er 
über Umwege zum Fernsehen fand. Seit 1998 produziert er als Autor und 
Regisseur Dokumentarfilme; für sein Kinodebüt "Der große Ausverkauf" 
wurde er 2009 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.
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    Der gebürtige Saarländer und Wahl-Berliner Florian Opitz (37) studierte Geschichte, Psychologie und Literaturwissenschaft, bevor er über Umwege zum Fernsehen fand. Seit 1998 produziert er als Autor und Regisseur Dokumentarfilme; für sein Kinodebüt "Der große Ausverkauf" wurde er 2009 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Weil er sein eigenes Verhältnis zur Zeit verändern wollte, reiste Florian Opitz um die Welt und sprach mit Zeitexperten, Beschleunigern und Aussteigern

"Meine Erfahrung mit der Zeit beschränkt sich inzwischen nur auf das eine Gefühl - sie fehlt!" Weil sein Alltag ein einziger Wettlauf gegen die Uhr war, begann Florian Opitz sein Leben zu überdenken. In seinem Buch (und gleichnamigen Dokumenarfilm) "Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" hinterfragt er eigene und gesellschaftliche Zeitnot, erörtert deren Ursachen und sucht nach Alternativen.

Von Beschleunigern und Aussteigern 

"Welches Ziel verfolgen wir eigentlich mit der ständigen Beschleunigung? Wem nützt sie? Wartet dahinter irgendwo eine bessere Welt oder ein besseres Leben auf uns?" Auf der Suche nach Antworten besucht Opitz etwa ein Seminar von "Zeitmanagement-Papst" Lothar Seiwert, lässt sich von einem Burnout-Experten durchchecken und spricht mit "Beschleunigern" aber auch Aussteigern aus dem Hamsterrad.

Etwa mit dem Müchner Journalisten Alex Rühle, der aufgrund seines exzessiven Internetkonsums beschlossen hat, ein halbes Jahr analog zu leben. Sein Fazit am letzten Tag seines Selbstversuchs: "Es war eine schöne Zeit, aber ich bin heilfroh, dass ich morgen wieder ins Netz komme." Opitz folgert, dass ein Totalausstieg aus dem Netz auch für ihn keine Lösung ist und sucht weiter.

Zurück zur Zeitsouveränität

Auch das Treffen mit dem deutschen Zeitexperten Karlheinz Geißler bot dem Autor keine abschließende Antwort. "Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern zu viel zu tun, oder glauben, zu viel zu tun zu haben", sagt dieser. Der Mensch wolle auf möglichst nichts verzichten, also lade er sich immer mehr auf. Er versuche, drei oder viel Leben in eins zu packen und das Tempo zu vervielfachen, aus Angst, das Entscheidende zu verpassen. Der Ausweg: Wir müssen uns wieder auf das Wesentliche besinnen und unsere Zeitsouveränität zurückerlangen, so Geißler. Wie das konkret zu schaffen ist, muss freilich jeder für sich selbst herausfinden.

Nach jeder Station seiner Reise reflektiert Opitz seine neuen Erkenntnisse, eine Lösung für sein eigenes Verhältnis zur Zeit findet er aber nicht. Er zitiert nach jedem Kapitel den Beschleunigungsexperten Hartmut Rosa, der als Hauptursachen für die Zeitnot den wirtschaftlichen Wachstumszwang, Konsum- und Kommunikationssucht sowie den allumfassenden Wettbewerb nennt. Einen einfachen Ausweg aus dem Dilemma sieht er aber nicht: "Das ungeheure Paradox an der Beschleunigung besteht darin, dass wir umso weniger Zeit haben, je effizienter wir im Zeitsparen werden."

Vom "machthungrigen Arschloch" zum Hüttenwirt 

Ernüchtert nach einem Gespräch mit einer Unternehmensberaterin, die täglich an maximaler Effizienzsteigerung arbeitet, sowie Einblicken in den Hochfrequenz-Aktienhandel sucht Opitz nach alternativen Lebensmodellen. Er besucht einen Ex-Investmentbanker, der nach 20 Karrierejahren sein Leben verändern wollte, die Alpen zu Fuß durchquerte und schließlich beschloss, Hüttenwirt in den Schweizer Bergen zu werden.

"Solange ich das Gefühl hatte, Zeit ist unendlich verfügbar, hatte ich auch kein Problem damit, alles auf später zu verschieben. Später im Leben. Aber das Jetzt, die Gegenwart wird dadurch so unheimlich wertlos. Das habe ich langsam begriffen, und das hat mich frustriert", sagt der Aussteiger, der sein früheres Ich als "machthungriges Arschloch" bezeichnet. In der Natur sei er nun endlich glücklich, habe zu sich selbst gefunden. Für Opitz ist aber auch der Rückzug in die Berge kein Ausweg.

Von Bhutan lernen? 

Nach weiteren Zwischenstationen bei einer Bauernfamilie in den Bergen und einem "Radikalentschleuniger" in Patagonien, fliegt Opitz nach Bhutan, das einzige Land der Welt, in dessen Verfassung das "Bruttonationalglück" als oberstes Ziel genannt wird. Der Staat im Himalaya ist zwar bitterarm, seine Bewohner scheinen aber dennoch glücklicher als anderswo zu sein. Die Hauptgründe dafür liegen für Opitz in einem Leben im Einklang der Natur, in den vielen gelebten Traditionen und der Selbstbestimmung der Menschen über ihre Zeit. Viel für sein eigenes Leben im hektischen Berlin mitnehmen kann er aber auch von dieser Station nicht.

Nach Abschluss seiner Reise um die Welt hat Opitz etliche neue Eindrücke, aber immer noch keine Lösung für sein Zeitproblem gefunden. Sein Leben will er dennoch ändern, sich mehr auf die Gegenwart konzentrieren: "Mir ist klar geworden, wie sinnlos der Versuch ist, zwei oder mehr Leben in eins zu packen. Entschleunigung bedeutet eben leider auch, sich die Begrenztheit des Lebens einzugestehen."

Viele verschiedene Zugänge

Opitz' Buch "Speed" ist ein buntes Panorama von Menschen, die, jeder für sich, ihren eigenen Zugang zur Zeit gefunden haben. Der Autor beschreibt sie, stellt sie gleichberechtigt nebeneinander, wirft aber immer auch einen differenzierten Blick auf scheinbar ideale und naheliegende Auswege. Dass etwa ein Verzicht auf Handy und Internet für einen Freiberufler wie ihn keine Lösung ist (und ihm zudem äußerst schwer fallen würde), gesteht er sich realistischerweise ein.

Auch dass das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens vielleicht in einem namibischen Dorf funktionieren würde, man damit das Problem des Wettbewerbs und der Beschleunigung in Mitteleuropa aber auch nicht unbedingt lösen kann, erkennt Opitz. Sehr wohl plädiert er aber dafür, darüber und über andere Gesellschaftsentwürfe nachzudenken - der auf stetigem Wachstum aufgebaute Kapitalismus sei schließlich nicht in Stein gemeißelt.

Auch wenn das Buch nicht alle aufgeworfenen Fragen beantworten kann, so schärft es doch das  Bewusstsein für Zeit und zeigt, auf welch vielfältige Weise man mit ihr umgehen kann. Lesenswert ist es auch dank der lebendigen Sprache, etlichen heiteren Reiseanekdoten und viel Selbstironie des Autors.

Die finale Erkenntnis? So ernüchternd es auch ist, sich einzugestehen, dass das Leben endlich ist, so erfüllend kann es sein, bewusst aus den vielen Möglichkeiten seinen eigenen Weg zu suchen. Wie sagte schon Kurt Tucholsky: "Leben heißt aussuchen." (Florian Bayer, derStandard.at, 20.11.2012)

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