Kniebeuge des Populismus

Kommentar |

So wichtig Bewegung ist, die "tägliche Turnstunde" geht an der Realität der Schulen vorbei

Runter - und rauf! Runter - und rauf! Eine Kniebeuge geht noch. Eine Kniebeuge! Runter - und rauf! Turnen sollen die Schulkinder, sagt der große Hans Krankl. Turnen sollen die Schulkinder, sagen alle sechs Parlamentsfraktionen in einem Entschließungsantrag unisono.

In Zukunft soll sich die Jugend einmal am Tag eine Stunde in der Schule bewegen. Und irgendwann soll aus unseren Kindern gold-, silber-, bronzebehängte Athleten werden, die nicht nur beim Bergrunterfahren, sondern auch beim Flachlaufen gewinnen. Die Diskussion ist ein Erbe der olympischen Spiele in London.

Wir alle bewegen uns zu wenig, essen zu viel, zu fett, zu süß. Bei unseren Kindern schaut es nicht besser aus. Regelmäßige Bewegung ist wichtig, ob in der Schule oder im Berufsalltag. Doch was bedeutet der Ruf nach mehr Turnstunden in der Praxis? Das Ministerium erwartet allein Personalmehrkosten von 200 Millionen Euro, da sind Einmalkosten für Umschulungen oder die notwendige Errichtung neuer Turnsäle noch nicht einberechnet.

Dabei könnte mehr Bewegung auch anders erreicht werden: Durch Vereine, Ausweitung des Sportangebots in Freifächern, mehr Bewegung im Unterrichtsalltag. Anstatt einer verordneten Ertüchtigungsstunde in der Schule, sollten sich die Schüler freiwillig bewegen. Das hätte auch eine Wirkung über die Schulzeit hinaus.

Bildungsministerin Schmied ist der Ansicht, dass die tägliche Turnstunde nur in der Ganztagsschule umgesetzt werden kann. Doch diese ist noch nicht beschlossen. Der zögerliche Umgang der ÖVP bei der Schaffung der Ganztagsschule in der verschränkten Form widerspricht ihrer Forderung nach mehr Turnunterricht. Für die tägliche Turnstunde ist im derzeitigen Schulsystem kein Platz.

Wenn die verschränkte, ganztägige Schule nicht kommt, müsste die tägliche Turnstunde nach wie vor in der Kernunterrichtszeit stattfinden. Dann müsste man Fachunterricht einsparen oder die heute kollektiv erhobene Forderung verpufft schließlich als Populismus. Mehr Bewegung bringt das nicht.

Was bleibt ist der erste Sechs-Parteien-Antrag der Zweiten Republik - eine Kniebeuge für den Populismus. Runter - und rauf! (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 16.11.2012)

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