Windelfrei: Unten ohne

Lisa Mayr
16. November 2012, 05:30

Auch im Westen lassen immer mehr Eltern ihre Kinder ohne Windeln aufwachsen. Warum eigentlich?

Das Thema Windelfreiheit hat alles, was es braucht, um zu polarisieren: Die meisten Erwachsenen haben Erfahrung mit Windeln und Wickeln, wohl noch mehr Menschen haben dazu eine Meinung. Es gibt kaum Daten zu den Vor- und Nachteilen des Konzepts, die in evidenzbasierten Langzeitstudien überprüft worden wären.

Emotionale Aufladung bei gleichzeitigem Mangel an wissenschaftlichen Belegen: Diese Mischung erklärt, warum die Diskussion über Sinn oder Unsinn des Windeltragens so ideologisch geführt wird.

Was bedingt was?

Das Prinzip der Windelfreiheit ist rasch erklärt: Babys bekommen weder Industrie- noch Stoffwindeln und sollen auf diese Weise früh lernen, ihre Ausscheidungsbedürfnisse wahrzunehmen und zu artikulieren - über Körpersprache, Laute und Bewegungen. Das Konzept setzt voraus, dass Eltern, Erziehungsberechtigte und Betreuungspersonen die Signale der Kinder verstehen.

Grundlage dafür ist ein enger emotionaler und körperlicher Kontakt. Die Idee funktioniert also theoretisch im Kreis: Indem die Kinder früh lernen, sich mitzuteilen, wird die enge Bindung zu den Eltern oder Erziehungsberechtigten grundgelegt und gefördert. Bleibt die Frage, warum sich ein so schlüssiges Konzept nicht längst global durchgesetzt hat.

"Westliche Windelkultur"

Es habe sich ja durchgesetzt, antworten die Windelfrei-Anhänger: Immerhin würden 80 Prozent der Weltbevölkerung keine Windeln verwenden - und deren Kinder trotzdem nicht kotbeschmiert herum laufen. Im Westen habe sich die Windelkultur auch durch den Einfluss der Industrie durchgesetzt, glauben die Befürworter.

Tatsächlich zählt der Hygieneartikelmarkt zu den stabilsten Branchen überhaupt. Weil er menschliche Bedürfnisse stillt, die relativ konstant und zugleich berechenbar sind. Windeln sind ein zentrales Element dieses Marktes: Je nach Windelpreis - er liegt zwischen 15 und 34 Cent pro Stück - gibt eine Familie bis zu 650 Euro pro Jahr und Kind für Wegwerfwindeln aus. Die meisten Windeln werden in Nordamerika, der EU und Japan verkauft.

Am schnellsten wächst der Markt für Baby-Windeln allerdings in Afrika. Die Hygieneartikel-Industrie zielt seit Jahren mit ihrem Marketing massiv auf den Kontinent. Ob Afrikas Bedürfnis nach Windeln erst durch die Werbung geweckt wurde oder ob die Verfügbarkeit von Wegwerfwindeln ein bereits schlummerndes Bedürfnis wachgeküsst hat, dürfte kaum seriös zu beantworten sein. Die Frage wäre dann: Kannten viele Menschen die westliche Windelkultur bisher nicht - oder wollten sie sie nicht?

"Vorurteile"

Lini Lindmayer hat ihre drei Kinder nach dem Prinzip der Windelfreiheit aufgezogen. Sie würde es wieder tun. Die Kinder sind mittlerweile sieben, fünf und zwei Jahre alt. Lindmayer gibt selbst Seminare zum Thema und hat ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben. "Ich habe mich durch Zufall sehr früh mit dem Thema befasst und irgendwann beschlossen, meine Kinder so aufzuziehen", so die 28-jährige Tanzpädagogin. 

Warum sich das Konzept im Westen noch nicht durchgesetzt habe? "Es gibt viele Vorurteile und Fehlmeinungen dazu - und die Annahme, dass das bei uns nicht geht, weil es im Alltag zu stressig ist." Dabei sei praktizierte Windelfreiheit sogar weniger Arbeit als das ständige Wischen und Wechseln, wenn ein Baby Windeln trägt.

Dogma will Lindmayer aus der Windelfreiheit aber keines machen: "Wenn es Eltern mehr stresst als entspannt, dann sollten sie lieber Windeln verwenden." Sie selbst könne die Fälle, wo bei einem ihrer Kinder "etwas in die Hose gegangen" ist, an einer Hand abzählen.

"Nicht teilen, begleiten"

Lindmayer kennt auch die Annahme, dass die Windelfreiheit den Ausscheidungsprozess zu sehr in den Mittelpunkt stellt und ihn unnötig mit Bedeutung auflade. Tatsächlich kann es befremden, wenn entzückte Mütter in Internetforen von der "gut trainierten Beckenbodenmuskulatur" ihrer windelfreien Kinder schwärmen. Lindmayer: "Es geht nicht darum, den Prozess der Ausscheidung zu teilen, sondern ums Begleiten in die Selbständigkeit. Die Kinder zeigen irgendwann ganz deutlich, dass sie ihr Geschäft jetzt alleine erledigen wollen." Bei ihren Kindern war das rund um den ersten Geburtstag der Fall. 

Topferl statt Kochtopf?

Es fällt auf, dass sich fast ausschließlich Frauen mit dem Thema Windelfreiheit beschäftigen. Das ist ein weiterer Anknüpfungspunkt für Kritikerinnen und Kritiker. Eine davon ist die US-Autorin Emily Bazelon. Sie sieht das Aufkommen der Wegwerfwindel im Kontext von weiblicher Emanzipation und dem beruflichen Aufstieg der Frauen. Es sei kein Zufall, dass der Weltmarktführer Pampers im Jahr 1961 mit der Vermarktung der Wegwerfwindel begonnen hat.

Durch die Idee der Windelfreiheit sieht Bazelon die Errungenschaften westlicher Emanzipation bedroht: Es seien nämlich vor allem die Mütter, von denen erwartet wird, dass sie sich so intensiv und durchgehend mit ihren Kindern beschäftigen, dass sie sie ihnen jeden Ausscheidungswunsch von den Augen ablesen können.

Auch diese Kritik kann Lindmayer aus eigener Erfahrung nicht nachvollziehen: "Das Konzept funktioniert mit jeder Betreuungsperson - es muss nicht die leibliche Mutter sein." Voraussetzung sei allerdings, dass sich die Person intensiv mit dem Kind und seinen Bedürfnissen auseinandersetze.

Gesichert scheint nur, dass der Umgang mit kindlichen Ausscheidungen eine ideale Projektionsfläche dafür ist, was "richtige" und was "falsche" Erziehung ist - und dafür, was Kinder wirklich brauchen. Längst ist die Frage "Wie hältst Du's mit der Windel?" zum ideologischen Anknüpfungspunkt zwischen Müttern und Vätern geworden - zumindest bei jenen, die Zeit und Ressourcen haben, um sich überhaupt mit dem Thema zu beschäftigen. (Lisa Mayr, derStandard.at, 15.11.2012)

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habs probiert

ist in die hose gegangen.... :)

Definition: Windelfreiheit fehlt in dem Artikel

Ist damit gemeint, dass das Baby gar keine Windel trägt, also nur eine Unterhos, Hose, Rock?

Wie soll das mit 4 Monaten windelfrei funktionieren?
mit einem Alter von 1-2 Jahren kann ichs mir ja noch vorstellen. Aber bis zu 1 Jahr, geht doch alles in die Hose, trotz Signale, die ja meistens zu kurzfristig davor auftreten, um reagieren zu können.

Prinzipiell teile ich die Meinung

dass die Industrie Bedürfnisse weckt, die es gar nicht gibt. Allerdings teile ich nicht die Meinung, dass kleine Kinder ihre entsprechenden Körperregionen schon so früh kontrollieren können. Ich habe eine sehr intensive Beziehung zu meinem Kind und war auch 18 Monate in Karenz. Vor allem aber anfangs hatte ich den Eindruck, dass meinem Kind der Zusammenhang zwischen warmer Hose und eigener Ausscheidung nicht immer ganz klar war. Ebenso wie es erst nach ein paar Wochen entdeckte, dass die eigenen Hände von ihm gesteuert werden und dass diese keine "Fremdkörper" sind.

Wahrnehmungspsychologie, Neurologie und andere Disziplinen beschäftigen sich auch schon lange mit dem Thema.

Ich bin übrigens ein Mann.

Ein Extragrün für den letzten Satz. Der hat mich jetzt wirklich, wirklich, sehr überrascht :)

Danke für's Grün :-)

und liebe Mrs. Bazelon,

meiner Meinung nach ist es genauso Frauen- oder nicht-Sache, ein Baby abzuhalten, wie ein Baby zu wickeln, oder??
vielmehr kommts mir ganz eindeutig vor, aus meiner bisherigen Erfahrung, dass unter den "windelfrei-Menschen" noch viel eher die aktiven Papas zu finden sind!
warum das??

Und dass es sich fürs Körpergefühl jetzt und später günstig auswirkt, wenn man von Anfang an ein Bedürfnis erkennen darf, weil es auch beantwortet wird, ist wohl nicht zu schwer zu verstehen.
Nur wird Pampers dazu leider keine Studien sponsern, das wäre wohl geschäftlich nicht allzu klug.

es funktioniert

jedenfalls einwandfrei, und zwar von Anfang an, und nicht, weil Babies es erst "lernen" müssen, ihr Bedürfnis anzumelden, sondern weil sie es von Anfang an TUN und es nur eine Frage von zuhören wollen ist.
Die Schließmuskeltheorie ist, sobald man es einmal nur ansatzweise erlebt hat, hinfällig. Die Erde war auch irgendwann keine Scheibe mehr.
Auch Mrs. Bazelon zieht sehr eigenartige Schlüsse.
Mit einem Baby aufs Klo gehen kann jeder, der dem Baby vertraut ist, und ihm auch zuhören will, sei es Mama, Papa, Schwester, etc. (es kann zB auch passieren, dass Baby sich momentan entscheidet, mit der Mama diesmal nicht zu gehen, und mit der großen Schwester aber schon! komisch, wo es doch noch so gut wie gar keinen schließmuskel HAT?!)

Ich stelle fest: Sie sind Anhängerin einer Besessenheitstheorie

Schade - Teil3

"Durch die Idee der Windelfreiheit sieht Bazelon die Errungenschaften westlicher Emanzipation bedroht" - und HIER sieht man mal wieder, um wen und wessen Interessen es geht!!! Es ist immer wieder das Gleiche! Ich bedaure das zutiefst!.... Heut ist übrigens der internationale Tag der Kinderrechte (http://www.derwesten.de/wp/wp-inf... 5711.html) - aber was sollen Kinderrechte überhaupt? Machen sie doch aus Kindern nur Kinder (die im Schlimmsten Fall für andere nur eine Last sind) - und keine Menschen!

Schade!

Ich finde es sehr bedauerlich, dass allein die Formulierung schon gewisse Tatsachen verdreht: "Das Prinzip der Windelfreiheit ist rasch erklärt: Babys bekommen weder Industrie- noch Stoffwindeln und sollen auf diese Weise früh lernen, ihre Ausscheidungsbedürfnisse wahrzunehmen und zu artikulieren - über Körpersprache, Laute und Bewegungen." - schon das ist meiner Meinung nach falsch! Babys sollen es nicht "lernen", sie können es, es soll dadurch ermöglicht werden, dass die Bezugspersonen diese angeborene Fähigkeit überhaupt wahrnehmen (können - wenn sie wollen)!

Wenn sich das durchsetzt, werden wir in den Großstädten mit Hundesche*sse kein Problem mehr haben.

wie hiess es

bei mini bydlinski:
"hier spricht oscar bronner. lesen auch sie schon den neuen standard oder müssen sie zu ihren kindern immer noch sagen: "zum schaissen nehmt's die kronenzeitung....""

In meiner Kindheit wurde man zum Topferlgehen gebracht, indem die Mütter (auch aus Kostengründen) von Wegwerfwindeln (super saugfähig und super weich) auf Stoffwindeln (weniger aufnahmefähig und popofreundlich) umgestellt haben.

Lustiges Thema! Schaut man sich historische Kinderbilder an, so sind Buben in Kleider zu erkennen, die mussten sie tragen, bis sie sauber waren. Vom Aussehen und der Entwicklung waren sie auch etwa 3 Jahre alt. Die Reinlichkeitsentwicklung hat mit einer organischen Entwicklung zu tun, wenn nämlich der Schließmuskel ausgereift ist.

Also ich finde Windeln schon sehr praktisch. Das Angebot an Schmutzwäsche reicht auch so schon. Ich bin zwar immer wieder überrascht wie schnell so eine Packung versch(l)issen ist, kaufe aber immer wieder gern eine Neue.

was mir nicht klar ist, ist wie man das in der nacht macht?

es geht in der nacht einfach neben/vor/nach dem stillen. die babys melden sich eh. und nach einiger zeit sind sie eh trocken in der nacht (meine beiden eher früh, seit sie jeweils ca. ein halbes jahr alt sind). es ist nur ein umschalten im kopf. niemand würde verunsichert sein, wie ein kind in der nacht gestillt oder gefüttert werden kann, oder?

nein, ich konnts mir nur nicht vorstellen, dass es funktioniert. ich still außerdem immer im halbschlaf, da bekomm ich nicht mit ob der zwerg muss oder nicht.

abhalten

geht dann auch im halbschlaf ;) topferl neben dem bett... und sie können echt relativ schnell lange zurückhalten, das ist also dann eh nicht dauernd...

das ginge betttechnisch dann wieder nicht.... aber egal wir belassens ohnehin bei den stoffwindeln und einwegwindeln für unterwegsm, schon allein weil wir meistens mit ziemlich viel zeug unterwegs sind und da hätt so ein küberl dann nicht auch noch platz... finds aber super das es funktioniert.

nein, ich konnts mir nur nicht vorstellen, dass es funktioniert. ich still außerdem immer im halbschlaf, da bekomm ich nicht mit ob der zwerg muss oder nicht.

Ja, gute frage. Ich frag mich ob man tatsächlich von Anfang an ohne Windel auskommt ? Später kann man vielleicht das " große Geschäft " erkennen, aber das Pinkelbedürfnis an sich find ich schon schwierig zu erkennen. Bitte Erfahrungswerte .... Danke

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