Windelfrei: Unten ohne

Auch im Westen lassen immer mehr Eltern ihre Kinder ohne Windeln aufwachsen. Warum eigentlich?

Das Thema Windelfreiheit hat alles, was es braucht, um zu polarisieren: Die meisten Erwachsenen haben Erfahrung mit Windeln und Wickeln, wohl noch mehr Menschen haben dazu eine Meinung. Es gibt kaum Daten zu den Vor- und Nachteilen des Konzepts, die in evidenzbasierten Langzeitstudien überprüft worden wären.

Emotionale Aufladung bei gleichzeitigem Mangel an wissenschaftlichen Belegen: Diese Mischung erklärt, warum die Diskussion über Sinn oder Unsinn des Windeltragens so ideologisch geführt wird.

Was bedingt was?

Das Prinzip der Windelfreiheit ist rasch erklärt: Babys bekommen weder Industrie- noch Stoffwindeln und sollen auf diese Weise früh lernen, ihre Ausscheidungsbedürfnisse wahrzunehmen und zu artikulieren - über Körpersprache, Laute und Bewegungen. Das Konzept setzt voraus, dass Eltern, Erziehungsberechtigte und Betreuungspersonen die Signale der Kinder verstehen.

Grundlage dafür ist ein enger emotionaler und körperlicher Kontakt. Die Idee funktioniert also theoretisch im Kreis: Indem die Kinder früh lernen, sich mitzuteilen, wird die enge Bindung zu den Eltern oder Erziehungsberechtigten grundgelegt und gefördert. Bleibt die Frage, warum sich ein so schlüssiges Konzept nicht längst global durchgesetzt hat.

"Westliche Windelkultur"

Es habe sich ja durchgesetzt, antworten die Windelfrei-Anhänger: Immerhin würden 80 Prozent der Weltbevölkerung keine Windeln verwenden - und deren Kinder trotzdem nicht kotbeschmiert herum laufen. Im Westen habe sich die Windelkultur auch durch den Einfluss der Industrie durchgesetzt, glauben die Befürworter.

Tatsächlich zählt der Hygieneartikelmarkt zu den stabilsten Branchen überhaupt. Weil er menschliche Bedürfnisse stillt, die relativ konstant und zugleich berechenbar sind. Windeln sind ein zentrales Element dieses Marktes: Je nach Windelpreis - er liegt zwischen 15 und 34 Cent pro Stück - gibt eine Familie bis zu 650 Euro pro Jahr und Kind für Wegwerfwindeln aus. Die meisten Windeln werden in Nordamerika, der EU und Japan verkauft.

Am schnellsten wächst der Markt für Baby-Windeln allerdings in Afrika. Die Hygieneartikel-Industrie zielt seit Jahren mit ihrem Marketing massiv auf den Kontinent. Ob Afrikas Bedürfnis nach Windeln erst durch die Werbung geweckt wurde oder ob die Verfügbarkeit von Wegwerfwindeln ein bereits schlummerndes Bedürfnis wachgeküsst hat, dürfte kaum seriös zu beantworten sein. Die Frage wäre dann: Kannten viele Menschen die westliche Windelkultur bisher nicht - oder wollten sie sie nicht?

"Vorurteile"

Lini Lindmayer hat ihre drei Kinder nach dem Prinzip der Windelfreiheit aufgezogen. Sie würde es wieder tun. Die Kinder sind mittlerweile sieben, fünf und zwei Jahre alt. Lindmayer gibt selbst Seminare zum Thema und hat ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben. "Ich habe mich durch Zufall sehr früh mit dem Thema befasst und irgendwann beschlossen, meine Kinder so aufzuziehen", so die 28-jährige Tanzpädagogin. 

Warum sich das Konzept im Westen noch nicht durchgesetzt habe? "Es gibt viele Vorurteile und Fehlmeinungen dazu - und die Annahme, dass das bei uns nicht geht, weil es im Alltag zu stressig ist." Dabei sei praktizierte Windelfreiheit sogar weniger Arbeit als das ständige Wischen und Wechseln, wenn ein Baby Windeln trägt.

Dogma will Lindmayer aus der Windelfreiheit aber keines machen: "Wenn es Eltern mehr stresst als entspannt, dann sollten sie lieber Windeln verwenden." Sie selbst könne die Fälle, wo bei einem ihrer Kinder "etwas in die Hose gegangen" ist, an einer Hand abzählen.

"Nicht teilen, begleiten"

Lindmayer kennt auch die Annahme, dass die Windelfreiheit den Ausscheidungsprozess zu sehr in den Mittelpunkt stellt und ihn unnötig mit Bedeutung auflade. Tatsächlich kann es befremden, wenn entzückte Mütter in Internetforen von der "gut trainierten Beckenbodenmuskulatur" ihrer windelfreien Kinder schwärmen. Lindmayer: "Es geht nicht darum, den Prozess der Ausscheidung zu teilen, sondern ums Begleiten in die Selbständigkeit. Die Kinder zeigen irgendwann ganz deutlich, dass sie ihr Geschäft jetzt alleine erledigen wollen." Bei ihren Kindern war das rund um den ersten Geburtstag der Fall. 

Topferl statt Kochtopf?

Es fällt auf, dass sich fast ausschließlich Frauen mit dem Thema Windelfreiheit beschäftigen. Das ist ein weiterer Anknüpfungspunkt für Kritikerinnen und Kritiker. Eine davon ist die US-Autorin Emily Bazelon. Sie sieht das Aufkommen der Wegwerfwindel im Kontext von weiblicher Emanzipation und dem beruflichen Aufstieg der Frauen. Es sei kein Zufall, dass der Weltmarktführer Pampers im Jahr 1961 mit der Vermarktung der Wegwerfwindel begonnen hat.

Durch die Idee der Windelfreiheit sieht Bazelon die Errungenschaften westlicher Emanzipation bedroht: Es seien nämlich vor allem die Mütter, von denen erwartet wird, dass sie sich so intensiv und durchgehend mit ihren Kindern beschäftigen, dass sie sie ihnen jeden Ausscheidungswunsch von den Augen ablesen können.

Auch diese Kritik kann Lindmayer aus eigener Erfahrung nicht nachvollziehen: "Das Konzept funktioniert mit jeder Betreuungsperson - es muss nicht die leibliche Mutter sein." Voraussetzung sei allerdings, dass sich die Person intensiv mit dem Kind und seinen Bedürfnissen auseinandersetze.

Gesichert scheint nur, dass der Umgang mit kindlichen Ausscheidungen eine ideale Projektionsfläche dafür ist, was "richtige" und was "falsche" Erziehung ist - und dafür, was Kinder wirklich brauchen. Längst ist die Frage "Wie hältst Du's mit der Windel?" zum ideologischen Anknüpfungspunkt zwischen Müttern und Vätern geworden - zumindest bei jenen, die Zeit und Ressourcen haben, um sich überhaupt mit dem Thema zu beschäftigen. (Lisa Mayr, derStandard.at, 15.11.2012)

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