Ganztagsschule: Das Interesse der Lehrer

Kommentar15. November 2012, 18:58
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Die ÖVP kommt in dieser Frage über ihre ideologischen Schranken nicht hinaus, sie ist in ihrem altmodischen Denken gefangen

Das Angebot an Ganztagsschulen soll rasch ausgebaut werden, darüber herrscht weitgehend Konsens. Zwei große Bremser gibt es dennoch: Das ist zum einen die ÖVP, zum anderen sind das die Lehrer. Beide sind unwillig, aus unterschiedlichen Gründen.

Die ÖVP kommt in dieser Frage über ihre ideologischen Schranken nicht hinaus, sie ist in ihrem altmodischen Denken gefangen. Vizekanzler Michael Spindelegger musste erst aus dem Schmollwinkel geholt werden, stimmte dem Ausbau aber schließlich zu - mit Bedingungen. Unverständlich ist, warum Spindelegger der Nachmittagsbetreuung, also der Aufbewahrung der Kinder mehr abgewinnen kann als einem verschränkten Unterricht, bei dem sich über den Tag verteilt Unterricht, Sport, Lernen, Freizeit, Aufgaben und Kurse abwechseln. Das Modell eines verschränkten Unterrichts ist jenem des geblockten Unterrichts am Vormittag und der beaufsichtigten Aufbewahrung am Nachmittag so haushoch überlegen, dass es darüber eigentlich gar keine Diskussion geben sollte.

Es gibt sie dennoch. Die ÖVP führt sie, weil sie noch dem Modell nachhängt, dass die Mutti zu Hause bleibt und am Nachmittag mit den Kindern Aufgaben macht und den Buben zum Fußball und das Mädchen zum Ballett führt.

Blankes Eigeninteresse

Auch die Lehrer führen diese Diskussion - aus blankem Eigeninteresse. Viele begreifen ihren Job als Halbtagsjob, wollen am Nachmittag nach Hause gehen und nicht in der Schule unterrichten. Das stellt die Eigeninteressen über alles andere, über das Wohl der Kinder, das nimmt den Jugendlichen Chancen, das nimmt auch der Gesellschaft viele Chancen. Es gibt Lehrer, die glauben, die Schule hat für sie da zu sein, nicht für die Schüler. Darum wäre es absurd, den Lehrern ein Vetorecht beim Ausbau zur Ganztagsschule einzuräumen. Das wäre das Ende des Projekts.

Dass Lehrer auch berechtigte Ansprüche und Forderungen haben, ist allerdings ebenso unbestritten. Natürlich brauchen sie in der Schule ein entsprechendes Umfeld, sie brauchen Platz und adäquate Arbeitsplätze und eine vernünftige Bezahlung. Dafür hat die Politik zu sorgen.

Das Bild der Lehrer wird sich hoffentlich bald ändern - vom Halbtagsjob mit einem Übermaß an Freizeit hin zu einem ganzwertigen, verantwortungsvollen und allseits geschätzten Beruf. Dazu wird es auch ein neues Lehrerdienstrecht brauchen. Auch dafür hat die Politik zu sorgen - zur Not auch gegen den Willen der (jetzigen) Lehrer.  (Michael Völker, DER STANDARD, 16.11.2012)

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