Gewalt schürt Angst vor einem neuen Krieg

15. November 2012, 23:00
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Mit der israelischen "Operation Wolkensäule" gegen die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen wächst die Furcht vor einem neuen offenen Konflikt. Die Hamas kündigte Vergeltung für den Tod ihres Militärchefs an.

Angesichts von Raketenangriffen auf Tel Aviv droht eine weitere Eskalation.

 

Zu einem intensiven Schlagabtausch mit hunderten Raketeneinschlägen auf jeder Seite eskalierte der permanente Kleinkrieg zwischen Israel und der Hamas, nachdem die Israelis am Mittwoch den militärischen Kommandanten der radikalislamischen Gruppe, Ahmed al-Jabari, "gezielt" getötet hatten.

Erklärtes Ziel der Israelis ist es, die "Infrastruktur des Terrors" im Gazastreifen nachhaltig zu beschädigen, die "Abschreckung gegen die Hamas" wiederherzustellen und das Raketenfeuer auf die Städte und Dörfer in Südisrael so weit wie möglich zu reduzieren. Doch die Hamas zeigte sich entschlossen, "Vergeltung" zu üben und den "Widerstand" gegen Israel fortzusetzen.

Das Auto, in dem Jabari unterwegs war, war Mittwochnachmittag auf einer Straße in Gaza-Stadt durch eine Rakete zerstört worden, wobei anscheinend auch ein Leibwächter getötet wurde. Für die Israelis war der 52-jährige Jabari der "Kopf des Terrors" und "Generalstabschef der Hamas", der unzählige Anschläge organisiert habe - für die Palästinenser war er Held und Symbolfigur.

Sein Tod war der Startschuss für Israels offenbar lange vorbereitete "Operation Wolkensäule". In Wellen von Lufteinsätzen in verschiedenen Abschnitten des Gazastreifens seien Stützpunkte, Trainingscamps, Munitionslager und Raketenwerfer mit großer Präzision beschossen worden, teilten die Israelis mit. Insbesondere habe man eingegrabene Arsenale von iranischen Fajr-Raketen zerstört - mit einer Reichweite von bis zu 75 Kilometern könnten solche Geschosse auch den Ballungsraum um Tel Aviv gefährden.

Alarm in Tel Aviv

Tatsächlich schlugen am Donnerstagabend Raketen nahe Tel Aviv ein, in der Metropole wurde Alarm ausgelöst. Das israelische Armee-Radio meldete, eine Rakete sei direkt in der Stadt eingeschlagen, was ein israelischer Militärsprecher später dementierte. Die Rakete sei im Meer gelandet. Die radikale Palästinenserorganisation Islamischer Jihad bekannte sich zu dem Angriff - dem ersten seit 20 Jahren. Es habe sich um eine Fajr-Rakete gehandelt.

"Wir sind nicht bereit, eine Situation hinzunehmen, in der israelische Bürger von Raketenfeuer bedroht sind", hatte Israels Premier Benjamin Netanjahu die Offensive vor der Presse begründet. "Kein Land würde sich mit einer solchen Situation abfinden." Der Armeesprecher Joav Mordechai schloss, "falls es nötig sein wird", auch einen Einmarsch von Bodentruppen nicht aus.

Die Palästinenser meldeten bis Donnerstagabend 19 Tote und Dutzende Verletzte. Die Tötung Jabaris sei "ein großes zionistisches Verbrechen, für das der Feind den Preis bezahlen wird", sagte Hamas-Sprecher Mushir al-Masri, "das erfordert eine massive Vergeltung."

Durch einen Treffer auf ein Wohnhaus im Städtchen Kiriat Malachi wurden drei Isralis getötet. Beinahe im Minutenrhythmus gab es in Südisrael Raketenalarm, auch in den Großstädten Beer-Sheva und Ashdod, gut 50 Kilometer entfernt vom Gazastreifen. Dutzende Raketen wurden vom israelischen Abwehrsystem "Eiserne Kuppel" schon im Flug zerstört.

Politisch herrschte in Israel ein breiter Konsens der Unterstützung für die Offensive gegen die Islamisten und die "gezielte Tötung" von Hamas-Kommandanten, die großen Oppositionsparteien lobten Netanjahu. "Es ist das Recht und die Pflicht Israels und der Armee, auf das ununterbrochene Feuer und die Gefährdung des Lebens der Bürger im Süden zu reagieren", sagte Schelly Jachimowitsch, die Chefin der Arbeiterpartei, "was bisher gemacht wurde, ist absolut gerechtfertigt, richtig und angemessen."

Unterstützung von Obama

Rückendeckung bekam Netanjahu auch von US-Präsident Barack Obama, der "Israels Recht auf Selbstverteidigung" bestätigte. Zugleich stand die Beziehung zwischen Israel und Ägypten vor der schwersten Prüfung seit der Machtübernahme der Muslimbrüder in Kairo. Ägyptens Präsident Mohammed Morsi sicherte den Palästinensern Unterstützung zu. Noch am Mittwoch wurde der erst seit kurzem amtierende ägyptische Botschafter in Israel zurückberufen. Der ägyptische Premier Hisham Kandil will am Freitag Gaza besuchen.

Ägypten rief am Donnerstag erneut den UN-Sicherheitsrat an und bat die USA, die Offensive zu stoppen. Der Rat hatte am Mittwoch ein Ende der Gewalt gefordert, ohne Maßnahmen zu ergreifen. (Ben Segenreich, DER STANDARD, 16.11.2012)

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    Palästinenser beerdigten den von Israel getöteten Hamas-Militärchef Jabari.

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    In Israel versuchten die Menschen, sich vor den Raketen zu schützen.

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