Ein ganz normales Katastrophen-Jahr

Colette M. Schmidt
15. November 2012, 18:34

Poetisch-witzige Suppenkochgruppe der Zweiten Liga für Kunst und Kultur: "Zweitausendzwölf oder: Die Frau, die sich selbst eine Geschichte erzählen kann"

Graz - "Vierter März: Jemand, den ich nicht kenne, ist andauernd in meiner Wohnung." Das ist eine der Tagebucheintragungen, aus denen in der Theaterperformance Zweitausendzwölf oder: Die Frau, die sich selbst eine Geschichte erzählen kann ein ganzes Jahr erzählt wird. Oder fast ein ganzes Jahr. Denn 2012 ist noch nicht zu Ende, und die Zweite Liga für Kunst und Kultur wird weitere Mosaiksteine zum gesamten Bild hinzufügen. Am Mittwochabend feierte man Premiere im Vereinslokal der Zweiten Liga am Grazer Griesplatz und kam logischerweise bis zum 14. November.

War es ein Jahr der Katastrophen oder eines der neuen Beziehungen? Oder beides? Man weiß es nicht genau. Die hausbackene Geigenlehrerin (Barbara Kramer), die unbedingt schwanger werden will und von Wien nach Graz pendelt, misst es an persönlichen Erlebnissen. Die Berlinerin aus unverwüstlichem "ostdeutschem Plastik" im Meerjungfrauenkostüm (Vera Hagemann) und ihr Mann (Klaus Meßner) haben da auch ihre eigenen Zugänge.

Sie alle treffen sich regelmäßig mit einer Freundin (Christina Lederhaas), die das Leben mit Werkzeuggürtel und Bauhelm meistert, in einer "Suppenkochgruppe". SKG kürzt sich die verschwörerisch ab und dient doch nur als Kulminationspunkt von Erzählungen.

Während sie Zucchini und Zwiebel schneiden, schießen sie einander verbale Giftpfeile um die Ohren - und mitten ins Herz.

Verschiedenste Textsorten, die alle Schauspieler und der Dramatiker Johannes Schrettle im Kollektiv erarbeiteten, wachsen langsam zu einem amüsanten und bösen Ganzen zusammen.

Der Dialog des ungeborenen Kindes (Lederhaas) mit seiner Mutter passt dann irgendwie auch zur Geschichte des Mannes, der nur schnell Zigaretten holen ging - und dabei den Zug nach Wien nahm, weil der bevorzugte Zigarettenautomat zu Hause in Graz seine Sorte nicht enthielt.

"20. Juli. Was hast du davon gewusst?", fragt das Fantasiekind bedrohlich - und meint den Amoklauf bei einer Kinopremiere in den USA dieses Jahr. Doch die Mutter hat sich nur "Heute gibt's Hendl mit Reis" zum Tag notiert.

Die bunte Bühneninstallation "Rednerpulte, runde Tische und Bühnen" von Marusa Sagadin ist der materielle Unterbau zum Text: nämlich die Behauptung, dass es eigentliche keine Geschichten gibt, sondern nur Ereignisse, die in einem Rahmen - vielleicht einem Jahr - zueinanderfinden. Schön, wenn sie so dicht und unterhaltsam sind.     (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 16.11.2012)

Nächster Termin: Fr, 16. 11.

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