Auch der Ortskundige übersieht manchmal etwas

  • Wollen eigentlich möglichst wenig Wellen in ihrem Leben: das Wirtsehepaar Jana (Andrea Wenzl) und Hans (Andreas Lust) in Florian Flickers Kinofilm "Grenzgänger".
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    foto: thimfilm

    Wollen eigentlich möglichst wenig Wellen in ihrem Leben: das Wirtsehepaar Jana (Andrea Wenzl) und Hans (Andreas Lust) in Florian Flickers Kinofilm "Grenzgänger".

Der österreichische Regisseur Florian Flicker stellt mit "Grenzgänger" seinen neuen Kinofilm vor: eine Dreiecksgeschichte nach klassischem Vorbild

Angesiedelt ist sie an jenem Ende der Welt, an dem Österreich einmal lag - und sie ist das Gegenteil von einem Heimatfilm.

Wien - Dass Österreich einmal am Ende der Welt lag (dahinter nur noch Gulaschkommunismus und Gulag), kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Der Eiserne Vorhang hielt lange dicht, danach kam die EU-Außengrenze, die schon deutlich poröser war, heute herrscht eine Freizügigkeit, die vielen zu weit (und anderen alles andere als weit genug) geht. In dieser Situation ist ein kleiner Zeitsprung verdienstvoll.

Der Filmemacher Florian Flicker unternimmt ihn mit Grenzgänger, einer Geschichte, die vor gut zehn Jahren in den Marchauen im nordöstlichen Winkel des Landes spielt. In den fischreichen Gewässern, die von dichtem Schilf umstanden werden, scheint Breclav so weit weg zu sein wie Tschetschenien, aber auch nach Wien ist es eine halbe Weltreise.

In dieser gottverlassenen Gegend betreiben Hans (Andreas Lust) und Jana (Andrea Wenzl) eine kleine Gastwirtschaft. Wie es zu dieser Zweierbeziehung kam, lässt Flicker weitgehend offen, allerdings ist klar, dass sie auf einem Grenzübertritt beruht. Jana ist von drüben, Hans von herüben, beide wollen gerade dieses Unterschieds wegen möglichst wenig Wellen in ihrem Leben.

Die Idylle wird allerdings gelegentlich gestört. Eine Militärstreife macht sich in der Gegend wichtig, sie versucht, das österreichische Territorium, das hier besonders unübersichtlich ist, gegen unerlaubte Eindringlinge abzuschotten. Dazu soll auch der junge Rekrut Ronnie (Stefan Pohl) beitragen, der eigentlich einen Wachturm besetzen soll, zuerst einmal aber bei Jana einen Kaffee bestellt, und bald darauf ein Bier.

Er ist ein wenig früh dran, um sechs Uhr morgens hat das Gasthaus eigentlich noch nicht offen. Um fünf nach sechs dann schon, was damit zu tun haben könnte, dass Ronnie ein fescher Bursche ist und Hans sich seiner Sache mit Jana vielleicht die Spur zu sicher. Er hat große Pläne, ist im Alltag aber nicht immer der Aufmerksamste. Wahrscheinlich auch, weil er nachts oft unterwegs ist: Hans ist ein Grenzgänger, er nützt seine Ortskenntnis, um Menschen nach Österreich zu bringen, die vielleicht einen Pass haben, sicher aber kein Visum. Mit den Fischen verschwinden sie im Kühlwagen, der dann nach Wien fährt.

Florian Flicker hat sich für seinen ersten Spielfilm seit Der Überfall (2000) von einem Klassiker des österreichischen Theaters inspirieren lassen: Karl Schönherrs Der Weibsteufel. Vom Inhalt des Stücks ist vor allem das Grenzmotiv noch sehr präsent, geschlechterpolitisch aber hat Flicker die neuen Zeiten auf jeden Fall zur Kenntnis genommen.

Jana hat in Grenzgänger nichts, was sich zu den teuflischen Registern zählen ließe. Sie ist einfach eine schweigsame, wachsame Frau, deren Bedürfnis nach Sicherheit nicht immer das sexuelle Begehren überwiegt. So bekommt Ronnie, der vom Anforderungsprofil des "latin lovers" gerade einmal einen Schlager aus der Jukebox kennt, seine Chance, selbst dann noch, als er den grausamsten Satz aus einem insgesamt klug reduzierten Drehbuch ausgesprochen hat.

In Georg Lhotskys Moos auf den Steinen, mit dem 1968 der österreichische Film einen neuen Anfang nahm, lag das Land tatsächlich noch am Ende der Welt, damals allerdings jenes kakanischen Imperiums, von dem in Grenzgänger niemand mehr etwas weiß. Und doch gehören diese beiden Filme ein wenig zusammen, denn sie verhandeln ein gemeinsames Thema: wie in einer "kleinen" Kultur die Größe universaler Fragen aufscheinen kann.

Florian Flicker weiß darauf die naheliegende Antwort: überall und jederzeit, solange eine Geschichte nur so dicht wie möglich an den spezifischen Färbungen des Regionalen dranbleibt. Grenzgänger ist das Gegenteil eines Heimatfilms, aber er löst die Hoffnungen, die sich auf dieses verrufene Genre richteten, kritisch ein: im Sinne einer neuen Entdeckung der Landschaften, die einmal als vormodern galten, und ihrer "natürlichen" Ordnung, die wir heute wieder darin erkennen, dass sie Freiräume gegenüber falschen Autoritäten bietet.  (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 16.11.2012)

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