Tageszeitungskonzepte mit mehr Mut und Radikalität diskutieren

Presseschau

FAZ-Herausgeber D'Inka mahnt vor "Geschwätz" - "Zeit Online"-Chef Blau an Tageszeitungen: "Netz nicht als Feind empfinden"

Die Insolvenz der "Frankfurter Rundschau", das Aus für die gedruckte Ausgabe des deutschen Stadtmagazin "Prinz", die drohende Einstellung der "Financial Times Deutschland": Diese Meldungen sorgten in den vergangenen Tagen für heftige Debatten rund um Printkrise und Zeitungssterben. "Die Basislektion lautet: Gratismahlzeiten gibt es nicht. Wer für guten Journalismus nicht gutes Geld ausgeben will, liefert sich dem Kommerz und den Suchmaschinen aus, die gierig sind auf unsere Daten. Und wenn die letzte anständige Zeitung verschwunden ist, bleibt nur noch das Geschwätz", meint etwa Werner D'Inka, der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zum drohenden Ende der "Frankfurter Rundschau".

Knüwer: Marieantoinettiges Weltbild

"Was für ein letztjahrtausendiges marieantoinettiges Weltbild", kommentiert dazu Thomas Knüwer in seinem Blog Indiskretion Ehrensache. "Journalismus ist für D’Inka nur Journalismus, wenn er gedruckt wird. Solche Führungskräfte bereiten ihre Mitarbeiter nicht ausreichend auf den digitalen Wandel vor – denn sie stellen sich diesem Wandel ja selbst nicht, sie wollen ihn einfach wegnegieren. Das wird absehbar nicht funktionieren", so Knüwer.

Blau: Netz nicht als Feind empfinden

"Das inzwischen fragliche journalistische Konstrukt namens Tageszeitung" werde von Zeitungen selten als Grund für den Niedergang von Zeitungen genannt, schreibt Wolfgang Blau auf seiner Facebook-Seite. Er ist Chef der "Zeit"-Online und wechselt ab April 2013 als Director of Digital Strategy zum "Guardian". Blau: "Auch viele Tageszeitungen könnten eine Zukunft haben. Aber nur, wenn sie das Netz nicht als ihren Feind empfinden."

Natürlich sei "der Anzeigenschwund ein zentraler Grund für den Niedergang von Zeitungen", meint Blau in einem Folge-Post. "Sich aber nur auf ihn und auf die Konkurrenz durch kostenlose Angebote im Netz zu berufen, würde negieren, dass auch wirtschaftlich gesunde Tageszeitungen seit Jahren stetig Leser verlieren", sagt er und weist darauf hin, dass "Leser nicht nur von kostenlosen Angeboten ins Netz gelockt" würden, "sondern weil sie dort relevantere, spezialisiertere, originellere und damit subjektiv bessere Inhalte finden als in vielen Tageszeitungen".

Diese Aussagen wolle er "nicht als Urteil über die Qualität von Tageszeitungs-Redaktionen" verstanden wissen, "aber es ist die Aufforderung, über die Tauglichkeit heutiger Tageszeitungskonzepte mit sehr viel mehr Mut und durchaus auch Radikalität zu diskutieren".

Karmasin: Qualität hat Preis

Kommunikationswissenschafter Matthias Karmasin sagt im Interview mit dem Schweizer Tagesanzeiger, die Medienbranche habe es nicht geschafft, den Nutzern klarzumachen, dass Qualität ihren Preis habe. "Lustigerweise haben das andere Industrien hingekriegt. Wenn ich an Wasser oder Schokolade denke, bezahlen Menschen für Markenprodukte das Vielfache", so Karmasin. Im Onlinebereich sei die Preiselastizität jedoch extrem hoch. (red, derStandard.at, 16.11.2012)

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