Berge bremsen den Weg nach Brasilien

15. November 2012, 14:40
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Marcel Koller ist irritiert. Die schwache Leistung könnte ihren Ursprung in Selbstüberschätzung gehabt haben

Linz - Teamchef Marcel Koller hat in Linz eine neue Erfahrung gemacht. Das Gefühl des Frusts kannte er in seiner nun einjährigen Ära noch nicht. "Der Frust sitzt tief", sagte er am Tag nach dem 0:3 gegen Côte d' Ivoire. Verbandspräsident Leo Windtner gab zu, "dass es leider kein Fußballfest zur Abrundung einer gelungenen Saison war". Als Oberösterreicher war er doppelt gekränkt. Denn das Linzer Stadion hat sich für weitere Partien nicht aufgedrängt. An dieser Stätte hat der liebe Gott am neunten Tag die Stimmungslosigkeit erschaffen. Windtner sagte noch: "Die Anfahrt nach Brasilien ist steil." Dort findet bekanntlich die WM 2014 statt, und Österreich möchte ein kleiner Teil davon sein. Es liegen allerdings viele Berge auf der Strecke, möglicherweise sind sie unüberwindbar.

Der letzte Eindruck ist gemeinerweise ein bleibender. Er hält zumindest bis zum nächsten Match am 6. Februar 2013 in Swansea gegen Wales. Marc Janko sagte nach dem famos verpatzten Saisonabschluss: "Wir haben es nicht geschafft, gegen diesen Gegner zu bestehen. Ein Rückschlag. Ich hoffe, jetzt wird nicht alles schlechtgeredet." Ausgerechnet Janko hatte vor dem 0:3 erklärt, Österreich könne jede Mannschaft schlagen. Er legte noch nach: "Wirklich jede." Didier Drogba und Co lieferten das Gegenteil einer Bestätigung.

Koller analysierte in seiner leichten Verzweiflung messerscharf. "Die Moral war nicht da, um zurückzukommen. Der Gegner war schneller, kompakter, beweglicher, konsequenter, erfahrener. Und er hat Tore gemacht." Möglicherweise müsse der Trainerstab nun vorbeugen. "Es gibt Ansätze der Überheblichkeit und Selbstüberschätzung. Jeder muss sich selbst in den Hintern treten und vor seiner Tür kehren." Er zählt die Mängel auf: "Flüchtigkeitsfehler, schlampige Pässe, keine Konsequenz in der Defensive und Offensive. Aber vielleicht ist es ein heilsamer Schock. Bekommt man zum richtigen Zeitpunkt eine auf den Deckel, schadet das nicht."

Koller hatte die Startformation an sieben Positionen verändert, es waren aber durchaus gestandene Spieler am Werk. Dass die Nation zwei Anzüge hat, die passen, konnte nicht belegt werden. Es sind höchstens eineinhalb. Stammkräfte wie Christian Fuchs und Zlatko Junuzovic wurden gegen die Ivorer geschont, diesen Luxus wird man sich künftig nicht mehr leisten können und wollen. Der Teamchef übte keine Einzelkritik. "Ich stelle niemanden an den Pranger. Wir verlieren und gewinnen als Team. Nur das Übergeordnete zählt."

Trotzdem war 2012 ein passables Jahr. Die Zahl der sehr brauchbaren Fußballer ist gestiegen, das Nationalteam ist durchaus beliebt, es hat eine Identität und einen Wiedererkennungswert bekommen. Entwicklungsschritte wurden gesetzt. Der Teamgeist passt, schwierige Charaktere wie Marko Arnautovic sind nun voll integriert. Die Lage in der WM-Qualifikation könnte allerdings weit rosiger sein, dieses unnötige 0:0 in Kasachstan hat die Chancen nicht gerade erhöht. Koller: " Es kommt auf die direkten Duelle mit Schweden und Irland an." Zlatan Ibrahimovic ist bedauerlicherweise Schwede.

David Alaba ist glücklicherweise Österreicher, sein Fazit sieht so aus: " Wir haben trotzdem eine gute Mannschaft, müssen uns nicht mehr verstecken." Um sich ausführlich über die hohen Berge auf der steilen Anfahrt nach Brasilien zu unterhalten, dafür reichte die Zeit nicht. " Wir müssen hart arbeiten." Frohe Weihnachten. (Christian Hackl, DER STANDARD, 16. November 2012)

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    Marcel Koller kann mit dem Gesehenen nicht zufrieden sein.

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