Weniger Heroin in Europa, aber jede Woche eine neue synthetische Substanz

15. November 2012, 14:23
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Der Konsum von klassischen Drogen ist im Abnehmen, dafür tauchen immer mehr verschiedene Abwandlungen auf

Die EU-Drogenbeobachtungsstelle (EBDD) hat in Lissabon den aktuellen Jahresbericht präsentiert. Die Hauptpunkte darin: Der Konsum von Heroin ist rückläufig, Cannabis kommt immer öfter aus der "Nachbarschaft" und synthetische Substanzen sind stark im Vormarsch. Problematisch wird die zum Teil unsichere Finanzierung von Präventions- und Überwachungsprogrammen betrachtet.

In absoluten Zahlen sieht die Statistik so aus: Im vergangenen Monat haben schätzungsweise zwölf Millionen Europäer Cannabis und 1,5 Millionen Menschen Kokain konsumiert. 1,4 Millionen Menschen wiederum haben problematischen Opiatkonsum (zumeist Heroin), 700.000 sind in Substitutionstherapie.

Heroin geht zurück

Wie aus dem Bericht hervorgeht, ist bei Heroin ein Rückgang zu bemerken: "Marktindikatoren lassen vermuten, dass Heroin in Europa seit einigen Jahren nicht mehr so leicht verfügbar ist. In einigen Ländern wurde es auch durch andere Substanzen verdrängt, so unter anderem durch synthetische Opioide wie Fentanyl und Buprenorphin." Letztere war in Österreich früher bei Substitutionsdrogen als "erste Wahl" propagiert worden.

"Indikatoren für den injizierenden Konsum legen nahe, dass auch diese besonders schädliche Konsumform seltener praktiziert wird", heißt es in dem EU-Bericht weiter. Es gebe in Teilen Europas Anzeichen, wonach weniger neue Heroinkonsumenten nachkämen. Statistisch 4,2 von 1.000 Menschen haben in Europa problematischen Drogenkonsum. Österreich liegt hier in etwa im Durchschnitt.

Kokain wandelt sich

Bei Kokain erkennt die EBDD eine ähnliche Entwicklung. Nachdem sich die Droge "ein Jahrzehnt lang wachsender Beliebtheit erfreute, deuten die jüngsten Daten nun auf einen Abwärtstrend hin. Auch die Wahrnehmung der Droge scheint im Wandel begriffen zu sein, denn einigen Studien zufolge verliert Kokain wohl sein Image als Statusdroge."

Bei Stimulanzien (aufputschenden Substanzen wie Kokain) zeichnet sich folgende Entwicklung ab: "Kokain, Amphetamine, Ecstasy und jetzt manchmal auch synthetische Cathinone können aus der Sicht der Konsumenten gleichwertige und in gewissem Maße austauschbare Produkte darstellen. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass - neben Preis und Qualität - auch die Verfügbarkeit die Wahl der Konsumenten beeinflusst, wodurch sich auch die starken Schwankungen auf den heutigen Stimulanzienmärkten erklären lassen."

Synthetische Drogen verbreiten sich

Kokain und Amphetamin haben sich in Europa vor allem in West- und Nordeuropa etabliert. Hinzu kommen die verschiedensten synthetischen Drogen. Neben Amphetamin machen den Experten vor allem Ecstasy (MDMA/Methamphetamine), analoge Substanzen, die Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB), Ketamin und ständig neu auftauchende Abwandlungen dieser Stoffe Sorgen. Erstmals gibt es Daten, wonach auch GHB zu einer Abhängigkeit führen kann.

Die synthetischen "neuen" Drogen ("Legal Highs", "Research Drugs", "Badesalze" etc.) finden - mit einem heftigen Auf und Ab - immer schneller Verbreitung. Die EBDD: "Zwischen 2005 und 2011 wurden über das europäische Frühwarnsystem offiziell mehr als 164 psychoaktive Substanzen gemeldet." 2011 wurden insgesamt 49 Substanzen erstmalig entdeckt. Das bedeutete zum dritten Mal in Folge einen Anstieg: 2010 waren es 41 und im jahr davor 24 neue Substanzen gewesen. Für 2012 liegt der Wert bereits jetzt bei mehr als 50.

Jede Woche eine neue Substanz

Im Grund taucht bereits jede Woche eine neue Substanz auf, erklärten die Experten: ""Wobei China und in geringerem Maße Indien als hauptsächliche Quellländer ausgemacht werden." Dort seien die meisten Chemie- und Drogenküchen beheimatet. Österreich hat auf die Situation reagiert und die Produktion, der Handel und der Import ganzer Wirkstoffklassen ("generisch") verfolgt werden kann.

Bei Cannabis wiederum sei ein Trend zur Nachbarschaft erkennbar: "Mit dem Anstieg der Cannabis-Produktion innerhalb der EU wird das importierte Cannabisharz zunehmend durch lokal hergestellte Produkte verdrängt."

Zahl der Todesfälle nimmt ab

Positiv ist die Entwicklung bei den Todesfällen nach Gebrauch von illegalen Drogen. Die EBDD in ihrem aktuellen Report: "Die jüngsten Schätzungen geben für das Jahr 2010 rund 7.000 Überdosierungen oder drogeninduzierte Todesfälle in den EU-Mitgliedsstaaten und in Norwegen an." Im Jahr davor habe es zum Vergleich noch über 7.600 gemeldete Fälle gegeben.

Die Abnahme der Todesfälle durch Suchtgiftkonsum könnte auch mit der besseren Betreuung speziell der Opioid-Abhängigen mithilfe von Substitutionstherapie in Verbindung stehen. Im Jahr 2010 waren in der EU, in Kroatien, der Türkei und Norwegen bereits 709.000 Personen in Methadon-Behandlung. Der deutlichste Anstieg sei in Griechenland, Österreich - wo es mittlerweile fast 17.000 Patienten gibt - und Finnland zu verzeichnen.

Finanzkrise zeigt Wirkung

Die große Sorge der Drogenspezialisten: Die Finanzkrise in Europa führt auch zu Problemen bei der Prävention des Drogenkonsums, der Betreuung der Abhängigen und der Überwachung der Situation. Die EBDD nennt folgende Beispiele: "Irland, Portugal und die Slowakei stellten zwar für frühere Aktionspläne Budgets und jährliche Ausgabenschätzungen auf, nicht aber für die laufenden Pläne."

In den vergangenen Jahren seien die Ausgaben im Drogensektor in sechs Ländern rückläufig gewesen, zum Beispiel in Großbritannien mit minus fünf Prozent. 2010 lagen die Ausgaben in Estland um 54 Prozent unter denen im Jahr 2008. In Ungarn wurden die Mittel um 25 Prozent gekürzt, in Kroatien um zehn Prozent. Eine Reduktion gab es auch in Tschechien. (APA/red, derStandard.at, 15.11.2012)

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