Lehrerausbildung: Wissenschaftsrat warnt vor Wildwuchs

Berka: Regierung muss nach einigen Jahren Rahmen vorgeben - Verbesserungsbedarf bei PH und Unis - Mittelstraß: Möglichkeit zum Quereinstieg wichtig

Wien - Der Wissenschaftsrat will die Regierung bei der neuen Lehrerausbildung in die Verantwortung nehmen. Es sei zwar pragmatisch und "keine unvernünftige Lösung", dass nicht vorgegeben wird, ob künftige Pädagogen unter Führung von Universitäten oder Pädagogischen Hochschulen (PH) ausgebildet werden sollen. Dieser Zwischenschritt aus Kooperationen und Verbünden berge aber die Gefahr eines Wildwuchses, warnte der Vizevorsitzende Walter Berka am Donnerstag vor Beginn einer Tagung des Rats zur Zukunft der Lehrerausbildung.

Nach einer Experimentierphase von einigen Jahren müsse die Politik Vorgaben machen, sonst könnte in jedem Bundesland eine andere Lösung entstehen. "Ohne diesen regulativen Rahmen wird man der österreichischen Lehrerausbildung keine positive Zukunft prophezeien können", so Berka.

Eigenständige Einheiten

Verbesserungsbedarf ortet der Rat dabei sowohl bei den Unis, die derzeit die Lehrer für AHS und berufsbildende höhere Schulen (BHS) ausbilden, als auch bei den PH, die für die Ausbildung der Pflichtschullehrer (Volks-, Haupt-, Sonder- und Polytechnische Schule) zuständig sind. An den Unis sei die Lehrerausbildung lange das fünfte Rad am Wagen gewesen, so der Ratsvorsitzende Jürgen Mittelstraß. Berka ortet auch Bedarf nach stärkerer Orientierung an der Profession, die Schaffung eigener Einheiten für Lehrerausbildung an manchen Unis sei hier jedoch schon "ein ganz guter Weg".

Die PH stünden indes vor ganz anderen Herausforderungen: Diese müssten von einer nachgeordneten Stelle des Unterrichtsministeriums zu autonomen Institutionen werden, andernfalls könnten sie "nicht den Ansprüchen genügen, eine akademische Ausbildung auf universitärem Niveau anzubieten", so Berka.

Den Zertifizierungsrat, der nach Plänen der Regierung feststellen soll, ob das jeweilige Studienangebot die Kriterien für eine Anstellung an Schulen erfüllt, lehnt der Wissenschaftsrat indes ab. Mit der AQA.Austria gebe es ohnehin eine neu geschaffene Qualitätssicherungsagentur, außerdem sei der Plan, dass der Rat einzelne Studiengänge zertifizieren soll, ein Eingriff in die Autonomie der Unis. Der Rat will laut Berka, dass Hochschulen selbst entscheiden, wie sie in den Studienplänen sicherstellen, dass die Anforderungen künftiger Dienstgeber erfüllt werden.

Quereinstieg notwendig

Wesentlich für die Ausbildung künftiger Lehrer wird aus Mittelstraß Sicht auch die Möglichkeit zum Quereinstieg sein. In Großbritannien gibt es diese schon seit den 1990ern, schilderte Norbert Pachler, der am Institute of Education der Uni London die internationale Lehrerbildung leitet. Interessenten können gleich direkt in den Job einsteigen, auf 24 Wochen durch die Uni begleiteten Unterricht an der Schule und zwölf Wochen an der Uni selbst folgt eine einjährige Induktionsphase, in der sie zeigen müssen, ob sie das Gelernte umsetzen können. Der Schulleiter sagt dann, ob der Bewerber geeignet ist.

Generell ist in Großbritannien die Auswahl jener Bachelorabsolventen, die eine Lehrerausbildung beginnen dürfen, rigoros. Nur die Besten werden genommen und teils auch durch finanzielle Anreize für das Lehramtsstudium gelockt. Im Rahmen der Tagung werden auch die Lehrerausbildungssysteme in Deutschland, Norwegen und den USA vorgestellt. (APA, 15.11.2012)

TAGUNG

"Lehren lernen - Die Zukunft der Lehrerbildung", Tagung des österreichischen Wissenschaftsrats. 15. bis 16. November.

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