Banker: "EZB-Liquidität war Sauerstoff"

Interview27. November 2012, 05:30
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Schlechte Ratings steigern die Kosten auf dem Zwischen-Bankmarkt, sagt RLB-Südtirol-Präsident Grüner. Von diesem sollten sich die Banken befreien

Im August stufte Standard & Poor's 15 italienische Banken herab. Auch das Land hat kein gutes Rating. Diese verringerte Bonität betreffe jede Bank, die übernational tätig ist, sagt Michael Grüner, Präsident der Raiffeisen Landesbank Südtirol. Der Liquiditätsschub, den die Europäische Zentralbank (EZB) gegen die Hinterlegung von Staatspapieren ermöglicht hat, sei aber Sauerstoff für das System gewesen. Die Bedenken deutscher Banken gegen eine gemeinsame europäische Einlagensicherung kann er verstehen. Und welchen Herausforderungen müssen sich Regionalbanken stellen? Sie sollten sich vor allem auf ihr eigenes Gebiet konzentrieren, geografisch.


derStandard.at: Deutsche Sparkassen und Genossenschaftsbanken wehren sich gegen eine gemeinsame europäische Einlagensicherung. Sie befürchten einen Dominoeffekt.

Michael Grüner: Es ist verständlich, wenn sich deutsche Banken zunächst gegen eine gemeinsame Einlagensicherung wehren. Deutschland - und damit die deutschen Banken - verfügt im Vergleich zu den Ratings einiger anderer EU-Länder und der in diesen Ländern angesiedelten Banken über ein gutes Rating. Aus deutscher Sicht kann befürchtet werden, dass sich Insolvenzen von Banken in anderen EU-Ländern auch auf deutsche Sparkassen und Genossenschaftsbanken niederschlagen, wenn es eine gemeinsame europäischen Einlagensicherung gibt - im Sinne eines Ansteigens der Risikokosten. Es ist generell problematisch, zwischen Ländern von so unterschiedlicher Bonität ein gemeinsames Einlagensicherungssystem aufzubauen.

Im Fall Italiens ist es sogar problematisch, innerhalb des selben Landes ein einheitliches Sicherungssystem aufrecht zu erhalten. Bei Genossenschaftsbanken etwa ist das Bonitätsgefälle zum Teil sehr krass: Die in Südtirol tätigen Genossenschaftsbanken - und auch die anderen Lokalbanken - weisen eine hohe Bonität und Stabilität auf. Zudem haben wir fast einen Sonderstatus, weil das Land Südtirol ein eigenständiges Rating hat, das wesentlich besser ist als jenes des italienischen Staates. Daher wurden die Südtiroler Banken von der mehrfach herabgestuften Bonität das Staates Italien auch weniger getroffen als andere italienische Banken.

derStandard.at: Betrifft das Rating anderer Geldinstitute auf dem Staatsgebiet Ihre Arbeitsweise dennoch?

Grüner: Es betrifft vor allem jene Banken, die sich für die Mittelbeschaffung des internationalen Geldmarkts bedienen. Wer nämlich ein schlechteres Rating hat, ist auf dem internationalen Zwischenbankmarkt nicht mehr so kreditwürdig und entsprechend steigen die Kosten für die Mittelbeschaffung. Das sind die unmittelbaren Auswirkungen.

derStandard.at: Ist es realistisch, dass sich das bei einer gemeinsamen Einlagensicherung so auf die europäische Ebene übertragen kann?

Grüner: Das ist schwer abzuschätzen. Sicher wird ein gemeinsames Einlagensicherungssystem Auswirkungen haben, wenn nicht direkte so indirekte. In den verschiedenen Ländern gibt es ja heute schon Einlagensicherungssysteme: Österreich hat eines, Deutschland auch. In Italien sind Einlagen bis zu maximal 100.000 Euro garantiert. Das wahrscheinliche Ziel ist es aber nicht, nur ein Einlagensicherungssystem zu errichten, sondern ein Institutssicherungssystem. Das geht also weiter. Es sollte ein Sicherungssystem werden, das dem Scheitern der Bank schon im Vorfeld zuvorkommt. Grundlage eines jeden Einlagensicherungssystems ist die Bewertung der einzelnen Kreditinstitute, die ihm angeschlossen sind. Je nach Bonität des Instituts steigen oder sinken die Kosten, die für die Teilnahme am Sicherungssystem aufzubringen und einzuzahlen sind.

derStandard.at: Ist das eine der indirekten Auswirkungen?

Grüner: Das ist eine indirekte Auswirkung: Wenn ich heute nämlich ein Kreditinstitut bin in einem Land mit einem schlechten Rating – zum Beispiel Italien, Spanien oder Portugal – und dann noch als Institut schlecht dastehe, steigen für das betroffene Kreditinstitut die Kosten als Mitglied im Einlagensicherungssystem. Schlecht da steht ein Institut zum Beispiel, weil seine eigene Bonität schlecht ist, weil es faule Kredite oder eine schlechte Rentabilität hat. Die Sicherungssysteme basieren auf einem Fonds. Jedes angeschlossene Institut zahlt da ein. Wer ein schlechtes Rating hat, zahlt mehr ein, weil die Risikokosten höher sind. Wer solide ist, zahlt weniger ein. Es wäre also nicht gerecht, wenn ein sehr stabiles und erfolgreiches Institut, gleich viel in den Fonds einzahlen muss wie ein gefährdetes.

derStandard.at: Die Befürchtungen der deutschen Banken sind also nachvollziehbar?

Grüner: Sie sind zum Teil berechtigt. Wenn die deutschen Banken davon ausgehen, dass sie in einem Land tätig sind, das ein gutes Rating hat, ihr Risiko eher gering ist und sie auch selbst stabil sind, dann ist die Prämie, die sie in ihres oder auch in das europäische Sicherungssystem einzahlen, entsprechend geringer. Das gesamte System haftet dann allerdings auch für die Risiken in Italien, in Spanien, in Griechenland, in Portugal. Wenn die Gesamtkosten für den europäischen Sicherungsfonds dann hoch sind, weil das Risiko in anderen Ländern eben hoch ist, wird sich das am Ende natürlich auch auf die Länder mit guter Bonität und mit niedrigem Risiko auswirken.

derStandard.at: EZB-Präsident Draghi ist zurückgerudert. Er sagt, eine gemeinsame Einlagensicherung sei nicht unbedingt notwendig. Wie ist das zu beurteilen?

Grüner: Irgendeine Einlagensicherung ist ja schon jetzt in jedem nationalen System Pflicht, dazu gibt es eine europäische Richtlinie. In Italien arbeiten wir derzeit daran, über das Einlagensicherungssystem ein Institutssicherungssystem zu kreieren. Das Einlagensicherungssystem greift ja erst dann, wenn die Bank default ist. Wenn sie die Einlagen nicht mehr bedienen kann, tritt die Einlagensicherung ein und man ist verpflichtet, den Einlegern bis zu 100.000 Euro zu zahlen.

Meines Erachtens wäre aber ein Institutssicherungssystem viel zweckmäßiger. Es sollte ein Instrumentarium geschaffen werden, das einschreitet, wenn Symptome darauf hindeuten, dass eine Bank gefährdet ist. Dann kann das System einschreiten und sagen: Da muss die Verwaltung weg, da muss rekapitalisiert werden, Kredite müssen abgebaut werden, Filialen müssen geschlossen werden. Eine Art Sanierungsprozess also, damit die Insolvenz vermieden wird. Die Frage die sich in diesem Kontext stellt: Worauf zielt das europäische Sicherungssystem ab? Zielt es darauf ab, Einlagen zu sichern? Oder zielt es auch auf ein einheitliches Institutssicherungssystem ab? Ich persönlich gehe davon aus, dass früher oder später ein einheitliches Sicherungssystem für alle EU-Länder kommen muss.

derStandard.at: Ein einheitliches oder ein gemeinsames?

Grüner: Ich würde sagen, in einer ersten Stufe ein einheitliches. Die Bankenaufsicht, die heute in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich ist, muss vereinheitlicht werden, früher oder später. Die Frage ist nur, ob dann zwischen Kleinbanken, Großbanken und den so genannten Systembanken unterschieden wird. Vielleicht braucht es etwa für Genossenschaftsbanken und Regionalbanken ein einfacheres System, aber einheitliche Systeme müssen her. Wenn die Aufsichtsmechanismen einmal vereinheitlicht sind, ist es folgerichtig oder fast zwingend, dass auch die eingerichteten Sicherungssysteme vereinheitlicht werden.

derStandard.at: Die gemeinsame Bankenaufsicht wurde ja ohnehin beschlossen und soll jetzt ab 2013 schrittweise umgesetzt werden.

Grüner: Genau. Da muss man jetzt schauen, wie das umgesetzt wird. Da gibt es auch Bedenken. Ich kann nicht für die UniCredit die gleichen Maßstäbe anwenden wie für die Raiffeisenkasse Sarntal.

derStandard.at: Wird sich diese gemeinsame Aufsicht auf eine kleine Bank überhaupt auswirken?

Grüner: Wenn ich das wüsste, wäre ich ein Prophet. Im Ernst: ich bin überzeugt davon. Die zu erfüllenden Formalitäten werden zunehmen. Es wird sicher eine zusätzliche Belastung geben.

derStandard.at: Vor kurzem ist wieder eine Studie erschienen, in der steht, dass sich Banken in der Krise wieder auf ihr klassisches Geschäft zurückbesinnen.

Grüner: Eine sehr weise Entscheidung.

derStandard.at: Ist das auch im täglichen Handeln der Banken zu sehen?

Grüner: Banken im Allgemeinen ist natürlich ein sehr weites Spektrum. Es gibt Banken, die ihre Gewinne in den letzten Jahren und Jahrzehnten mit spekulativen Geschäften verdient haben, während Genossenschaftsbanken sich auch bisher auf das klassische Geschäft konzentriert haben: Einlagen sammeln, Kredite vergeben, Spargelder verwalten, einfache und transparente Produkte vermitteln. Die Genossenschaftsbanken haben sich auch als am meisten krisenresistent erwiesen.

derStandard.at: Sind dennoch auch die Genossenschaftsbanken vorsichtiger geworden?

Grüner: Sie sind natürlich vorsichtiger geworden. So wie jeder Kaufmann vorsichtiger wird in Zeiten, in denen man Angst haben muss, dass ein Geschäftspartner nicht oder verzögert zahlt oder in Schwierigkeiten gerät. Wenn da aber geredet wird von Kreditklemme, davon, dass die Banken die Hähne zugedreht haben, dann halten wir mit den statistischen Daten - auch von 2011 und 2012 - dagegen. Wir haben auch im Kreditbereich immer noch Wachstumsraten gehabt. Wir haben also versucht, unsere Kunden weiterhin zu bedienen.

derStandard.at: Vor welchen großen Herausforderungen stehen die Banken jetzt?

Grüner: Ich rede natürlich immer für eine lokale Genossenschaftsbank. Wichtig ist es, die Tätigkeit auf das angestammte Gebiet zu beschränken. Viele haben draufgezahlt, weil sie die eigene Region, den angestammten Tätigkeitsbereich verlassen haben - geografisch gesehen. Konzentration auf die klassischen Bankprodukte, Einlagensammlung. Aus Sicht der Banken war es ein wesentlicher Aspekt der Krise, dass sie es nicht geschafft haben, die Liquidität für die Kreditvergabe bereitzuhalten. Zentral ist dabei der Begriff des Investitionsverhältnisses. Es gab Banken, bei denen das bei 120 Prozent stand, das heißt, sie haben mehr in Form von Krediten ausgegeben als sie in Form von Einlagen sammeln konnten.

In der Vergangenheit waren diese Mittel relativ problemlos auf dem Zwischenbankenmarkt zu bekommen, zu günstigen Konditionen. Mittlerweile ist es für eine italienische Bank aber problematisch, die Mittelbeschaffung ist kostspieliger geworden. Wie bereits erwähnt eine Folge des schlechten Ratings. Dass die EZB gegen die Hinterlegung von Staatspapieren einen Liquiditätsschub ermöglicht hat, das war Sauerstoff für das System. Dennoch haben die Herabstufungen Auswirkungen. Unsere Devise lautet daher: Investitionsverhältnis unter 100 Prozent. Dann ist man nicht auf den Geldmarkt angewiesen.

Wichtig ist es auch, das Risiko ständig im Auge zu behalten, und ausserdem muss es angemessen bepreist werden. Der Premium-Kunde hat im Kreditbereich andere Konditionen als der risikobehaftete Kunde. Das muss einfach entsprechend berücksichtigt werden. (Elisabeth Parteli, derStandard.at, 26.11.2012)

Michael Grüner ist Präsident der Raiffeisen Landesbank Südtirol AG, Vizepräsident der Investitionsbank Mediocredito Trentino-Südtirol und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Alpenbank Innsbruck.

  • Der Liquiditätsschub durch die EZB verschaffte den italienischen Banken eine Verschnaufpause.
    foto: apa/arne dedert

    Der Liquiditätsschub durch die EZB verschaffte den italienischen Banken eine Verschnaufpause.

  • Michael Grüner: "Es sollte ein Instrumentarium geschaffen werden, das schon dann einschreitet,
wenn Symptome darauf hindeuten, dass eine
Bank gefährdet ist. Das System kann dann sagen: Da muss die
Verwaltung weg, da muss rekapitalisiert werden, Kredite müssen abgebaut werden,
Filialen müssen geschlossen werden."
    foto: sabine weissenegger

    Michael Grüner: "Es sollte ein Instrumentarium geschaffen werden, das schon dann einschreitet, wenn Symptome darauf hindeuten, dass eine Bank gefährdet ist. Das System kann dann sagen: Da muss die Verwaltung weg, da muss rekapitalisiert werden, Kredite müssen abgebaut werden, Filialen müssen geschlossen werden."

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