"Österreich punkto Aktien Entwicklungsland"

Interview15. November 2012, 09:41
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Die Wiener-Börsen-Chefin Birgit Kuras wünscht sich flächendeckende Lehrpläne zum Thema Kapitalmarkt

STANDARD: Warum engagiert sich die Wiener Börse, um Wissen über den Kapitalmarkt in die Schulklassen zu transferieren?

Kuras: Wenn man sich Österreich in puncto Aktien und Aktienbesitz anschaut, ist es zweifelsohne ein Entwicklungsland. Direkt in Aktien werden nur drei Prozent des Geldvermögens investiert. Der Wert ist zudem tiefer, als er schon einmal war. Da muss man schon sagen, dass es Nachholbedarf gibt. Ich bringe immer das Beispiel meiner Tochter: Wäre sie nicht in eine Aktienfamilie geboren, hätte sie während ihrer ganzen Ausbildung nie etwas von Aktien gehört.

STANDARD: Warum wird das Thema Kapitalmarkt in den Schulen bisher so wenig beleuchtet?

Kuras: Weil es nicht vorgeschrieben ist und weil das Thema nach wie vor so negativ besetzt ist mit Zockerei, Spekulanten, Kasino etc. In den Schulen wird es nur dann gelehrt, wenn sich die Lehrer damit identifizieren können. Da muss ein Umdenken stattfinden. Dann sieht man auch, dass eine Aktie keine Zockerei, sondern eine Beteiligung an einem Unternehmen ist. Je mehr man darüber weiß, desto besser kommt man von den Vorurteilen der Zockerei auch wieder weg.

STANDARD: Aus einigen Schulen ist zu hören, dass aktuelle Nachrichten in den Unterricht eingebaut werden. Ist das zu wenig?

Kuras: Natürlich ist es erfreulich, dass es Lehrer gibt, denen es ein Anliegen ist, dieses Wissen an die Schüler weiterzugeben. Es gibt tolle Einzelinitiativen, aber das ist nicht flächendeckend, und das ist das Problem. Jeden Abend wird in der ZiB 2 die Entwicklung von ATX, Dax und Dow Jones durchgesagt. Ich bin überzeugt, dass viele Zuseher gar nicht wissen, was der ATX ist. Das, was in den Medien berichtet wird, klafft oft mit dem auseinander, was gelehrt wird. Diese Lücke ist riesengroß.

STANDARD: Was wäre ein Ansatz, um diese Lücke zu schließen?

Kuras: Man muss diese Themen in die Lehrpläne aufnehmen. Was sind Aktien, wo können sie erworben werden? Das Wissen darüber, dass Unternehmen sich je nach Branche zyklisch entwickeln. Dann kommen psychologische Faktoren dazu etc. Damit werden Chancen und Risiken aufgezeigt.

STANDARD: Würde all das in den Schulen umgesetzt, was verspricht sich die Wiener Börse davon?

Kuras: Ein offeneres Zugehen. Ich vergleiche das immer mit einer eisigen Piste. Habe ich Ski fahren gelernt, weiß ich, dass das gefährlich sein kann, und bewege mich anders. Stehe ich als Anfänger auf der Piste, habe ich Panik und stolpere möglicherweise. Ich erwarte mir schon mehr Aktionäre. Schon allein wegen der steigenden Notwendigkeit in der Altersvorsorge. (Bettina Pfluger, DER STANDARD; 15.11.2012)

BIRGIT KURAS (55) begann ihre Karriere 1984 nach dem BWL-Studium in der RZB, 2002 wechselte sie zur RCB und war Mitglied im Führungsteam. Seit März ist sie im Wiener-Börse-Vorstand.

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    Birgit Kuras: Es gibt tolle Einzelinitiativen, aber das ist nicht flächendeckend, und das ist das Problem.

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