Kleines Glücksspiel: Ignorierte Sensationen

Kolumne14. November 2012, 19:54
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Die kleine SPÖ-Parteitagssensation, der angenommene Antrag auf das bundesweite Verbot des kleinen Glücksspiels, wurde sträflich ignoriert

Dass man in der SPÖ wenig Freude mit der öffentlichen Wahrnehmung des letzten Bundesparteitages hatte, ist nicht weiter verwunderlich. Die demütigenden 83 Prozent für Werner Faymann überstrahlten den Rest der Veranstaltung in vergleichbarer Art und Weise, wie es die Affäre Sido gegen Heinzl mit der TV-Show Die große Chance getan hat. Wobei der Bundeskanzler - das Ausmaß seiner Beliebtheit offensichtlich ähnlich falsch einschätzend wie der geprügelte Society-Reporter - überrascht erkennen musste, dass er haltlose Schadenfreude keinesfalls nur beim politischen Gegner ausgelöst hatte.

Eine Reaktion, die zwar aus menschlichen und durchaus auch sachlichen Gründen verständlich erscheint, die aber in der medialen Rezeption dazu geführt hat, dass eine kleine Parteitagssensation sträflich ignoriert wurde: Die SPÖ hat mit großer Mehrheit einen Antrag der Wiener Sektion 8 auf bundesweites Verbot des "kleinen Glücksspiels" angenommen. Eine geradezu historische Kehrtwende, wenn man sich anschaut, in welchem Ausmaß der führende Glücksspielautomaten-Konzern Novomatic bislang die Parteizeitung SPÖ aktuell, Einladungen zu Bezirksfestwochen und sogar die Plakate für den 1. Mai gesponsert hat. Doch ab nun ist es neue Parteilinie, dass Automatenglücksspiel für die Betroffenen "Not, Krankheit, Armut, Elend, Kriminalität, häusliche Gewalt und Existenzbedrohung bedeutet", und auch die enormen volkswirtschaftlichen Schäden werden beim Namen genannt, allen voran die "Bekämpfung und Aufarbeitung der Beschaffungskriminalität".

Eine Argumentation, der sich ein wirtschaftlich denkender, für "Recht und Ordnung" eintretender Koalitionspartner wohl kaum wird entziehen können. Denn auch in der ÖVP weiß man, dass jeder neu aufgestellte Automat einen Spielsüchtigen mehr hervorbringt und fast jeder fünfte Spielsüchtige zur Finanzierung seiner Sucht Straftaten begeht, wodurch man einen Fall von gelebter Evolutionstheorie beobachten kann: aus einarmigen Banditen entstehen zweiarmige.

Nicht minder verblüffend und genauso medial ignoriert wie der überaus vernünftige Parteitagsbeschluss wurde eine Geschichte, deren Publikwerden wir allein der Kronen-Zeitung verdanken. Diese rückte unlängst eine Meldung ins Blatt, die erstmalig Anzeichen von Schuldbewusstsein bei einem Glücksspielkonzern erkennen lässt. Demnach hat Novomatic 2000 Euro an das St.-Anna-Kinderspital gespendet. "Das Geld stammt von einer ausgelobten Belohnung der Polizei für die Festnahme eines Bankräubers, der vom Sicherheitsunternehmen des Glücksspielkonzerns beim Einwechseln der eingefärbten Beute im Pratercasino überführt wurde."

Der Räuber ist also nach seiner Tat schnurstracks zum nächsten Spielautomaten spaziert. Große Preisfrage: Was wird da wohl das Motiv für seinen Banküberfall gewesen sein?

Dass im Pratercasino die Beute als Spieleinsatz nicht akzeptiert wurde, verwundert nicht wirklich, war diese doch "eingefärbt". Sollte es Novomatic jedoch in Zukunft gelingen, jedes kriminell beschaffte Geld nicht nur zu erkennen, sondern auch nicht mehr anzunehmen, könnte sich die Forderung nach einem Verbot der Automaten vielleicht aus wirtschaftlichen Gründen von selbst erledigen. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 15.11.2012)

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